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Crashkurs über Geschichte Taiwans

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Von: Marion Schwarzmann

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In Biedenkopf aufgewachsen, lebt Stephan Thome heute in Taipei. Seinen neuen Roman »Pflaumenregen« stellt er bei einer LZG-Lesung vor. © Marion Schwarzmann

Sein Debüt »Grenzgang« spielt in seinem hessischen Geburtstort Biedenkopf. Seinen aktuellen, fünften Roman »Pflaumenregen« hat Stephan Thome in seiner neuen Heimat Taiwan angesiedelt. Auf Einladung des Literarischen Zentrums stellte er ihn nun beim Mittelhessischen Kultursommer in Gießen vor.

Es ist egal, wo ich schreibe«, sagt Stephan Thome an diesem schwül-warmen Dienstagabend im KiZ - »es muss nur ruhig sein«. Alle seine fünf Romane hat er in Taiwan verfasst, wohin es ihn - den studierten Philosophen und Sinologen - vor einigen Jahren aus wissenschaftlichen Gründen und zum Studium der Sprache zog. Ein Viertel seines Lebens hat der 49-Jährige bereits in Taipei verbracht und seit dem vorletzten Jahr ist er auch mit einer Taiwanesin verheiratet.

»Ich habe nicht geahnt, wie groß die Verwandtschaft meiner Schwiegermutter ist«, erzählt er augenzwinkernd, denn auf der zünftigen Hochzeit habe er niemanden gekannt. Seine Eltern, die noch heute in Biedenkopf wohnen, durften wegen Corona nicht einreisen. Als sie den Saal für die Hochzeit anmieteten, berichtet Thome, war die Pandemie ein Rücktrittsgrund vom Vertrag. Ein anderer waren kriegerische Auseinandersetzungen. »Das, was in der Ukraine passiert ist, könnte eines Tages auch Taiwan drohen«, befürchtet nicht nur der Autor. Denn seit Ende des Pazifischen Krieges, also des Zweiten Weltkrieges, leidet Taiwan unter den ständigen Spannungen mit China.

Dieser Krieg ist es, der im Zentrum des neuen Romans »Pflaumenregen« steht, in dem Thome die Historie Taiwans anhand einer Familie über drei Generationen ansprechend erzählt. Hauptperson ist das aufgeweckte Mädchen Umeko, die 1942 davon träumt, eine richtige japanische Dame zu werden, während ihr älterer Bruder Keiji als Baseballspieler an der Schule Karriere macht. »Baseball ist in Taiwan so wichtig wie bei uns Fußball«, erklärt Thome.

Am Ende der über 500 Seiten starken Story feiert Umeko 2016 ihren 82. Geburtstag, zu dem ihr Sohn Harry und ihr Enkel Paul aus den USA angereist sind. Dabei wechselt Thome spielerisch zwischen den Zeiten und verwebt so geschickt Gegenwart mit Vergangenheit.

Bevor der Autor mit ruhiger, sicherer Stimme drei Kapitel aus seinem anspruchsvollen Buch liest, erläutert er in einer Art Crashkurs die komplexe Geschichte Taiwans und beantwortet auch Fragen aus dem Publikum. Diese Mischung aus historischem Vortrag und literarischer Lesung hat durchaus ihren Reiz. Doch das eigentlich Faszinierende an Thomes brillantem Roman ist die Leichtigkeit und Genauigkeit, mit der er auf hohem sprachlichem Niveau diese berührende Familiengeschichte aufblättert, dem Leser die Schicksale in einem so fremden Land packend näherbringt, uns sogar sicher durch die verwirrenden Namen führt.

Keine Vorbilder für die Figuren

Ob es Vorbilder für seine Figuren gegeben hat, will jemand aus dem Publikum wissen. Das verneint Thome, aber ihm sei das Milieu, in dem er seine Familiensaga angesiedelt hat, nicht fremd. »Der Großvater meiner Frau war ein wohlhabender Unternehmer«, erläutert er - so wie die drei Onkel von Umeko und Keiji, denen es zur Kolonialzeit gutging und die später als Kollaborateure galten. Er habe viel in Büchern und Filmen recherchiert, auch drei Zeitzeugen gefunden, erklärt Thome.

Er erinnert daran, dass erst 1987 nach der Diktatur von Chiang Kai-shek das Kriegsrecht in Taiwan aufgehoben wurde und 1996 dort zum ersten Mal in freier Wahl der Präsident gewählt werden konnte. Heute sei das Land hoch technologisiert und er habe bei seiner Arbeit an der Uni kaum Unterschiede zu Europa gespürt. Dennoch kann er sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. »Als meine Schwiegermutter erfuhr, dass ihre Tochter mit einem Deutschen liiert ist, rannte sie zum Orakel in den Tempel. Das weise Resultat: Die Gottheit lacht!«

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