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Gelungener Auftakt trotz des Regens: AWO-Geschäftsführer Jens Dapper chauffiert Anita Schulz und Hedwig Weimer durch Kleinlinden.

Alten- und Pflegeheime

Projekt für Senioren in Gießen: Dank E-Rikscha wieder Wind in den Haaren

Die E-Rikscha ist da. Wer nicht mehr selbst in die Pedale treten kann, muss nicht auf Radtouren verzichten. Dank der Initiative demenzfreundliche Kommune und dem Projekt »Frosch - Kultur im Alter« können Senioren wieder Wind in den Haaren spüren. Zwei Monate lang ist die Rickscha im Einsatz. Kommt sie gut an, ist eine Fortsetzung denkbar.

Achtung, da vorne ruckelt es gleich, da kommt eine Schwelle. AWO-Geschäftsführer Jens Dapper will seinen Fahrgästen unliebsame Erschütterungen ersparen. Er hat sich schnell in die Rolle des »Rikscha-Piloten« heineingefunden. Seine beiden Passagiere waren bei der Jungfernfahrt der E-Rikscha jedenfalls hoch zu frieden: »Sehr gut haben Sie das gemacht«, lobt Hedwig Weimer. »Herrlich war das«, freut sich Anita Schulz. Die Frauen strahlen, der Regen kann ihnen nicht die Stimmung verderben.

Dagmar Hinterlang (Initiative Demenzfreundliche Kommune, IdfK) und Marion Bathe (Frosch - Kultur im Alter) strahlen, denn ihr jüngstes Projekt ist so richtig nach ihrem Geschmack. »Radfahren bedeutet Teilhabe, die wird aber Menschen mit Demenz oft nicht ermöglicht«, sagt Hinterlang. Mit Hilfe der Rikscha könne man sie in die Mitte der Gesellschaft zurück holen. Zudem, ergänzt Bathe, werde für alle sichtbar ein Zeichen gesetzt: »Seht her, gemeinsam gelingt uns das«.

Rikschafahrten für Senioren in Gießen

Die Aktion »Radeln ohne Alter« wurde 2012 in Kopenhagen geboren, mittlerweile gibt es weltweit Standorte, an denen unter dem Motto »Jeder hat das Recht auf Wind in den Haaren« Rikschafahrten organisiert werden. Auch die Gießener Initiativen sind nun mit im Boot. Das Land Hessen hat die E-Rikscha zur Verfügung gestellt. In den letzten Wochen wurden in Gießen ehrenamtliche Interessenten geschult; sie werden künftig als »Piloten« fungieren.

Die Kommunikation zwischen dem Fahrer und den Fahrgästen ist problemlos möglich und ein wesentlicher Bestandteil des Projektes: Die Senioren genießen nicht nur die Fahrt an sich mit all ihren Eindrücken, sondern sie kommen auch mit dem Fahrer ins Gespräch. Dieser Aspekt, das unterstreicht auch Martina Wallwaey, die Leiterin der AWO-Tagesstätte in Kleinlinden, hat für die alten Menschen eine große Bedeutung. Ihnen fehlen häufig Sozialkontakte - in normalen Zeiten und in der Pandemie erst recht. Hedwig Weimer beispielsweise war seit einem Jahr nicht in der Tagesstätte, erst jetzt nach der zweiten Impfung und der entspannteren Situation kommt sie wieder her. Die 91-Jährige hat die Pandemie gut überstanden, doch das ist nicht bei allen der Fall. Wallwaey: »Einige Senioren haben deutlich abgebaut«.

E-Rikscha werden an Alten- und Pflegeheime im Kreis ausgeliehen

In den kommenden Wochen wird die E-Rikscha an unterschiedliche Alten- und Pflegeheime in Stadt und Kreis ausgeliehen, an den Wochenenden steht sie privaten Interessenten zur Verfügung. Die Nachfrage, freut sich Organisatorin Bathe, sei bereits erfreulich groß. Wer sich für die Rikscha interessiert, muss sich nicht selbst um einen Fahrer oder eine Fahrerin kümmern, die ehrenamtlichen Piloten sind quasi inklusive. Eine schöne Idee ist es, z.B. zum runden Geburtstag eines alten Menschen oder einem Ehepaar zur Goldenen Hochzeit eine Rikschafahrt zu schenken. Bathe und ihre Mitstreiter haben Tourenvorschläge ausgearbeitet, die Fahrer richten sich aber auch gerne nach den Wünschen ihrer Fahrgäste.

Wenn die Rikschafahrten gut ankommen, ist auch eine Ausweitung des Projektes denkbar, zum Beispiel durch die Anschaffung einer eigenen Rikscha, die dann gemeinschaftlich genutzt wird. Im September wird der Caritasverband für eine Weile eine Rolli-Rikscha zur Verfügung haben, so das auch Rollstuhlfahrer in den Genuss einer Radtour kommen. Die Sozialarbeiterin Gundula Breyer wird dieses Modell unter anderem beim Seniorentag Anfang Oktober einsetzen.

AWO-Chef Dapper war bei der Premiere mindestens so angetan wie seine beiden Fahrgäste: »Die Seniorinnen hatten so viel Spaß - da freut man sich gleich mit«. Er kann sich für die Bewohner des Albert-Osswald-Hauses Ausflüge durch den Stadtpark Wieseckaue sehr gut vorstellen. Hedwig Weimer und Anita Schulz waren fürs erste auch mit Kleinlinden sehr zufrieden. Sie winkten den Zuschauern freudig zu. Ein bisschen wie Queen Mum - nur ohne Hut.

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