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Das Leben im Schleudergang

  • VonRedaktion
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»Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends« von PeterLicht ist das neueste Stück auf der Studiobühne des Stadttheaters. Die Aufführung dauert kürzer als der ellenlange Titel vermuten lässt: fast genau einen Waschmaschinendurchlauf lang.

Ein bisschen sieht es aus, als befänden sich die Zuschauer auf dem Recyclinghof und nicht in der taT-Studiobühne. Jede Menge sogenannte »weiße Ware« hat Bühnenbildner Alexej Paryla zusammengestellt. Das Publikum sitzt drumherum. Doch die neun Waschmaschinen funktionieren sogar noch. Sie absolvieren zeitgleich einen Waschgang - und obendrauf thront Schauspieler David Moorbach, der als namenloser Erzähler »Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends« als Monolog zelebriert. Das Vibrieren der Maschinen, der gluckernde Klang von Schleudern und Abpumpen - aber auch der E-Gitarren-Sound von Sascha Bendix - schaffen das Klangfundament.

Das neue Schauspiel in der taT-Studiobühne basiert auf der gleichnamigen Erzählung des Kölner Musikers und Autors PeterLicht. Den hat Regisseur und Stadttheater-Schauspieler Lukas Goldbach noch während seiner Zeit im Ensemble am Theater in Greifswald schätzen gelernt. Dessen Erzählung »Die Geschichte meiner Einschätzung am Anfang des dritten Jahrtausends«, mit der dieser 2007 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, als gesprochenen Text auf der Bühne zu inszenieren, habe ihn schon immer gereizt, erzählt er im Interview auf Bühne.Digital (Stadttheater-Homepage).

David Moorbach ackert sich also im Alleingang durch den Text, der irgendwie vom Ende der kleinen Welt des Protagonisten, aber auch der gesamten Welt erzählt. Auf einem blauen Plastikstuhl im Waschsalon sitzend redet er sich den Frust von der Seele - auch das eine Art Reinigungsprozess. Alles scheint mehr oder weniger gut zu sein - zumindest »mit der Tendenz zu mittel« - wäre da nicht die Ahnung vom drohenden Untergang, die die kleine beschauliche Welt des Erzählers zunehmend verfinstert und das Unvermögen, das eigene Leiden tatsächlich auch als solches zu benennen oder gar anzunehmen.

Gut »mit der Tendenz zu mittel«

»Es ging mir gut«, beginnt der Mann seinen Monolog - um im Folgenden im fast manischen Bemühen alles möglichst exakt zu beschreiben und dann doch wieder zu relativieren, immer mehr dunkle Flecken auf der weißen Weste seines Alltags zu offenbaren. Sein »Gemütssofa« ist in Wahrheit wohl reif für den Sperrmüll, in der »Liebe« läuft es katastrophal, auf der Arbeit gibt es nur Frust statt Anerkennung. Und Geld, genauer das Fehlen von Geld, ist für ihn eher Dauerthema als etwas, was er tatsächlich genug zur Verfügung hat: »Ich lag wie ein gestrandeter Erdteil auf dem Weltmeer meines Minusgeldes«, beschreibt er seine Lage.

Und dann tut sich ein riesiges Loch auf, in das die Freundin samt Waschmaschine hineingesogen wird. Schreie verhallen im Nichts, Trümmer fliegen durch die Luft, das Leben, das eben doch noch ganz okay schien, endet in einer Katastrophe - im galaktischen Schleudergang. Am Ende hört man nur noch das Schleudern der Waschmaschinen und der Namenlose singt leise ein Lied von PeterLicht: über den Untergang des Kapitalismus, vom Ende der Sozialglückseligkeit, vom Scheitern des Wohl- standspuffergefühls.

Musiker Sascha Bendix, der, mit einer Art Gasmaske und Glitzerjogginganzug unkenntlich gemacht, fast durchgängig hinter einem Plastikvorhang seiner E-Gitarre unfassbare Töne entlockt, hat großen Anteil an der zunehmenden Dramatik. Seine eigens für diesen Abend komponierte und improvisierte Musik liefert pulsierende Töne, die Kakofonie zur Katastrophe, den säuselnden Wohlklang zum kleinen Lied - nicht immer ist das leicht erträglich, aber stets atmosphärisch passend.

Als nach dem kollektiven Waschgang die Erzählung abrupt endet, bleibt das Premierenpublikum zunächst leicht irritiert stumm sitzen - um nach etwas Überlegung freundlich zu applaudieren. Das Gehörte muss wohl noch ein bisschen sacken. Die Erzählung verstehe er als eine Art »Assoziationsraum, der Gedanken und Gefühle anstoßen, und dabei ein tröstendes Verständnis für den Nächsten vermitteln will, weil wir letztlich doch (fast) alle in diesem Boot sitzen«, meint Regisseur Goldbach. Mission erfüllt - »mit der Tendenz zu mittel«.

Nächste Vorstellungen: 19. September und 10. Oktober, weitere Termine in Planung.

FOTO: FRIESE

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