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Das Abenteuer New York

  • VonDagmar Klein
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Der kürzlich erschienene Artikel über den Vortrag von Joseph Beuys bei der Gießener Kunstgeschichte im Januar 1981 hat so manche Erinnerung wachgerufen. Auch an die New York-Exkursion im September 1981, die möglich wurde durch den Verkauf der von Beuys beschriebenen Hörsaal-Wandtafel an einen Sammler. Auch eine Ausstellung in den Institutsräumen unter dem Titel »Women Artists aus New York« wurde so im Frühjahr 1982 möglich.

Vier Studentinnen der Kunstgeschichte nutzten, im Nachgang zum Vortrag von Joseph Beuys in Gießen, 1981 die Gelegenheit, die New Yorker Kunstszene genauer kennenzulernen. Sie flogen vier Wochen vor den anderen hin, suchten sich eine preiswerte Unterkunft, von der aus sie die Stadt mit ihren vielen Kunstateliers eroberten. Die ersten Kontakte vermittelte Donald Kuspit, renommierter US-amerikanischer Kunsthistoriker, der in Gießen ein Semester lang Vorlesungen über die zeitgenössische Kunst in den USA gehalten hatte.

Beuys-Tafel-Verkauf finanzierte Flüge

»Ich kann mich nicht erinnern, ob er in seinen Vorlesungen auch Künstlerinnen vorstellte, jedenfalls kannte er sehr viele von ihnen. Er war in der aktuellen Szene drin.« Was damals für deutsche Kunsthistoriker nicht galt, da diese sich kaum auf abstrakte Gegenwartskunst einließen. »Das gehörte zu dem Neuen, das Prof. Böhm und Dr. Growe mitgebracht hatten, dass wir uns mit der künstlerischen Moderne beschäftigten, das Gespräch mit Künstlern suchten. Allerdings gehörten Künstlerinnen auch bei ihnen nicht dazu«, erzählt Dr. Susanne Ließegang, die damals das Abenteuer New York wagte.

»Um ehrlich zu sein, auch hier in Gießen und Deutschland kannten wir damals keine Künstlerinnen, waren noch nie in deren Ateliers gewesen.« Der Sprung ins Unbekannte war also ein mehrfacher, aber ein lohnender, wie die umfangreiche Sammlung belegt, die aus mitgebrachten Katalogen, Info-Flyern und einem Video von einer Performance-Künstlerin besteht. Zwei der Künstlerinnen schenkten ihnen sogar Drucke, die sie sorgfältig behandelten und nach Hause mitbrachten. Diese Originale wurden zum Highlight der ansonsten dokumentarischen Ausstellung im Institut. Es sind Drucke von Nancy Spero und Linda Cunningham, die sich beide mit dem weiblichen Körper und der Geschichte von Frauen beschäftigten, jede auf ihre eigene Art.

Besuch im Atelier von Nancy Spero

Die Frauen-Kunstbewegung in den USA entstand in den 60er Jahren in der Folge der Women’s-Lib-Bewegung. Überall begaben sich Frauen auf die Suche nach ihrer eigenen Geschichte, versuchten unabhängig von männlicher Geschichtsschreibung, und in der Kunst unabhängig vom männlichen Blick zu werden. Eine der ersten war Judy Chicago in Kalifornien, auf deren »Dinner Party« sich die Medien fokussierten. »Aber die Frauen arbeiteten viel weitgefächerter. Seit Anfang der 70er gab es Galerien, die von Künstlerinnen für Künstlerinnen gegründet worden waren: A.I.R. (Artist in Residence) und Soho 20. Die dortige Frauen-Kunstszene war der europäischen Entwicklung um Jahre voraus«, bekräftigt Ließegang.

Die vier Studentinnen lernten beeindruckende Künstlerinnen kennen. Die erste war Nancy Spero, die mit ihren Bildern gegen den Krieg bekannt wurde. »Nancy Spero öffnete uns die Türen zu weiteren Ateliers.« Wie dem der Performance-Künstlerin Betsy Damon, der fotorealistischen Malerin Sylvia Sleigh, der Bildhauerin Linda Cunningham mit ihren Bronzegüssen von Körperummantelungen oder der Keramikerin Camille Billops, die mit ihrem Partner James Hatch die erste und bis heute einzigartige Sammlung von Kunst der schwarzen amerikanischen Kulturgeschichte zusammentrug.

Nancy Spero war sogar bereit, die gesamte Uni-Exkursionsgruppe in ihr Atelier einzuladen, da ein ursprünglich geplanter Atelierbesuch nicht zustande kam. »Die Begeisterung der Exkursionsleiter hielt sich in Grenzen, als wir das vorschlugen«, schmunzelt Ließegang, »aber sie wurden versöhnt durch die Tatsache, dass Spero mit ihrem Mann Leon Golub ein gemeinsames Atelier hatte.« Und den kannten sie.

Keine Fotos von der Exkursion gemacht

Die Ausstellung am Ende dieses Wintersemesters haben Susanne Ließegang und Ingrid Claßen erstellt, die anderen beiden Frauen hatten die Uni verlassen. Und was aus heutiger Sicht kaum vorstellbar ist: »Wir haben in New York nicht fotografiert, das war damals einfach nicht üblich. Auch war uns nicht bewusst, wie besonders und damit dokumentationswürdig unser Unternehmen war. Es war eine völlig andere Zeit, was die Medien betrifft. Allein wenn man die Kommunikation bedenkt, die Art der Terminverabredung, einfach alles.«

Das Thema der Ausstellung in den Räumen der Gießener Kunstgeschichte war so ungewöhnlich, dass nicht nur die Gießener Allgemeine berichtete, sondern auch der hr für seinen Kulturkalender einen Film drehte. Und für Ließegang brachte es den Schub, dass sie die Aktionsmalerin Barbara Heinisch für eine Uni-Frauenwoche holte und einen Abend mit Videos von Performances von Rebecca Horn organisierte. »Mehr habe ich aus dem Thema nicht gemacht. Was von heute aus betrachtet natürlich schade ist.« Aber mit zeitgenössischen Künstlerinnen befasst sie sich weiterhin: Als Kunstbeauftragte des Uniklinikums.

SusLiessegangIngridClass_4c
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