Gedenken im Johannesstift: Die Geragogin Juliane Lang (l.) und Geschäftsführerin Christa Hofmann-Bremer wissen, wie wichtig ein solcher Ort ist. FOTO: SCHEPP
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Gedenken im Johannesstift: Die Geragogin Juliane Lang (l.) und Geschäftsführerin Christa Hofmann-Bremer wissen, wie wichtig ein solcher Ort ist. FOTO: SCHEPP

Damit "gutes Sterben" gelingt

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Zentrale Aufgabe der Altenhilfe war es schon immer, Menschen bis zum Tod zu versorgen. Relativ neu ist die Beschäftigung mit der Frage, wie "gutes Sterben" gelingen kann. Im Johannesstift gibt es seit Kurzem eine Stabstelle Palliative Geriatrie. Sie will gemeinsam mit allen Beteiligten eine Hospiz- kultur entwickeln. Im Mittelpunkt stehen dabei die Wünsche der Bewohner.

Eine Schale mit Steinen, eine Kerze, ein Gedenkbuch. "Der Heimgang von Frau P. geht mir nahe, ich vermisse sie täglich an ihrem Platz. Gottes Segen. Irmgard". Im Johannesstift wird in einem liebevoll gestalteten Bereich der Verstorbenen der letzten Woche gedacht. Wer einen Blick in das Gedenkbuch wirft, bekommt eine Ahnung davon, dass Abschiede hier zum Leben gehören. Schmerzlich, aber unvermeidlich.

Um zu erklären, warum eine Hospizkultur im Altenpflegeheim notwendig ist, schildert Geschäftsführerin Christa Hofmann-Bremer, wie sich die Strukturen in den Einrichtungen in den vergangenen Jahren verändert haben: Die stationäre Pflege wird heute fast nur von hochbetagten Menschen mit multimorbiden Einschränkungen in Anspruch genommen. Die Zeit, in der rüstige Rentner einen aktiven Teil ihres Lebens im Heim verbrachten, sind lange vorbei. "Wir alle wollen ja so lange wie möglich in den eigenen vier Wänden bleiben".

Heute leben die Senioren noch etwa zwei bis drei Jahre im Pflegeheim, bevor sie sterben. Der Anteil derer, die noch mit dem Rollator im Seltersweg unterwegs sind, ist gering. Von 205 Bewohnern können noch etwa 35 selbstständig und ohne Begleitung das Haus verlassen. Die meisten Senioren haben einen hohen Pflegegrad und sind in ihrer Mobilität deutlich eingeschränkt, vielfach gibt es auch dementielle Erkrankungen. Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass nicht die aktivierende Pflege im Vordergrund steht. Vielmehr ist es das Ziel, die Schmerzen und Einschränkungen so in Schach zu halten, dass die verbleibende Zeit als wertvoll und gut wahrgenommen wird.

Aber auch das Ende sollte mitgedacht werden, sagt die Einrichtungsleiterin. "Es gehört zum Leben". Diesen Gedanken zu verinnerlichen, könne einen Gewinn und eine Entlastung für alle Beteiligten bedeuten, denn es ermögliche, den Sterbeprozess einfühlsam zu begleiten. Hofmann-Bremer: "Hier findet ein Paradigmenwechsel statt, denn wir lösen uns von dem Ziel des Heilens und wenden uns der Verschränkung von kurativen und palliativen Maßnahmen zu". Dieser Prozess der Veränderung stehe noch am Anfang; eine Aufgabe der Zukunft werde sein, ein stabiles Netzwerk von Kooperationspartnern zu schaffen, dem die Mitarbeiter, der Hospizverein, Ehrenamtliche, Hausärzte, Seelsorger und Angehörige angehören.

Dank des segensreichen Einsatzes der Palliativ-Care-Teams, die ins Haus kommen, müssten Sterbende heute keine Schmerzen oder Luftnot mehr erleiden. Ganz wichtig sei es, dass bei allem, was in dieser letzten Lebensphase mit und für den alten Menschen getan werde, seine Bedürfnisse und seine Wünsche im Vordergrund stünden. Und hier kommt die Geragogin Juliane Lang ins Spiel, die die Stabstelle Palliative Geriatrie inne hat. Die Stabstelle wurde im Rahmen der Gesundheitlichen Versorgungsplanung nach Paragraph 132g des Sozialgesetzbuches eingerichtet. Das bedeutet, dass der Gesetzgeber ein solches Angebot vorsieht und die Krankenkasse es finanziert. Zur Versorgungsplanung gehören beispielsweise Patientenverfügung, Vorsorgevollmacht, ein Notfallplan oder Willensbekundungen zur Bestattung. Juliane Lang bespricht solche Themen mit den Bewohnern und kommt darüber mit ihnen auch über ganz persönliche Dinge ins Gespräch. Je mehr die Mitarbeiter des Johannesstifts über die Ängste, Wünsche und Gedanken der Bewohner wissen, desto besser können sie ihnen zur Seite stehen - auch in den letzten Tagen oder Stunden ihres Lebens. Gibt es eine bestimmte Musik, die sie sich wünschen? Wen möchten sie bei sich haben? Haben sie ihren inneren Frieden gefunden oder wollen sie über etwas sprechen, das sie bedrückt?

Im Gegensatz zu jüngeren Sterbenden, die an einer unheilbaren Krankheit leiden und vielleicht mit dem Schicksal hadern, haben alte Menschen einen langen Lebensweg hinter sich, ihre Sicht auf den Tod ist daher oft eine andere, sagt Hofmann-Bremer. "Jetzt ist es gut, jetzt kann es zu Ende gehen", ist ein Satz, den die Frauen öfter hören.

Die Pandemie und die damit verbundene Abschottung hat bei einigen Senioren zu einer intensiveren Rückschau auf das eigene Leben geführt: Eine Frau schaut jetzt häufig Filme, die ihren verstorbenen Mann zeigen, eine andere liest die alten Briefe von früher noch einmal. Angst vor einer Infektion haben die wenigsten Bewohner - aber sie machen sich große Sorgen um ihre Kinder und Enkel, sie fürchten, um deren Gesundheit und berufliche Existenz.

Und bei jedem Abschied, den es im Johannesstift zu beklagen gibt, kommt auch die Trauer um einen geliebten Menschen wieder hoch. Manchmal ist es sogar der Schmerz um den Tod der Mutter oder des Vaters, der sie nach Jahrzehnten noch einmal überfällt. "Jeder Mensch lebt so lange, wie er in der Erinnerung ist", steht auf einem der Gedenksteine, den die Bewohner gemeinsam mit Juliane Lang beschrieben haben.

Die Palliative Geriatrie steht noch am Anfang. Doch mit einem weit verbreiteten Vorurteil über Pflegeheime kann Hofmann-Bremer schon heute aufräumen: "Niemand muss hier alleine und verlassen sterben. Wenn der Sterbende es möchte, sind wir da".

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