Dagmar Hinterlang vor der Kleinlindener Kirche und einem Denkmal, dessen prominenter Standort den Backschießern zu verdanken ist. FOTO: SCHEPP
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Dagmar Hinterlang vor der Kleinlindener Kirche und einem Denkmal, dessen prominenter Standort den Backschießern zu verdanken ist. FOTO: SCHEPP

Mnesch, Gießen

Dagmar Hinterlang: Vom Nordlicht zur Linneserin

  • Christine Steines
    vonChristine Steines
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Eigentlich ist sie ein "Fischkopp". Doch Dagmar Hinterlang ist längst auch Expertin für ihre Wahlheimat Kleinlinden. Von dort aus macht sie sich für Demenzkranke stark - und noch viel mehr.

Als sie das erste Mal an einem Infostand von Amnesty international eine "öffentliche Person" war und den Passanten in Bielefelds Fußgängerzone Rede und Antwort stand, war ihr mulmig. Und als sie viele Jahre später vor vielen Menschen erzählte, warum es wichtig ist, an Demenz erkrankte Menschen in unsere Mitte zu holen, war es ähnlich. "Ich stehe lieber in der zweiten Reihe", sagt sie und lächelt. Dort fühlt sie sich deutlich wohler. Gibt es ein Wort für das Gegenteil einer Rampensau? Man müsste es erfinden für Dagmar Hinterlang. Sie ist ruhig, macht nicht viel Aufhebens um sich, aber sie ist eine gute und genaue Beobachterin, die eine Meinung und etwas zu sagen hat.

Dass man schüchtern sein kann und gleichzeitig stark und mutig, hat die 69-Jährige, die am Sonntag 70 Jahre alt wird, in ihrem Leben oft bewiesen. Zum Beispiel, als sie ihre an Demenz erkrankte Mutter überall mit hin nahm, obwohl sie damit rechnen musste, dass die alte Dame absonderliche Dinge tun oder sagen könnte. Bei einer Bahnfahrt ununterbrochen die Handtasche ein- oder ausräumen beispielsweise, aus den Tassen anderer Leute trinken oder sich spontan krank stellen, wenn ihr es irgendwo nicht gefällt. Bei fremden Leuten nimmt man das hin, bei der eigenen Mutter kostet es Nerven. "Ich war selbst erstaunt darüber, wie gelassen ich damit umgehen konnte", sagt sie heute.

2003 ist die Muter aus Hamburg nach Kleinlinden ins Erdgeschoss des Hinterlang’schen Hauses gezogen, wenig später begann die Demenz, 2011 ist Anni gestorben.

Vermutlich war es auch diese Gelassenheit, die anderen geholfen hat. Hinterlang war 2009 Gründungsmitglied des Vereins "Initiative Demenzfreundliche Kommune", seit 2012 ist sie Vorsitzende. In vielen Gesprächen mit Angehörigen und in Vorträgen vor Laien oder Fachpublikum hat sie dafür geworben, unsere Gesellschaft so zu gestalten, dass nicht nur die gut hineinpassen, die "funktionieren", sondern auch all jene, die anders sind.

Ein Plädoyer für Menschlichkeit und für Menschen, die nicht ins System passen, entsprach auch dem Engagement für Amnesty international, mit dem sie als junge Frau während ihrer Zeit an der Universität Bielefeld begann. Wieso gerade Amnesty? "Auf eine Partei konnte ich mich nicht festlegen, und für die Kirche fühlte ich mich damals irgendwie nicht fromm genug", erinnert sie sich. Ihre Aktivität bestand zunächst darin, Protokolle zu schreiben, doch dabei blieb es nicht, sie übernahm die Leitung einer eigenen Gruppe. Im Team zu arbeiten gefiel ihr, es machte ihr Spaß, gemeinsam etwas auf den Weg zu bringen.

Doch wie kam die Protagonistin nach Gießen? Geboren wurde sie 1950 in Kiel, die ersten prägenden Erinnerungen hat sie an Erkundungsgänge durch die noch vom Krieg gezeichnete Stadt. Immer im Schlepptau von "Oma Kiel", die auf sie aufpasste. Weitere Stationen waren Hamburg, wo sie aufgewachsen ist, und Bielefeld, wo sie gearbeitet hat. Die hessische Provinz wurde schließlich der Liebe wegen zur Wahlheimat. Wie für viele junge Menschen in den 70er Jahren war es Dagmars Traum, in einem israelischen Kibbuz zu arbeiten. Gutes tun, gemeinsam mit Jugendlichen aus aller Welt in einer unkonventionellen Wohnform etwas aufbauen, ein Zeichen setzen, diese Vorstellung gefiel der jungen Frau. Trotz aller Schüchternheit zog es sie bereits früh alleine ins Ausland. Sie hatte schon als Au-pair-Mädchen in Schottland bei einer jüdischen Familie viel über jüdisches Leben gelernt, doch das war nicht die Hauptmotivation für den Kibbuz. "Es war der Zeitgeist, wir stellten uns braun gebrannte Menschen auf den heißen Feldern Israels vor, die gemeinsam für ein Ziel arbeiteten", sagt sie. Eine Kombination zwischen Pfadfinderromantik und Hippie-Idylle. Ganz so wurde es dann nicht, aber unvergessliche Wochen waren es auf jeden Fall.

