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"Dann biste reif fürs Kremator…"

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Gießen(mö). Es war der vorerst letzte Auftritt der Gießener Gelbwesten: Mitte April vergangenen Jahres hielten 20 Personen vor dem Verlagsgebäude der Gießener Allgemeinen Zeitung in der Marburger Straße eine Kundgebung gegen die "Lügenpresse" ab und zogen anschließend, begleitet von knapp 100 Gegendemonstranten, stundenlang durch die Innenstadt.

Wenige Tage später kam heraus, dass der damalige Wortführer der Gelbwesten wegen Volksverhetzung und Sachbeschädigung in Biedenkopf vor Gericht steht. Sein Vorgänger war zurückgetreten, weil er die NPD zu den Aufmärschen nach Gießen eingeladen hatte. Seitdem fanden keine Märsche mehr statt.

Strafanzeige zu spät gestellt

Hinter den Kulissen hat die Demonstration von Mitte April 2019 ein strafrechtliches Nachspiel. Vor dem Amtsgericht sollte am Freitag ein Verfahren gegen einen Videojournalisten und Mitarbeiter der katholischen Kirche aus Wetzlar stattfinden. Die optisch wohl auffälligste Gelbweste, ein mit Piercings und Tätowierungen übersäter Mann aus dem Main-Kinzig-Kreis, hatte den Journalisten wegen Beleidigung angezeigt. Er habe ihn als "tätowierte Nazi-Sau" bezeichnet, behauptet der Mann.

Zur Überraschung von Beobachtern der Demonstration, denen der Demonstrant selbst durch Aggressivität, beleidigende Aussagen und Bedrohungen des Doku-Filmers aus Wetzlar aufgefallen war, folgte die Staatsanwaltschaft der Darstellung des offenbar rechtsextremistisch und rassistisch eingestellten Mannes und erließ einen Strafbefehl in Höhe von 1200 Euro. Der Journalist legte Widerspruch ein; am Freitag sollte die Hauptverhandlung stattfinden, aber zu der kam es nicht. Die Richterin stellte das Verfahren ein, weil die Strafanzeige zu spät gestellt worden war. Bei Beleidigungen gilt eine dreimonatige Frist, die der Gelbwesten-Demonstrant verpasst hatte. Warum der Staatsanwaltschaft das nicht früher aufgefallen war, blieb unklar.

Erledigt ist die Auseinandersetzung freilich noch nicht, denn der Demonstrant hatte den Journalisten bei Facebook selbst massiv bedroht. In einem Post, der von Facebook mehrfach gelöscht wurde, schrieb er den Nachnamen des Journalisten und dahinter: "Wir sehen uns noch, glaub mir, und dann biste reif fürs Kremator…". In einem Video sagte er außerdem: "Ich weiß ja, wo er wohnt. Wir sehen uns." Der Journalist informierte die Polizei, deren Staatsschutz reagierte schnell und stattete dem Mann aus dem Main-Kinzig-Kreis zwecks "Gefährderansprache" zu Hause einen Besuch ab. Ferner wird wegen Sachbeschädigung ermittelt, weil er einem Gegendemonstranten ins Fahrrad getreten und dabei das Vorderrad demoliert hatte.

Als Zuschauer waren zwei Bekannte des Mannes ins Amtsgericht gekommen, die bei einer Gelbwesten-Demonstration im März in Gießen als gewaltbereit aufgefallen waren. Einer soll sogar in eine körperliche Auseinandersetzung verwickelt worden sein, der andere bekam Ärger mit der Polizei, weil er mit Quarzsand beschichtete Handschuhe trug, was bei Demonstrationen verboten ist.

Bei "Soldiers of Odin" mitgemacht

Später fand die GAZ heraus, dass der polizeibekannte Mann mit den Quarzsandhandschuhen bei mindestens einer "Streife" der rechtsextremen Bürgerwehr "Wodans Erben Germanien" in Marburg mitgelaufen war. Diese Gruppe bzw. die "Soldiers of Odin" stehen im Fokus, weil die mutmaßlich rechtsterroristische Gruppe, die vergangene Woche ausgehoben wurde, Kontakte zur Bürgerwehr unterhalten haben soll.

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