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Jan Kampmann appelliert an das Verantwortungsgefühl von uns allen.

Corona-Virus

Coronavirus: Nun spricht die Risikogruppe - Gießener hat "keinen Bock aufs Sterben"

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Jan Kampmann hat "keinen Bock aufs Sterben". Als junger, behinderter Mensch gehört der Gießener einer Risikogruppe an - und appelliert an andere, sich vernünftig zu verhalten.

Kommst du auch zu unserer Corona-Party? So richtig ernst gemeint war die Einladung nicht, und normalerweise kann Jan Kampmann über makabre Scherze lachen. Aber derzeit ist nicht normalerweise, und deshalb fand der 32-jährige Journalist den Spruch eines Freundes auch nicht lustig. "Es geht um mein Leben", sagt er. Kampmann ist querschnittsgelähmt, seit er im Alter von 14 Jahren einen Unfall hatte. Ein Infekt kann für ihn schnell bedrohlich werden, weil die Atmung durch das geringere Lungenvolumen gefährdet ist.

Junge Menschen mit intaktem Immunsystem müssen bei einer Infektion mit dem Coronavirus nicht viel befürchten, denn die Krankheit verläuft meist glimpflich, mit milden Symptomen, die einer Erkältung ähneln. Doch jeder Einzelne kann das Virus weiter übertragen. Auch auf diejenigen, für die eine Infektion eine tödliche Bedrohung darstellt: Die Risikogruppen. Und dazu gehören nicht nur alte Menschen mit Vorerkrankungen, sondern insgesamt Menschen mit Handicap. Unter #Risikogruppe stellen sie sich auf Facebook vor: Da sind Denis, Amelie und Oli, die unterhalb der Halswirbelsäule gelähmt sind. Sie können schlecht abhusten, das Virus könnte sie töten. Kati hat Spina Bifida, auch sie hat ein sehr geringes Lungenvolumen. Raul und Leonard haben Glasknochen, eine Infektion kann sie umbringen. "Für uns alle ist das Virus eine tödliche Gefahr", sagt Kampmann.

Mit der Facebook-Kampagne wollen sie die erreichen, die bisher ignorant waren: Junge, gesunde Menschen und Skeptiker, die alle Vorsichtsmaßnahmen als übertriebene Hysterie abtun. Kampmann verurteilt die Sorglosigkeit nicht, er ist aber der Meinung, dass sie schnellstens aufhören muss. "Vielleicht wäre ich auch so leichtfertig, wenn ich nicht im Rollstuhl sitzen würde", sagt er. Da die Situation aber nun einmal so ist wie sie ist, will er dazu beitragen, die Menschen wach zu rütteln. "Jeder sollte sich an die gesetzlichen Empfehlungen halten, so kann er Leben retten".

"Wir sind alle noch jung und gehen wie Du gerne in Clubs, in Bars und auf Konzerte. Worauf wir keinen Bock haben, ist sterben", schreibt #Risikogruppe. Das sei aber gar nicht so unwahrscheinlich, wenn nicht alle in den kommenden Wochen zu Hause blieben und ihren Aktionsradius einschränkten.

In Italien sei das schon zu spät, da müssten Ärzte entscheiden, wen sie beatmen - und wer stirbt. Soweit sei es gekommen, weil die Menschen sich zu lange gegenseitig angesteckt hätten.

Kampmann hat in Gießen sein Abitur gemacht, er war mehrere Jahre bei den Rollstuhlfahrern des RSV Lahn-Dill aktiv. Bis vor kurzem hat er in Mainz gelebt, derzeit ist er auf "Zwischenstation" bei seinen Eltern im Kreis Gießen - solange, bis er eine barrierefreie Wohnung in Hamburg gefunden hat und solange die Pandemie das Land im Griff hat. Er wünscht sich Solidarität und Verantwortungsgefühl, damit nicht nur die robusten, widerstandfähigen Menschen überleben, sondern auch Menschen wie Amelie, Denis und er. Bisher habe der Fokus zu sehr auf Senioren gelegen. So richtig es sei, alte Menschen zu schützen, so notwendig sei es, darauf hinzuweisen, wer sich eigentlich hinter dem Begriff "Menschen mit Vorerkrankungen" verbirgt.

Die Verschärfung der Einschränkungen im alltäglichen Leben sei für #Risikogruppe überlebensnotwendig, da sich gezeigt habe, dass Appelle alleine nichts nützten. Die Reiselust sei ungebrochen gewesen, Cafés und Kneipen voll, selbst als schon längst alle Zeichen auf Alarm gestanden hätten.

Die Aktion auf Facebook ist in den vergangenen Tagen auf große Zustimmung gestoßen und oft geteilt worden. Ob den Absichtserklärungen auch Taten folgen, werden die kommenden Wochen zeigen. #Risikogruppe zeigt sich kämpferisch und ermutigt ebenfalls Betroffene: Gestorben wird später. Viel später.

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