Da war dieser Typ aus Gießen dabei. Hans Hinterlang. Damals studierte er in Berlin. "Ich dachte zunächst, der wäre viel zu cool für mich", sagt sie. War er aber nicht. Zurück in Deutschland, hielt die Israel-Clique auch weiterhin Kontakt, man telefonierte, besuchte sich. Dagmar und Hans wurden ein Paar, sie heirateten, bauten ein Haus, bekamen einen Sohn und eine Tochter.

Das Nordlicht wurde Kleinlindenerin. Aus Liebe zu Hans, nicht aus Liebe zu dem Stadtteil - so ehrlich muss man sein. Häuser, die bis an die Straße reichen, keine Vorgärten, hohe, verschlossene Hoftore. Dem Charme des hessischen Dorfes erlag Dagmar, die die großzügige Weite norddeutscher Orte gewohnt war, keinesfalls sofort. Doch mit dem Kontakt zu den Menschen wandelt sich auch der Blick. Hans war bodenständig, ein echter Linneser, der jeden hier kannte. Gemeinsam mit den Freunden organisierten Hinterlangs kulturelle Veranstaltungen, Konzerte mit der Mundartgruppe Fäägmeel beispielsweise. Aus den Ankündigungen entwickelte sich 1987 der "Backschießer", der bald schon nicht mehr nur Termine veröffentlichte, sondern auch über die Geschichte und das Dorfgeschehen informierte. 31 Jahre lang erschien das Heft viermal im Jahr - es wird heute von vielen Kleinlindenern schmerzlich vermisst.

Durch die Beschäftigung mit der Geschichte wurde Hinterlang bald eine Expertin. Wesentlich dazu beigetragen haben auch die alten Frauen des Ortes. Auf Initiative der früheren Frauenbeauftragten Ursula Passarge hat sie Gesprächskreise in Leben gerufen, in denen die Frauen erzählten - von Bräuchen und Traditionen, von ihrem Leben im Dorf, von Aus- und Zuwanderern, von Freude und Leid. Im Laufe der Jahre sind drei Bücher entstanden, jedes von ihnen birgt kostbare Erinnerungen von Zeitzeuginnen. Das Zuhören, Nachfragen und Schreiben liegt Hinterlang eindeutig mehr als das, was sie in ihrem ursprünglich erlernten Beruf als Groß- und Einzelhandelskaufmann erlernt hat. "Das Kaufmännische hat mir nie gefallen". Der Journalismus schon eher, sonst wäre sie nicht seit 1991 freie Mitarbeiterin dieser Zeitung. "hin" berichtet seit vielen Jahren aus "Linnes", aber sie hat auch ungezählte Stunden im Gericht, in Bürgerversammlungen und bei Veranstaltungen aller Art verbracht. Früher stemmte sie das neben Haushalt, Ehrenamt und Kinderbetreuung, später neben Haushalt, Ehrenamt und Betreuung der Mutter.

Unterstützung erfuhr sie in all den Jahren von ihrem Partner. Dagmar und Hans waren eine Einheit, ein Team. Sie reisten, pflegten viele Freundschaften im In- und Ausland. 2009 erkrankte er an Krebs, 2011 starb er. Zu Hause, die ganze Familie war bei ihm und konnte sich verabschieden. Das gab und gibt der Witwe Trost. Aber ihr Mann fehlt ihr auch heute noch jeden Tag. Sie sagt: "Er war meine Liebe, mein Ratgeber, mein bester Freund". Innerhalb von 12 Monaten starben ihr Mann, ihre Mutter, ihre Schwiegermutter.

Ihr Weg, damit zurecht zu kommen, war Ablenkung. Mit der Arbeit für den Verein, für die Zeitung und das zuletzt erschienene Buch mit den Linneser Frauengeschichten.

Und zu ihrem großen Glück gibt es die Kinder Jan und Swantje mit ihren Familien. Den jüngsten Enkel Lars (1) hat sie zu ihrem Kummer seit Beginn der Pandemie kaum gesehen, aber Ole (4) und Lasse (1,5) wohnen im Haus. Morgens wird die Gießener Allgemeine gemeinsam bearbeitet. An diese Zeit werden die Kinder vielleicht irgendwann einmal so zurückdenken wie Dagmar an ihre "Oma Kiel".

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