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Dagmar Tenten sitzt im Sommer gerne vor der Büchergilde in der Wetzsteinstraße. Seit sie ein Kind war, hat sie immer Hunde an ihrer Seite.

Mensch Gießen

»Das ist eine Herzensangelegenheit« - In Dagmar Tentens Büchergilde wird Gießen zum Dorf

  • VonSebastian Schmidt
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Die Büchergilde von Dagmar Tenten in Gießen ist mehr als nur ein Buchladen. Es ist Anlaufstelle für Nachbarn und Freunde, ein Raum zum Kontakte knüpfen und Freundschaften pflegen.

Gießen hat 90 000 Einwohner, vier Hochschulen und ein eigenes Theater - eine typische Mittelstadt. Genauso typisch: Im Leben zwischen Mietskasernen, Alt- und Neubauten kommt bisweilen ein Gefühl der Anonymität auf. Aber wenn man neben Dagmar Tenten in der Wetzsteinstraße vor dem Haus mit den bleichen Backsteinen sitzt, wird Gießen zum Dorf. Der Laden, über dem das orangefarbene Schild mit der Aufschrift »Büchergilde Gutenberg« hängt, wird zum Bürgerhaus und Tenten zur guten Seele der Gemeinschaft, die jeder kennt.

Büchergilde von Dagmar Tenten in Gießen: Kunden, Nachbarn, Freunde

Alle paar Minuten kommt jemand vorbei und grüßt oder hält ein kleines Schwätzchen. Da wird sich erkundigt, wo die schweren Taschen hingetragen werden - zur Wäscherei. Es wird gefragt, wann man heute vorbeikommt - am besten später, der Mann von der Presse ist gerade da. Oder es werden kurz Leckerlis für die beiden Hunde von Tenten - Tameo und Zoy - abgegeben. Die 65-Jährige sitzt währenddessen vor ihrem Geschäft in der Sonne und erzählt. »Finanziell ist der Laden ein Desaster. Trotzdem werde ich hier nicht aufhören. Das ist einfach eine Herzensangelegenheit.« Die Büchergilde Gutenberg sei nicht einfach nur ein Buchladen, sondern eine wichtige Anlaufstelle für die Menschen aus dem Innenstadtviertel. Freunde, Kunden, Nachbarn - die Grenzen sind fließend - halten dort Kontakt und sind füreinander da.

»Ich bin hier großgeworden«, sagt Tenten. Damit meint sie das Viertel und auch die Büchergilde. Die entsprang den Gewerkschaften, politische und gehobene Literatur steht auch heute noch auf dem Programm. Bücher gibt es für die Mitglieder der Gilde mindestens viermal im Jahr. So war das damals, so ist das heute. »Einfache Arbeiter konnten sich früher anders keine Bücher leisten, die waren ein Luxusgut«, erklärt Tenten. Ihre Eltern haben den Gießener Ableger 1954 gegründet, die Leidenschaft zu Büchern wurde ihr so in die Wiege gelegt.

Nach ihrem Schulabschluss hat Dagmar Tenten zu studieren angefangen. Ihre Mutter habe sie auf das Lehramtsstudium gebracht: »Sie sagte, du magst doch Kinder und bist so sozial.« So wird Tenten Lehrerin und merkt schnell: Sie hängt wirklich an den Kindern. Als Klassenlehrerin unternimmt sie auch immer wieder private Ausflüge mit ihren Schülerinnen und Schülern. »Wenn einmal etwas gewesen wäre, ich hätte jedes der Kinder bei mir aufgenommen.«

Gießen: Dagmar Tenten war zuvor Lehrerin

Krankheitsbedingt musste sie den Schuldienst nach einem Jahrzehnt aber aufgeben. Und Tenten selbst hat keine Kinder bekommen. Ein klein wenig klingt es bedauernd, wenn sie erzählt, dass sie sich das in ihrem Leben anders vorgestellt hatte. Leider habe es sich nie ergeben. Selbstsicher setzt sie dann aber dazu: »Mein Leben ist so, wie es ist.«

Als ein Passant mit einem anderen Hund vorbeigeht, stellt sich plötzlich Tameo auf - ein braun-weißer Mischling. »Halb Windhund, halb Collie«, sagt Tenten. Die Hunde beschnuppern sich kurz, dann wird gebellt. »Schöne Stimme, die musst du ja auch mal hören lassen«, sagt Tenten und lacht.

