+
Leitsystem im Uniklinikum. Damit soll verhindert werden, dass Menschen, die sich möglichweise infiziert haben, durchs Klinikum irren und andere Patienten oder Personal anstecken. Die Zuständigkeit für den Erstkontakt sieht freilich auch das Klinikum grundsätzlich bei den Hausärzten. 

"Hilferuf"

Coronavirus: Gießens Hausärzte funken SOS

  • schließen

Die Hausärzte sollen den ersten Abwehrriegel gegen die Verbreitung des Coronavirus bilden. Damit sie diese Aufgabe erfüllen können, muss sich etwas ändern, fordert das Gießener Hausärztenetz.

Haben Sie den Verdacht am Coronavirus erkrankt zu sein, kontaktieren Sie uns bitte zuerst telefonisch und kommen Sie nicht sofort in die Praxis". Hinter diesem Satz auf der Homepage der Gemeinschaftspraxis der "Flussärzte" in der Gießener Neustadt stehen fünf Ausrufezeichen. Derlei Appelle liest man derzeit auf jeder Internetseite oder auf Aushängen von Allgemeinmedizinern.

Die Hausärzte sollen das erste Bollwerk gegen die Verbreitung des Coronavirus sein. Doch unter ihnen wächst die Sorge, dass dieses Bollwerk in den nächsten Wochen bröckeln oder fallen könnte, wenn sich an der Strategie nichts ändert. "Gesundheitsämter, Kliniken und Politik zeigen auf uns und sagen: Die Hausärzte sind zuständig", erklärt Witold Rak aus der Gemeinschaftspraxis in der Neustadt.

Coronavirus: Hausärzte fordern "einheitliches Prozedere"

Rak spricht für das Gesundheitsheitsnetz der Gießener Hausärzte (GNGH). 30 von ihnen trafen sich am Montag bei den "Flussärzten", um die Lage zu besprechen. Mit dabei war auch ein Mitarbeiter des Kreisgesundheitsamts. Die Mediziner entschieden unter anderem, dass das GNGH seinen "Hilferuf" nicht nur an die zuständigen Behörden und die politischen Verantwortlichen richtet, sondern ihn auch über die Presse absetzt.

Witold Rak Hausarzt in Gießen

Die Hausärzte fordern vor allem ein "einheitliches Prozedere" beim Umgang mit Verdachtsfällen. Im Moment sei es so, dass jedes Gesundheitsamt die Frage, wo und bei wem der Nasen-Rachen-Abstrich für eine Virusuntersuchung abgenommen werden soll, anders beantworte. Nach Überzeugung des GNGH wäre die einfachste und wirkungsvollste Antwort die Schaffung einer zentralen Anlaufstelle in Gießen. Dort könnten die Abstriche nach Absprache und mit Zuweisung des zuständigen Hausarztes genommen werden. In dieser nichtöffentlichen Testungsstelle wären die Hausärzte tätig. "Wir sind genug Leute und könnten das abwechselnd jeweils zwei Stunden vormittags und nachmittags machen", erklärt Rak.

Dies würde die personellen Ressourcen der Hausarztpraxen und der Labore schonen, die Zeit bis zum Vorliegen eines Ergebnisses verkürzen und das Risiko minimieren, dass sich andere Patienten, Ärzte und ihre Mitarbeiterinnen infizieren. "Wir wollen die Verantwortung nicht abgeben, sondern uns an einem zentralen Ort in das System integrieren", betont Rak.

Coronavirus: Forderung nach Raum als zentrale Anlaufstelle

Die Forderung, in Gießen schnell einen Raum als zentrale Anlaufstelle für Menschen mit Corona-Verdacht zur Verfügung zu stellen, hat das GNGH am Mittwoch an Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz, Landrätin Anita Schneider, Hessens Gesundheitsminister Kai Klose und Ministerpräsident Volker Bouffier in einem Schreiben herangetragen. Rak: "Wir alle zusammen haben die Pflicht, die Ansteckungskette einer meldepflichtigen Krankheit in den Griff zu bekommen".

Das im Moment praktizierte und vom Gesundheitsamt gewünschte Prozedere läuft so ab, dass Patienten, die eine Infektion mit dem Coronavirus befürchten, bei ihrem Hausarzt anrufen und der im Gespräch klärt, wie begründet der Verdacht ist und ob eine Untersuchung mit Entnahme eines Abstrichs nötig ist. In diesem Fall müssen die Patienten in die Praxis kommen. Die Praxen indes seien entsprechend der räumlichen Verhältnisse dafür unterschiedlich geeignet. "Es gibt Kollegen, die haben nur zwei Untersuchungszimmer", berichtet Rak. Da werde es mit der strikten Trennung der Corona-Verdachtsfälle von allen anderen Patienten, "um die wir uns ja auch noch kümmern müssen", schwierig. Eine zentrale Anlaufstelle wäre eine Lösung für dieses Problem.

Klar ist laut Rak, dass die Krankenhäuser und das Universitätsklinikum die Hausärzte an dieser Stelle nicht entlasten werden. Eine Kollegin von Rak hatte Kontakt zum Uniklinikum aufgenommen. "Uns wurde klar gesagt, dass das Uniklinikum nur Corona-Verdachtsfälle untersucht, die sich dorthin verirrt haben", erzählt sie. Zuständig für den Erstkontakt seien grundsätzlich die Hausärzte bzw. deren Bereitschaftsdienst.

Coronavirus: Desinfektionsmittel und Kittel fehlen

Ein zweites großes Thema betrifft Desinfektionsmittel und Schutzkleidung wie Kittel oder Schutzmasken. "Jede Praxis hat sich ein kleines Depot angelegt, manche waren im Baumarkt", berichtet Rak. Aber das Material werde knapp. Die Hausärzte sehen hier die staatliche Gesundheitsverwaltung in der Pflicht, für Nachschub zu sorgen: "Für die Gesundheit der Bevölkerung sind die Gesundheitsämter und die Kassenärztlichen Vereinigungen zuständig".

Positiv sieht der Hausarzt das Verhalten der Patienten. "Die Leute sind sehr vernünftig. Es gibt keine Massenpanik in der Praxis." Es gebe Patienten, die hätten zwar (noch) keine Symptome, aber Angst, sich angesteckt zu haben. Andere hätten die typischen Erkältungsanzeichen. Es sei dann die Aufgabe des Hausarztes, anamnestisch herauszufinden, wie begründet der Verdacht ist und ob eine Untersuchung mit der Entnahme eines Abstrichs notwendig ist.

Im Vogelsbergkreis gibt es nun den ersten Fall einer Coronavirus-Infektion. In Gießen gibt es bereits zwei bestätigte Coronavirus-Fälle. Unter anderem eine Studentin hat sich mit SARS-CoV-2 infiziert. Nachdem der erste Fall in Wetzlar bekannt wurde, ist im Kreis Gießen eine Firma lahmgelegt worden. In der Wetterau gibt es bislang keine bestätigten Fälle. Allerdings befinden sich Wetterauer in häuslicher Quarantäne. Neben den Gießener Hausärzten, kämpfen auch die Wetterauer Hausärzte am Limit gegen das Virus.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare