Auch im Seltersweg sind die Einschränkungen durch das Coronavirus deutlich zu spüren. 
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Auch im Seltersweg sind die Einschränkungen durch das Coronavirus deutlich zu spüren. 

Ruhe statt Trubel

Coronavirus Gießen: Endzeitstimmung im Seltersweg

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Das erste Freiluft-Eis der Saison wird vorerst das letzte sein. Schon vor der Ankündigung, dass Lokale und Geschäfte schließen müssen, herrscht im Seltersweg Abschiedsstimmung.

Gießen - Der Blumenladen fordert seine Kunden per Schild zum Abstandhalten auf. Vor Coffee Bay preist eine Tafel die bald überflüssige Ware an: "Du brauchst noch ’ne Milch?" Die Kollegen bei Tchibo wollen möglichst kein Bargeld mehr anfassen und bitten um Kartenzahlung.

Im Seltersweg sind an diesem sonnigen Frühlingstag nach der spürbaren Verschärfung der Coronakrise nur halb so viele Passanten unterwegs wie an einem normalen Montag. Wo auch immer sie zusammensitzen oder -stehen, gibt es nur ein Thema: Die Pandemie. Mancher Bürger will noch nicht wahrhaben, was Gastronomen und Einzelhändler unisono vermuten: Wahrscheinlich wird die Gießener Innenstadt in einigen Tagen wie ausgestorben daliegen. Am Abend hat die Landesregierung die Schließung der Läden und die eingeschränkten Öffnungszeiten der Restaurants ab Mittwoch bekanntgegeben. Einige heimische Gastronomen sind zuvor schon selbst aktiv geworden. (Lesen Sie hier: Wie viele Corona-Fälle gibt es aktuell in Hessen?)

Gießen: Coffee Bay und Brotzeit zu

"Wir wollen mit gutem Beispiel vorangehen. Es geht um die Gesundheit", sagt Giovanni Parise. Seine "Brotzeit" wird am heutigen Dienstag letztmals öffnen, die "(H)Eiszeit" gegenüber am Mittwoch. Dort bildeten sich am Sonntag, dem ersten warmen Tag 2020, lange Schlangen. "Als ich gesehen habe, wie nah die Kunden beieinander standen, war ich ein bisschen schockiert", erklärt Parise seinen Entschluss.

Coffee Bay hat ebenfalls frühzeitig die Schließung ab Mittwoch geplant, "auch wenn es schmerzt", sagt Inhaberin Esther Demand. Neben dem Verdienstausfall für ihre Aushilfen tut es ihr besonders leid um die gerade eingekauften 600 Liter Frischmilch. Ihre Hoffnung, einen Teil über die Tafel weiterzugeben, ist vergebens: Die stellt den Betrieb zum Dienstag ein.

Seit etwa einer Woche bemerkt Giancarlo Biscardi nachlassende Gästezahlen in seinem Restaurant Gianoli. "Freitag ging es richtig bergab. Der Sonntagabend war eine Katastrophe." Die Tische sind weit auseinandergerückt. In ein paar Tagen sitzt dort niemand mehr, mutmaßt Biscardi. Bis dahin mache er vor allem im Interesse seiner studentischen Aushilfen weiter.

Gastronomien in Gießen: Rettung durch Lieferservice

Im "Geschmacksverkehr" ist mittags einiges los, abends aber ging zuletzt kaum noch jemand Essen, erzählt Dimitra Skartsani, Frau des Inhabers. Dass die Gaststätten nun um 18 Uhr schließen müssen, kann sie verstehen, denn "die Gesundheit kommt an erster Stelle".Das Lokal plant für abends einen Lieferdienst.

"Man darf nicht in Panik verfallen", finden Sofia Gradwohl und Alice Schröder. Die beiden Boutique-Mitarbeiterinnen stehen im leeren Laden. Der Einzelhandel habe sowieso schon Probleme, berichten sie. Nicht alle können auf Entgegenkommen des Vermieters hoffen.

"Gegen null" geht das Geschäft an diesem Montag beim Herrenausstatter Köhler. Schon seit Mittwoch sei ein deutlicher Kundenrückgang spürbar, heißt es. Zwei Mitarbeiter haben sich bereit erklärt, Urlaub zu nehmen, andere feiern Überstunden ab.

Eine Apotheke hat die Warteschlange ins Freie verlegt. Die Kunden vor der Tür haben sich weiträumig verteilt. Ein Pulk jugendlicher Mountainbiker jagt vorbei - "E-Learning" macht es möglich.

Coronavirus Gießen: Die Kaffeerunde bannt die Angst

Ein Mundschutz ist auf Gießens Straßen noch ein seltener Anblick. Ein Mann, der mit anderen Stammgästen beim Kaffee plaudert, hebt seinen hoch: "In geschlossenen Räumen halte ich mir den vor den Mund. Draußen bleibe ich auf Abstand."

Hier wird heiß diskutiert, ob die Bundesregierung zu früh, zu spät oder völlig überflüssigerweise unser aller Bewegungsfreiheit einschränkt. Die beklommene Stimmung ließe sich leichter ertragen, "wenn man wenigstens Fußball gucken könnte", klagt einer. "Soziale Kontakte" helfen ebenfalls, ergänzt seine Sitznachbarin. Um so schlimmer wird für sie der lahmgelegte Seltersweg. Der Mann gegenüber schlägt vor: "Wir bringen den Kaffee von zu Hause mit und treffen uns trotzdem hier."

Info: Weniger Passanten gezählt

Am Montag registrierte der automatische Zähler im Seltersweg deutlich weniger Passanten also sonst: 964 waren es in der Stunde ab 14 Uhr, der Montags-Schnitt liegt bei 1878. Über den Tag passierten gut 12 000 Menschen die Lichtschranke. An einem normalen Montag - etwa letzte Woche - sind es knapp 16 000, an einem sehr guten vor Weihnachten über 34 000.

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