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Das Schweigen überwinden

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Von: Karola Schepp

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Moderatorin Vera Stelter, Autorin Dilek Güngör und Moderatorin Ekatherina Doulia ( v. l.) im Gespräch. © Barbara Czernek

Mit ihrem Buch »Vater und ich« war Dilek Güngör Gast einer Lesung anlässlich des Internationalen Tages gegen Rassismus. Und auch ihren Vorgängerroman »Ich bin Özlem« hatte die Autorin dabei. Beide thematisieren das Leben der sogenannten türkischen Gastarbeiter und ihrer Kinder in diesem Land.

Die Sprachlosigkeit durchbrechen - das gelingt Ipek im Buch »Mein Vater und ich« nicht, als sie ihren türkischen Vater besucht. Und das vermag auch die Protagonistin in »Ich bin Özlem« kaum, die als Kind mit türkischen Wurzeln Alltagsrassismus erlebt. Autorin beider Bücher ist Dilek Güngör, die man unter anderem von ihren Kolumnen für die Berliner Zeitung kennt. Aus beiden Bänden las sie in einer ausverkauften Lesung im Hermann-Levi-Saal anlässlich des Internationalen Tages gegen Rassismus - in einer Kooperationsveranstaltung von Literarischem Zentrum, dem Büro für Integration der Stadt und der Stadtbibliothek.

Das »Schreiben ohne Nachrichtenwert« habe ihr eigentlich nicht gelegen, bekennt die Journalistin und Schriftstellerin Güngör im Gespräch mit den beiden Moderatorinnen Vera Stelter und Ekatherina Doulia. Doch indem sie aus der Ich-Perspektive erzähle, von Dingen, die sie so oder ähnlich selbst erlebt habe, falle ihr das leichter. »Es hat beide Geschichten so nicht gegeben«, betont Güngör. Doch sie erzählten von dem, was möglich gewesen wäre. »Beschreiben, ohne zu erklären«, sei ihr Ziel und sie hoffe, dass sich die Leserinnen und Leser in der besonderen Beziehung von »Vater und ich« wiederfinden.

Wie speziell diese Beziehung auch im echten Leben ist, offenbart die Autorin mit ihrem Hinweis, dass sie zwar demnächst auch in Schwäbisch-Gmünd aus »Vater und ich« lesen werde, wo sie 1972 geboren wurde und ihre Eltern leben. Aber sie wisse nicht, ob ihr Vater auch zur Lesung kommen werde - geschweige denn, ob er das Buch auch tatsächlich gelesen habe.

»Ich will in diese Traumata nicht eindringen«, formuliert Güngör den schwierigen Spagat zwischen türkischer Herkunft und Alltag in Deutschland, zwischen Tradition und Moderne. Doch das »Schauen auf die Gastarbeiterkinder« habe in ihrem Herzen einen festen Platz. Und mit Sprechen allein sei es ohnehin oft nicht getan. »Aber ganz ohne Worte geht es auch nicht.«

Im 2021 für den Deutschen Buchpreis nominierten Band »Vater und ich« erzählt Güngör aus der Ich-Perspektive der Tochter Ipek, wie Missverständnisse und Unausgesprochenes die in der Kindheit noch von gemeinsamen Späßen geprägte innige Beziehung zwischen dem Vater, der in den 70er Jahren aus der Türkei als sogenannter Gastarbeiter nach Deutschland kam, und seiner in Deutschland aufgewachsenen Tochter Ipek prägen. »Wann haben wir aufgehört, miteinander zu sprechen? Als ich zwölf wurde, oder dreizehn?«, lauten die ersten beiden Sätze des nur knapp 100 Seiten dünnen Bandes voller Humor und rührender Momente. Vater und Tochter haben sich voneinander entfremdet, und sind doch immer noch in Liebe miteinander verbunden. Das zeigt sich in Gesten und stummem Beisammensein- doch darüber zu reden, sich gegenseitig zu öffnen, das schaffen beide nicht bei einem Wochenendbesuch, an dem die Mutter und Ehefrau nicht im Haus ist. »Ich wollte, dass beide in dieser Befangenheit gefangen sind«, beschreibt Güngör im Gespräch mit den Moderatorinnen.

Um Anpassung als zunächst oberstes Ziel, die schwierige Suche nach Selbstfindung und die oft sprachlose Reaktion auf Diskriminierung und Rassismuserfahrungen geht es auch im Buch »Ich bin Özlem«. In der fiktiven Biographie der jungen Özlem schildert Güngör auch ihre eigenen Erfahrungen mit Alltagsrassismus. Es geht um Fragen nach kultureller Zugehörigkeit und wie schrecklich es für Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund ist, von jedem gleich mit einem Identitätsetikett versehen zu werden.

Dabei wolle sie ihre Bücher nicht als »anklagend, sondern beschreibend« verstanden wissen, betont die Autorin. Sie wolle aber Gefühle von Ausgegrenzten für andere erlebbar machen und ruft dazu auf: »Wir müssen ein bisschen Platz dafür machen, dass die Welt nicht immer so ist, wie wir sie uns denken.« Gerade das Aushalten von Widersprüchlichkeiten - »ich bin das und das« - leisteten Migranten. Und Literatur könne Hilfe geben, dafür ein Verständnis zu entwickeln. Indem Bücher in das Leben eines anderen einführten, könnten sie die Gefühlswelt einer Figur für die Leser erlebbar machen.

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