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Dampf in allen Gassen

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Von: Christoph Hoffmann

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Die E-Zigarette ist auf dem Vormarsch. Auch in Gießen. Mehrere Geschäfte haben sich inzwischen auf den Verkauf der dazugehörigen Geräte und Liquids spezialisiert. Doch welche Folgen hat das Dampfen?

Neulich in der Licher Straße: Vor der Kasse der Videothek hat sich eine lange Schlange gebildet. Etliche Kunden lassen sich beraten. Aber nicht etwa über einen Liebesfilm, sondern über Liquids. So werden die Flüssigkeiten genannt, mit denen E-Zigaretten befüllt werden. »Elektro Zigge«, ein Fachgeschäft für das rauchfreie Dampfen, hat sich in einem Teil der Videothek eingemietet. Während das Ausleihen von Filmen wegen Netflix, Amazon und Co. seit Jahren abnimmt, geht der Verkauf von E-Zigaretten durch die Decke. Laut Verband des E-Zigarettenhandels ist der Umsatz auf dem deutschen Markt 2016 um 45 Prozent auf 400 Millionen Euro gestiegen. 3,5 Millionen Tabakraucher seien in Deutschland bereits umgestiegen – und es würden täglich mehr.

Das sagt auch Marion Dittmann, die bei »Elektro Zigge« für die Pressearbeit zuständig ist. »Wir befinden und in einem stetig wachsenden Markt. Das sieht man ja auch an den vielen Mitkonkurrenten.« Dittmann verweist zum Beispiel auf den »dampfastore«, der in der Bahnhofstraße 49 ansässig ist. Und keine 500 Meter weiter, in der Hausnummer 90, hat »Elektro Zigge« vor eineinhalb Jahren eine zweite Filiale eröffnet. Der Grund für die große Nachfrage: »Viele unserer Kunden wollen vom Tabak wegkommen und nutzen dafür die E-Zigarette.« Zahlen bezüglich der Erfolgsquote hat Dittmann nicht parat, bei ihr persönlich habe es aber funktioniert. »Ich habe 30 Jahre lang geraucht, am Ende eine Stange pro Woche. Vor eineinhalb Jahren bin ich umgestiegen – und habe seitdem keine Zigarette mehr angefasst.« Dittmann betont, dass der Umstieg nur positive Auswirkungen gehabt habe. Ihre Kleidung stinke nicht nach Rauch, sie sei nicht mehr so kurzatmig, außerdem könne sie deutlich besser riechen und schmecken. »Mir hat es gesundheitlich nur geholfen.« Tatsächlich? In Sachen Gesundheit gehen die Meinungen weit auseinander. Nicht nur das Deutsche Krebsforschungszentrum sieht in den Inhaltsstoffen diverse Gesundheitsgefahren. Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung warnt vor dem Griff zur elektrischen Kippe. Demnach seien in einigen Flüssigkeiten geringe Mengen an giftigen Substanzen enthalten. Daher dürfen seit einem knappen Jahr elektronische Zigaretten, dazu gehören auch E-Shishas, nicht mehr an Jugendliche verkauft werden. Auch der renommierte Gießener Lungenforscher Ardeschir Ghofrani rät Jugendliche vom Dampfen ab. »Für jemanden, der noch nie geraucht hat, ist die E-Zigarette ein unnötiges zusätzliches Risiko.« Bei langjährigen Tabakrauchern kommt der jüngst mit dem Deutschen Zukunftspreis ausgezeichnete Professor aber zu einem anderen Schluss. »Auch, wenn Ergebnisse zur Langzeitwirkungen noch nicht vorliegen: Der Umstieg von Tabak auf E-Zigarette ist mit deutlichen gesundheitlichen Vorteilen verbunden.« Internationale Studien hätten nachgewiesen, dass E-Zigaretten nur in den seltensten Fällen zu akuten und chronischen Lungenerkrankungen führten. »Beim Rauchen sind chronische Erkrankungen hingegen unausweichlich. Die E-Zigarette hebt sich daher deutlich positiv vom inhalativen Tabakrauchen ab.« Auch das Risiko, an Krebs zu erkranken, ist laut Ghofrani geringer. Der Grund: Viele krebserregende Stoffe entstünden beim Verbrennungsprozess. Und der bleibt bei der E-Zigarette aus. In den Liquids ist weder Tabak noch Teer enthalten, auch die bei der Verbrennung konventioneller Zigaretten entstehenden Stickoxide fehlen. Stattdessen bestehen sie meist aus Propylenglykol, Glycerin, Wasser und Aromastoffen. Der Kunde hat die Wahl zwischen Liquids mit und ohne Nikotin. Jene Flüssigkeiten, die das Alkaloid enthalten, sind laut Ghofrani schädlicher. »Nikotin hat eine Wirkung auf das Herz-Kreislaufsystem, es führt zum Beispiel zu einem höheren Puls.« Bei einer Überdosierung könne es zudem zu Vergiftungserscheinungen kommen. Der Lungenforscher betont aber: »Auch E-Zigaretten mit Nikotin sind im Hinblick auf die Langzeitrisiken eine deutliche Verbesserung im Vergleich zu Tabakzigaretten.« Als Legitimation zum Dampfen sind Ghofranis Äußerungen aber nicht zu verstehen. Liquids mit Nikotin machen physisch, die anderen psychisch abhängig. Ghofrani kann sich zudem gut vorstellen, dass Konsumenten weitaus häufiger zur E-Zigarette greifen, als sie es früher beim Glimmstängel getan haben. Suchtforscher geben außerdem zu Bedenken, dass die E-Zigarette eine Einstiegsdroge sein kann. Klar: Wenn die Kippe plötzlich nach Pudding, Erdbeere oder Vanille schmeckt, ist die Hemmschwelle niedriger. Das Geschäft mit der E-Zigarette floriert. Kein Wunder, dass möglichst viele Menschen einen Stück vom Kuchen abhaben wollen. Besonders im Internet werden viele Geräte und Liquids verkauft, die von offizieller Seite nicht geprüft worden sind. Nicht nur Dittmann warnt vor »Schwarzmischern« und »China-Ware«. Immer häufiger berichten Medien über E-Zigaretten, die explodieren und den Konsumenten die Zähne herausreißen. Spätestens dann ist das Dampfen auch für Ex-Raucher mehr als ungesund.

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