Die Intensivstation am Gießener Uniklinikum.
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Die Intensivstation am Gießener Uniklinikum.

Corona-Pandemie

„Eigentlich ist es zu spät“: Gießener Infektiologin rechnet mit Corona-Politik ab

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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35 Corona-Experten haben deutliche Kritik am Umgang der Politik mit der Pandemie geäußert. Auch die Infektiologin Prof. Susanne Herold von der Uniklinik Gießen spricht von Versäumnissen.

Gießen – Susanne Herold und ihre Kollegen haben es kommen sehen - und immer wieder öffentlich gewarnt, dass wir in der Pandemie noch lange nicht über den Berg sind (hier in einem Bericht aus dem März). Das Robert-Koch-Institut (RKI), sagt die Professorin der Uni-Klinik Gießen, habe in Modellierungen vorhergesagt, wie die Corona-Lage sein wird, wenn eine nicht ausreichende Anzahl von Menschen geimpft ist. Die Erkenntnisse gebe es seit Monaten - und es tue weh, dass die Berechnungen eingetroffen sind: Aktuell sind nur 67,2 Prozent der Deutschen zweifach immunisiert. Um sicher durch den Winter zu kommen, müssten es mindestens 85 Prozent sein, bei den Risikopatienten 90 bis 95 Prozent. »Der von Politik und Interessenverbänden vermittelte Eindruck, dass wir durch sind, war fatal«, sagt Herold.

Deshalb gehören die Infektiologin und ihr Gießener Kollege, der Virologe Friedemann Weber, zu den 35 renommierten Corona-Experten, die in einem Aufruf das Pandemiemanagement in Bund und Land deutlich kritisieren. Die »derzeitige pandemische Situation hat das Potenzial, die Situation aus dem Frühjahr und vergangene Wellen in den Schatten zu stellen«, heißt es in dem Schreiben, das jetzt im »Kölner Stadtanzeiger« als Gastbeitrag veröffentlicht wurde. Zum Anlass des Aufrufs gefragt, sagt Herold: »Wir alle sind in Sorge, weil wir gesehen haben, dass wir in ein Infektionsgeschehen laufen, das vollkommen unkontrolliert ist und das dazu führen wird, dass wir in wenigen Wochen bei 50 000 bis 60 000 Neuinfektionen pro Tag bei 350 bis 400 Toten am Tag enden werden.« Sie macht eine kurze Pause und betont: »Unweigerlich. Das ist nicht zurückzudrehen.«

Infektiologin Susanne Herold aus Gießen lässt äußert tiefe Enttäuschung über Corona-Politik

Es habe bei Wissenschaft und Institutionen wie dem RKI das Gefühl vorgeherrscht, dass zu viel Zeit verstrichen sei. Zeit, in der hätte gehandelt und Impfangebote intensiviert werden können. »Das lag mitunter auch an der Bundestagswahl und daran, dass in dieser Zeit unpopuläre Entscheidungen ungern getroffen werden«, betont Herold. Mittlerweile nehme die Politik die Lage ernst. »Aber eigentlich ist es zu spät.«

Dies wird auch in dem Aufruf deutlich, der unter Federführung des Internisten Michael Hallek aus Köln und der Virologin Melanie Brinkmann aus Braunschweig entstanden ist: »Wir empfinden eine tiefe Enttäuschung über die Gefährdung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und über den wiederholt nachlässigen Umgang mit dem Wohlergehen der Menschen, die auf den Schutz des Staates angewiesen sind.« Es sei »unverständlich, dass die Verantwortungsträger eine solche Situation zugelassen haben, obwohl wir inzwischen über wirksame Instrumente verfügen, um dem SARS-CoV-2-Virus Einhalt zu gebieten«. Die Fachleute nennen zum Beispiel Impfstoffe als effektivste Vorbeugung.

Professorin Susanne Herold.

Die Handlungsempfehlungen aus der Wissenschaft seien »nur zögerlich, unvollständig oder nicht nachhaltig umgesetzt« worden. Stattdessen würden für die Pandemiebekämpfung notwendige Infrastrukturen wie die Kontaktrückverfolgung oder die Test- und Impfzentren zurückgebaut. Die Politik verlagere »durch ihr Abwarten zunehmend die Verantwortung, die vierte Welle zu brechen, ins Private«. Dies sei »bei nationalen Gesundheitskrisen diesen Ausmaßes nicht angebracht«.

Gießener Infektiologin Susanne Herold: Coronavirus wir „Welt noch eine Weile in Atem halten“

In diesem Zusammenhang unterstreicht Herold, dass die Intensivpatienten in den Kliniken zum Teil nicht mehr ausreichend behandelt werden können. Das seien nicht nur Covid-19-Patienten, sondern auch andere Erkrankte, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen. Als Beispiel nennt sie Kollegen in Bayern, die Patienten nach Italien ausfliegen müssen. »Das ist in einem Land wie unserem, das sowohl in der medizinischen Versorgung als auch der internen Organisationsstruktur derart gut aufgestellt ist, nicht akzeptabel.«

Die Forscher und Mediziner verordnen den politisch Verantwortlichen in Bund, Ländern und Kommunen, die Realität anzuerkennen: »Dieses Virus wird die Welt noch eine Weile in Atem halten. Es wird nicht einfach verschwinden.« Sollte der endemische Zustand erreicht werden, werde es immer wieder heftige Infektionswellen geben, sollten die Impfraten nicht deutlich gesteigert werden. Es brauche eine klare Kommunikation und einheitliche verbindliche Regelungen. Fehlten die weiterhin, trage dies erheblich zur Verlängerung der Pandemie bei.

Mehr auf Wissenschaft hören: Gießener Corona-Expertin Susanne Herold appelliert an alle

Die Entscheidungsgewalt, heißt es in dem Schreiben, müsse stärker als bisher beim Parlament liegen. Die Maßnahmen müssten aber ebenso »viel stärker als bisher an wissenschaftlichen Erkenntnissen ausgerichtet werden«. Deshalb schlagen die Forscher einen Krisenstab vor, dem neben Fachleuten aus Disziplinen wie der Virologie, der Medizin und der öffentlichen Gesundheit auch Personen aus der Praxis, etwa Kliniken, angehören. Dies soll helfen, eine tragfähige Lösung für den Konflikt zu suchen, »der sich zwischen der großen Mehrheit der Menschen, die eine aktive, vorausschauende und nachhaltige Pandemiepolitik befürworten und einer Minderheit, die die Pandemiebekämpfung als solche ablehnt« zugespitzt habe.

Fragt man Herold, was sie nun von Bund und Ländern erwartet, wird sie deutlich: »Dass die richtigen Maßnahmen getroffen werden, ohne Kompromisse.« Zum Beispiel brauche es 2G-Regeln, in bestimmten Bereichen sogar 2G mit Tests, »weil Geimpfte zwar nicht schwer krank werden, aber zum Teil das Virus übertragen können und damit zum Infektionsgeschehen beitragen«. Gerade die 2G-Regel, hofft die Wissenschaftlerin, animiere manche Menschen dazu, sich doch noch immunisieren zu lassen. Herold betont: »Wir müssen erreichen, dass die Unerreichten geimpft werden. Das ist der einzige Weg raus aus der Pandemie.«

*Redaktioneller Hinweis: In der Überschrift dieses Textes wurde Frau Herold zwischenzeitlich fälschlicherweise Virologin genannt. Tatsächlich ist sie Infektiologin. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen und haben diesen korrigiert.

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