Dass sich ein volles Großraumbüro, wie hier 2012 im Hauptsitz von Facebook, nicht mit dem Infektionsschutz verträgt, scheint klar. Trotzdem haben Arbeitnehmer keinen Anspruch auf Homeoffice. Und auch in Gießen sind manche Arbeitgeber nicht offen für das Arbeiten von zu Hause aus, wenn dabei Arbeit liegen bleibt.	ARCHIVFOTO: DPA
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Dass sich ein volles Großraumbüro, wie hier 2012 im Hauptsitz von Facebook, nicht mit dem Infektionsschutz verträgt, scheint klar. Trotzdem haben Arbeitnehmer keinen Anspruch auf Homeoffice. Und auch in Gießen sind manche Arbeitgeber nicht offen für das Arbeiten von zu Hause aus, wenn dabei Arbeit liegen bleibt. ARCHIVFOTO: DPA

Infektionsrisiko senken

Gießen: Wer darf ins Homeoffice? - Nachgefragt bei den fünf größten Arbeitgebern der Stadt

  • VonSebastian Schmidt
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Während Gastronomie und große Teiles des Einzelhandels geschlossen sind, müssen Arbeitnehmer in anderen Bereichen weiter im Büro arbeiten. Homeoffice gibt es oft nur dort, wo die Arbeitsleistung nicht darunter leidet. So handhaben das auch große Arbeitgeber in Gießen.

  • Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) fordert einen Anspruch auf Homeoffice auf Bundesebene.
  • Auf Anfrage erzählen die fünf größten Arbeitgeber der Stadt Gießen ob sie Homeoffice ermöglichen.
  • Die Arbeitgeber realisieren Homeoffice für ihre Angestellten, erwarten aber keine Einbußen bei deren Leistung.

Gießen - Wo stecken sich Menschen eher mit Corona an? Im Homeoffice oder im Büro? Für den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) ist die Antwort klar. Deswegen fordert der DGB auf Bundesebene einen Anspruch auf Homeoffice. Diese Zeitung hat bei fünf der größten Arbeitgeber mit Büroarbeitsplätzen in der Stadt nachgefragt, ob ihre Angestellten von zu Hause aus arbeiten dürfen - und auch, ob die Arbeitgeber bereit sind, Zugeständnisse bei der Arbeitsleistung zu machen.

Gießen: Anzahl der Mitarbeiter im Homeoffice schwankt

Einer der großen Arbeitgeber ist die Stadtverwaltung. Dort gebe es 1100 PC-Arbeitsplätze, sagt Claudia Boje, die Pressesprecherin der Stadt. 200 Beschäftigte haben einen Homeoffice-Arbeitsplatz und weitere Angestellte können mobil arbeiten. Der Landkreis gibt an, dass er 1000 Arbeitsplätze habe und 500 davon auch im Homeoffice arbeiten können. Bei der Volksbank Mittelhessen können 400 Angestellte mobil arbeiten. Bei bei der Sparkasse kann ein Drittel der Mitarbeiter von zu Hause aus auf die IT-Systeme zugreifen. Auch Angestellte der Justus-Liebig-Universität (JLU) dürfen teilweise von zu Hause aus arbeiten. Die JLU kann nach eigenen Angaben die Anzahl der Mitarbeiter im Homeoffice aber nicht beziffern. Auch die anderen Arbeitgeber erklären, dass die Zahl der Mitarbeiter, die tatsächlich im Homeoffice arbeitet, schwankt. Volksbank-Sprecher Dennis Vollmer sagt dazu: »Jeder Bereich regelt das flexibel für sich.«

Bei den genannten fünf Arbeitgebern ist das Arbeiten von zu Hause aus zumindest für einen Teil der Belegschaft möglich. Aber wann erlauben die Arbeitgeber ihren Angestellten, zu Hause zu bleiben, und wann nicht? Sind die Arbeitgeber bereit, Mitarbeiter ins Homeoffice gehen zu lassen, falls das dazu führen würde, dass Arbeit liegen bleibt?

Gießen: Die meisten Arbeitgeber dulden keine Leistungseinbußen im Homeoffice

Von der Stadtverwaltung gibt es auf diese Frage ein deutliches Nein. »Einschnitte in der Arbeitsleistung hinzunehmen, kann nicht das Ziel der Schaffung von Homeoffice-Plätzen sein«, sagt Boje. Als Stadtverwaltung ginge das auch nicht anders: »Wir können und dürfen im Sinne der Bürger und Bürgerinnen keine Leistungseinbußen in Kauf nehmen.« Ähnlich argumentiert die Universität. JLU-Sprecherin Lisa Dittrich sagt: »Wir werden als öffentliche Einrichtung aus Steuermitteln finanziert und haben unsere gesetzlichen Aufgaben in Forschung, Lehre und Transfer gewissenhaft zu erfüllen.« Die Sparkasse hingegen ist zu gewissen Einbußen bereit. Sparkassen-Sprecherin Marina Walter sagt: »Die Pandemie-Situation stellt einen Sonderfall dar. Die Sparkasse akzeptiert durchaus, wenn einzelne Mitarbeiter temporär nicht auf ihre Arbeitszeit kommen.« Die Bank habe zeitweise sogar Mitarbeiter bezahlt freigestellt.

Volksbank-Sprecher Vollmer ist sogar der Meinung, dass die Bank vom Homeoffice ihrer Angestellten eher profitiere, als Einbußen hinnehmen zu müssen. »Die üblichen ›Störfaktoren‹ am Arbeitsplatz oder auch ein langer Arbeitsweg entfallen. Die größere Flexibilität wirkt sich oft positiv auf den Output aus.«

Gießen: Arbeitgeber haben (noch) freie Hand beim Homeoffice

Ausgangssperre, Reduzierung der Kontakte und Bewegunsverbote - es gibt tiefreichende Eingriffe in das Privatleben, aber beim Homeoffice haben Arbeitgeber in der Pandemie noch freie Hand. Mittelhessens DGB-Geschäftsführer Matthias Körner sagt: »Die Menschen sehen den Widerspruch, wenn sie zu dritt in einem Raum arbeiten müssen, aber danach nicht mit denselben Menschen ein Bier trinken dürfen.« Für diese Widersprüche müsse man Antworten finden. Körner macht aber auch klar, dass es nicht funktionieren wird, Kitas im Notbetrieb zu lassen, Eltern ins Homeoffice zu schicken und weiterhin die gleiche Arbeitsleistung wie zuvor zu fordern.

Wie sich Homeoffice auf die Pandemie auswirkt, hat indes eine Studie der Universität Mannheim untersucht. Die Autoren schreiben, bereits »ein Prozentpunkt mehr Arbeitnehmer im Homeoffice kann die Infektionsrate um bis zu acht Prozent verringern«. Die Bundesregierung setzt derweil auf Freiwilligkeit - noch.

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