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D-Mark, Dollars und Dukaten

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Jürgen Schwalb ist der einzige Münzfachhändler der Stadt. Zu ihm bringen die Menschen Geldstücke in der Hoffnung auf Gewinn. Doch oft muss Schwalb seine Kunden enttäuschen. Aber es gibt auch Schätze. Schwalb hatte selbst schon welche in den Händen.

Jürgen Schwalb war sechs Jahre alt, als er im erdigen Boden vor seinem Elternhaus eine Münze entdeckte. Sie war so anders als die Stücke, die er kannte. Kein Pfennig, auch keine Mark. "Es war ein amerikanischer Cent", erzählt der Gießener. Geprägt 1961. Schwalbs Geburtsjahr. "Da war es um mich geschehen." Heute, einige Jahrzehnte später, ist Schwalb Münzfachhändler. Der einzige in der Stadt. Er hat seine Leidenschaft zum Beruf gemacht. Wenn auch über Umwege.

Münzen sind etwa Alltägliches. Jeder Mensch hat sie regelmäßig in den Händen. Doch so beiläufig das Zahlungsmittel eingesetzt wird, so eindrucksvoll ist seine Geschichte. Die ersten Funde stammen aus dem Mittelmeerraum und datieren um die Zeit 2000 vor Christus. Der Kreislauf des Geldes sorgt zudem dafür, dass unzählige Menschen die selbe Münze in der Hand gehalten haben. Ein slowenischer Bauer zum Beispiel. Oder der spanische König. Das ist nur ein Grund, warum viele Menschen der Numismatik, also der Münzkunde, verfallen sind. Aber auch die Sehnsucht, ein ganz besonderes Stück zu ergattern, treibt die Sammler an. Schließlich bringen die wertvollsten Münzen mehrere Millionen Euro ein. Schwalb würde solche Stücke sofort erkennen. Schließlich beschäftigt er sich schon sein ganzen Leben lang mit Dollars, D-Mark und Dukaten.

Als 17-Jähriger kehrte Schwalb seiner Heimat Watzenborn-Steinberg den Rücken. Er stellte sich an den Ortsrand und reckte den Daumen in die Luft. Bis nach Spanien trampte Schwalb. Dann wollte er zurück. Doch weit kam er nicht. "In Frankreich habe ich ein Mädchen kennengelernt", erzählt der Gießener. Er blieb zwei Jahre, hielt sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser, bis er eines Tages an einem Münzfachgeschäft vorbeilief - und realisierte, dass mit der Leidenschaft aus der Kindheit Geld zu verdienen ist.

In sein eigenes Geschäft in der Südanlage kommen allerdings nur selten Sammler. Schwalb bedauert das. "Inzwischen spielt sich das meiste im Internet ab. Das ist schade. Vor allem, weil die Leute teils das Dreifache für Münzen ausgeben, was sie hier im Laden zahlen würden." Der Hauptteil des Geschäfts sei heute der Ankauf von Massenware, sagt der Händler. "Hierher kommen meist Menschen, die Münzsammlungen geerbt haben und zu Geld machen wollen."

Wie bestellt tritt eine Frau in den Laden. Ihr Rucksack ist gefüllt mit Fünf- und Zehn-Mark-Stücken, aber auch mit Münzen, die der vorherige Besitzer bei spezialisierten Versandhändlern gekauft hat. Schwalb hat für die Kundin keine guten Nachrichten. Die Mark-Stücke kann er ihr noch ohne Verlust umtauschen, für zehn Mark gibt es fünf Euro. Bei dem Rest sieht es jedoch deutlich schlechter aus. Egal, welche Münzen und Medaillen es auch sind, mehr als den Materialwert kann Schwalb nicht dafür bezahlen. Der einstige Besitzer hat einmal deutlich mehr dafür bezahlt.

"Das ist ein großes und sehr häufiges Problem", sagt der Gießener. Gerade Rentner würden oft Münzen bei Versandhändlern bestellen, teilweise hätten sie sogar ein Abonnement. Die Stücke hätten jedoch keinerlei Sammlerwert. "Münzen sind vor allem dann wertvoll, wenn sie eine kleine Prägestückzahl haben, und wenn sie aus einem Gebiet stammen, in dem es viele Sammler gibt. Der Materialerhalt spielt auch eine Rolle. Es gibt Münzen, die sehen aus wie neu, sind aber über Tausend Jahre alt."

Münzen, auf die diese Kriterien zuträfen, seien echte Schätze. Im Gegensatz zu der Massenware von den Versandhändlern. "Die landen alle hier", sagt der Fachmann und zieht unter dem Schreibtisch eine graue Wanne hervor. Sie ist bis oben gefüllt mit Gedenk- und Jubiläumstalern. "Die Erben bringen teils kistenweise von diesem Schrott zu mir. Meine undankbare Aufgabe ist es dann, ihnen die Augen zu öffnen."

Aber Jürgen Schwalb würde seinen Beruf nicht so gerne machen, wenn es nur um Umtausch und Materialwert ginge. Er hat auch regelmäßig mit Krügerrand, antiken Münzen oder anderen Besonderheiten zu tun. Er hat auch schon Schätze gehoben, echte Raritäten. Und all das begann mit einer kleinen Münze im erdigen Boden von Watzenborn-Steinberg. (Foto: Schepp)

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