Das Schweigen aufbrechen

  • Kays Al-Khanak
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Die Universität Gießen und der Deutsche Feuerwehrverband haben jetzt ein bemerkenswertes Projekt vorgestellt: Kommunen können sich bei »Das Dritte Reich und wir« mit dem Nationalsozialismus vor Ort auseinandersetzen. Ohne anzuklagen, soll das vielerorts vorhandene bleierne Schweigen über das Thema aufgebrochen werden.

Es gibt immer mehr Institutionen und Unternehmen, die ihre Geschichte während des Nationalsozialismus aufarbeiten. Doch gerade in Dörfern gibt es Lücken, herrscht noch Schweigen zu Details und Zusammenhängen der Nazi-Diktatur. Um dies aufzubrechen, haben die Justus-Liebig-Universität (JLU) Gießen und der Deutsche Feuerwehrverband (DFV) ein Projekt ins Leben gerufen. Der Titel lautet »Das Dritte Reich und wir«. Dort sollen Dörfer und Städte die Möglichkeit erhalten, sich mit Spuren des Nationalsozialismus vor Ort auseinanderzusetzen - und die Ergebnisse dieser Suche dort zu präsentieren. »Wir wollen die Aufarbeitung anders betreiben«, sagt der Projektmitarbeiter Dr. Clemens Tangerding. »Wir wollen mehr Teilhabe ermöglichen, mehr entdecken und diskutieren als anklagen.«

»Das Dritte Reich und wir« ist aus dem Projekt »Feuerwehren in der NS-Zeit« hervorgegangen. Dort arbeiten die Freiwilligen Wehren aus Mannheim, Dömitz, Marburg und Schwedt/Oder ihre NS-Geschichte auf. Der Ansatz habe zu zwei Problemen geführt, sagt Tangerding: Zum einen sei das Ehrenamt in der Feuerwehr zeitaufwendig - und die Ressourcen der Beteiligten begrenzt. Zum anderen sei es in kleineren Orten schwer, ausreichend Material über die Feuerwehr-Geschichte der NS-Zeit zu finden.

Um diesen Schwierigkeiten zu begegnen, haben die Verantwortlichen das Projekt ausgeweitet. Die Feuerwehren sollen weiterhin als Türöffner in die Orte dienen, betont Tangerding. DFV-Präsident Karl-Heinz Banse sagt: »Die Feuerwehren wirken wie kaum eine andere Institution in unser Land hinein. Daher können sie bei der Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus vor Ort einen wichtigen Beitrag leisten.«

Prof. Ulrike Weckel lehrt am Historischen Institut der JLU Fachjournalistik Geschichte. Die Projektverantwortliche sagt: »Es gibt unzählige Publikationen zu lokaler NS-Geschichte. Aber nur wenige Bürgerinnen und Bürger haben persönlich die Geschichte des Nationalsozialismus erforscht.« Es sei ein Unterschied, ob jemand eine Fernsehdokumentation über Zwangsarbeit sehe oder etwas über einen Zwangsarbeiter beim Bauern oder Gastwirt im eigenen Ort erfährt.

Tangerding erzählt, dass nicht jeder von der Idee hinter dem Projekt überzeugt sei. Vor allem im Osten Deutschlands gebe es Vorbehalte. »Das wird zum Teil als aufgezwungener westdeutscher Import angesehen«, sagt er. Als selbsternannter antifaschistischer Staat habe die DDR diesen Teil der Vergangenheit nie aufgearbeitet; somit gebe es in Ostdeutschland einen anderen Umgang mit dem Thema.

Skepsis vor allem in Ostdeutschland

Größer sei zum Teil der Wunsch, die DDR-Vergangenheit zu beleuchten. In manchen Orten, sagt Tangerding, lebten die »Günstlinge der SED« und deren Opfer, denen Lebenschancen verwehrt wurden, weiterhin Tür an Tür. Tangerding betont: »Die Ablehung und Kritik an dem Projekt ist für uns sehr aufschlussreich und sinnvoll.«

Für »Das Dritte Reich und wir« haben sich bislang die Kommunen Dietramszell, Oerlinghausen, Heynitz, Radeberg, München und Stuttgart-Riedenberg angemeldet. Dort entstehen Einzelprojekte, indem sich aus Vereinen, der Feuerwehr und den Kirchengemeinden heraus eine Gruppe von Interessierten zusammenfindet. Innerhalb eines Jahres recherchieren diese mit Tangerding zur NS-Zeit vor Ort und bereiten eine Präsentation vor. Der Historiker betont: »In der Gruppe sollen auch unterschiedliche Ansichten zur Aufarbeitung und divergierende politische Haltungen aufeinandertreffen.« Natürlich könne es Streit darüber geben, wie freiwillig im Einzelfall eine NSDAP-Mitgliedschaft war, was den Einzelnen antrieb und wie dies heute bewertet werden kann.

Vor allem rechnet Tangerding damit, dass vieles zu dem Thema in den Orten bisher unausgesprochen geblieben ist. Es sei aber das Ziel, dieser Scham und dem Schweigen einen Raum zu geben. »Es ist wichtig, diese Dinge zuzugestehen und nicht anzuklagen«, sagt er. »Es soll nicht heißen: ›Ihr müsst die Geschichte aufarbeiten‹ sondern ›Wir machen das für uns‹.« Auch Weckel betont, Ziel des Projekts sei es nicht, zu moralisieren oder zu erziehen. Stattdessen solle Neugier geweckt werden für konkrete Details und Zusammenhänge der NS-Geschichte, die trotz gefühlten umfänglichen Wissens gar nicht bekannt seien. Für eine Stadt- oder Dorfgemeinschaft, in der das Schweigen über die NS-Vergangenheit bleiern sein kann, können solche Erkenntnisse befreiend sein.

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