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Andreas Engelschalk befragt Dana von Suffrin zu ihrem ersten Roman "Otto". FOTO: GL

Darf man lustig über den Holocaust schreiben?

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Gießen(gl). Welcher Ort wäre wohl besser geeignet für eine Lesung über die (fiktive) Biografie eines Holocaust-Überlebenden als das jüdische Gemeindezentrum im Burggraben? Kein Wunder also, dass Dow Aviv, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, die Anfrage des Literarischen Zentrums nach einer Veranstaltung mit Autorin Dana von Suffrin aus ihrem Roman "Otto" mit einer Zusage beantwortete. Und weil Suffrin die Geschichte mit viel jüdischem Humor erzählt, habe er dies umso lieber getan, berichtete er zur Eröffnung der gut besuchten Lesung, die Studierendenpfarrer Andreas Engelschalk moderierte.

Darf man lustig über den Holocaust erzählen? Diese Frage schwebt über dem Romandebüt der 35-jährigen Historikerin, die 2017 mit einer Arbeit zur Rolle von Wissenschaft und Ideologie im frühen Zionismus promovierte und sich als Tochter eines jüdischen Vaters und einer christlichen Mutter humorvoll als "die Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in einer Person" bezeichnet. "Otto" ist ihr literarisches Debüt - das in einer Kölner Literaturwerkstatt seinen Anfang nahm und prompt mit dem Klaus-Michael-Kühne-Preis ausgezeichnet wurde.

Suffrin erzählt, basierend auf Eckdaten aus dem Leben ihres eigenen Vaters, die Geschichte des Siebenbürger Juden und halsstarrigen Ex-Ingenieurs Otto, der zum Pflegefall wird. Zwischen Krankenhaus und Reihenhaus tyrannisiert er seine Töchter Timna und Biba. Ich-Erzählerin Timna soll die Geschichte ihrer jüdischen Familie, in der sich das gesamte Grauen des Holocaust widerspiegelt, und ihres tyrannischen Patriarchen aufschreiben. "Otto war schon eine Heimsuchung, bevor er ins Krankenhaus kam. Nach seiner Entlassung wurde alles noch viel schlimmer", bringt es die Autorin auf den Punkt. Die Töchter müssen jederzeit parat stehen, wenn Otto wieder einmal eine Notfall-SMS verschickt oder seine "schönen Bitten", die getarnte Befehle sind, äußert.

So wie Otto in seinen Erzählungen "vom Hölzchen aufs Stöckchen" kommt und Fakten und Fantasie willkürlich mixt, so liefert auch der Roman eher einzelne Spots aus der Lebensgeschichte des Vaters, der desolaten Kindheit und Jugend der Schwestern und der allgemeinen jüdischen Geschichte. Auch das Verhältnis von Vater und Tochter und die Traurigkeit, die beim langsamen Abschied pflegende Angehörige überfällt, seien Themen gewesen, die sie interessiert hätten, berichtet Dana von Suffrin dem Publikum. "Das ist wie eine Kaskade. Man fängt sich und verläuft sich." Ihr Roman ist die Geschichte über den Versuch des Zusammenhalts einer dysfunktionalen Familie, ebenso wie über den Abschied eines Menschen, der einem das ganze Leben erschwert hat.

Sie habe versucht, die Sprache der Siebenbürger zu imitieren, berichtet die Autorin auf Nachfrage aus dem Publikum. Deren fantasievoller Umgang mit Begriffen und Syntax gefalle ihr. Schließlich sei sie mit dieser Sprache, in der Verben vorgezogen und jiddische Phrasen umgemodelt werden, aufgewachsen.

Auf manche Leser mag eben diese Sprache ein wenig sperrig wirken. Andere begeistert gerade der ungewohnte Ton, wie in der sich an die Lesung anschließenden Fragerunde deutlich wurde. Dass die Komik des Romans den der Figur Ottos zugrundeliegenden Schrecken der Shoah und Sterben und Tod kontrastiert, war dabei überraschenderweise aber kaum Thema.

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