Seit sie ein Kind war, hat sie Hunde an ihrer Seite. Zusammen mit Tameo gehört auch Zoy zu ihrer Familie. Der kleine schwarze Mischling steckt immer wieder für kurze Zeit seine Schnauze aus der Tür, bevor er in den Laden zurückläuft. »Er ist ein Angsthund und braucht viel Zuwendung.« Aber Tenten hat Erfahrung, sie nimmt immer wieder Hunde aus dem Tierheim auf.

Angefangen hat die Liebe zu Tieren aber mit Schildkröten. Als kleines Kind hatte sie erst eine, »dann bis zu sieben gleichzeitig« besessen. Von denen hat sie sich auch etwas abgeschaut, sagt die Vegetarierin: »Schildkröten sind zäh und zielstrebig.« Wenn sie sich etwas in den Kopf setzen, würden sie solange daran arbeiten, bis es gelingt. Auch heute noch besitzt Tenten eine Schildkröte - Antares - und eine Sammelleidenschaft mit allem, was mit Schildkröten zu tun hat. »Ringe, Tassen, T-Shirts,« 1200 unterschiedliche Gegenstände mit Schildkrötenmotiven habe sie mittlerweile.

Dagmar Tenten hat an der VHS in Gießen Yoga-Kurse gegeben

Tenten hat noch weitere Leidenschaften: Sie begeistert sich auch für Yoga. 10 Jahre habe sie einen Yoga-Kurs in der Volkshochschule gegeben und auch in einem eigenen Yoga-Institut gearbeitet. Die Übungen für Körper und Geist macht sie heute noch. »Um runter zu kommen.« Ebenso nimmt Musik eine wichtige Rolle in ihrem Leben ein. Tenten spielte in mehreren Bands: »Gitarre, Gesang, Schlagzeug.« Auch hier hat sie Kurse an der Volkshochschule gehalten.

Tenten war früher auch in der Friedensbewegung aktiv. »Auch das wurde mir in die Wiege gelegt.« Der Zweite Weltkrieg habe starke Spuren im Gedächtnis ihrer Familie hinterlassen. Die Oma sei in den Marktlauben »ausgebombt« worden, andere Familienmitglieder wären sinnlos gestorben. »Meine Eltern demonstrierten gegen die Wiederbewaffnung Deutschlands«, erzählt Dagmar Tenten.

Dagmar Tenten selbst kam vor allem durch ihre Mutter zur Friedensbewegung. »Sie war meine beste Freundin, meine engste Vertraute.« Der Tod der Mutter vor 10 Jahren habe sie deswegen hart getroffen, und nur ein Jahr später sei dann ihr langjähriger Lebenspartner gestorben. Kennengelernt habe sie den französischen Ingenieur in Gießen, dann musste er beruflich aber wieder nach Paris ziehen. Jahrelang führten sie eine Fernbeziehung, und Tenten verbrachte viel Zeit bei ihm in Frankreich. Perfekt für die Sprachliebhaberin, die neben Französisch auch noch Holländisch, Italienisch, Spanisch und Englisch gelernt hatte. »Sprachen sind wirklich mein Faible.«

Gießen: Verlust der Mutter war eine schwere Zeit für Dagmar Tenten

Der Verlust der Mutter und des Lebenspartners waren eine schwere Zeit für Tenten. Wie hat sie das verarbeitet? »Ich hatte viele Freunde, die mir geholfen haben.« Eine Freundin quartierte sich kurzerhand bei ihr ein, eine andere kam an den Wochenenden. Die Menschen aus dem Umfeld der Büchergilde und eine Trauergruppe in der Stadt haben ihr Halt gegeben.

In den vergangenen Jahren merkt Tenten nun, dass es vermehrt an ihr ist, Halt zu geben. »Ich bin in einem Alter, in dem ich oft mit dem Tod konfrontiert bin.« Freundinnen und langjährige Weggefährten sterben, und die Herrin der Büchergilde ist für sie auf den letzten Metern des Lebens da. Tenten sagt, sie kümmere sich um Arztgespräche, regele wichtige letzte Dinge und gebe Angehörigen Beistand.

Das führt auch dazu, dass Tenten vermehrt über ihr Leben nachdenkt. In ihrem Alter müsse man sich überlegen, was man noch alles machen wolle, sagt die 65-Jährige. »Aber auf meiner Löffelliste steht nichts mehr drauf.« Alles was sie erleben wollte, habe sie getan. Dagmar Tenten lacht und sagt: »Ich bin mit meinem Leben rundum zufrieden.«

Und die Büchergilde in der Wetzsteinstraße, die Nachbarn, Freunde und Kunden, sie alle sind ein untrennbarer Teil von diesem Leben, eine Herzensangelegenheit eben.

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