Die Leidensgeschichte kann auch bei einem vermeintlich milden Corona-Verlauf zermürbend sein.	FOTO: SCHEPP
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Die Leidensgeschichte kann auch bei einem vermeintlich milden Corona-Verlauf zermürbend sein.

Langzeitfolgen ernst nehmen

Milder Verlauf, schwere Folgeschäden: Corona-Infektion beutelt Gießenerin noch nach Monaten

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Kira Weiß, Anfang 40 und kerngesund, erkrankt an Corona. Zwar bescheinigen die Ärzte der zweifachen Mutter einen milden Verlauf, an den Folgeschäden leidet die Gießenerin aber heute noch.

  • Kira Weiß aus Gießen hat sich Mitte März mit Corona angesteckt.
  • Noch jetzt hat die 43-Jährige mit schweren Spätfolgen zu kämpfen.
  • Insgesamt neun Wochen hat die Gießenerin in Quarantäne verbracht.

Gießen - Kira Weiß hat sich im Familienkreis mit dem Coronavirus angesteckt. Am 15 März, das Datum weiß die 43 Jahre alte Gießenerin noch genau, bekommt sie von jetzt auf gleich hohes Fieber und Schüttelfrost. Sie ist körperlich k.o. Ausgerechnet sie, der selbstständige Workoholic, immer unter Strom. Ausgerechnet sie, die Arbeit und Familie unter einen Hut bekommt, sich gesund ernährt, keinen Alkohol trinkt und nicht raucht. Ein Arzt testet sie auf das Coronavirus - und teilt ihr das positive Ergebnis mit. »Wir hätten nie gedacht, dass das Virus zu uns kommt«, sagt sie.

Corona: Lockdown vor Weihnachten auch in Gießen

Es ist kurz vor Weihnachten. Bundeskanzlerin Angela Merkel hatte für ihre Verhältnisse emotional an die Vernunft der Bundesbürger appelliert, freiwillig Kontakte einzuschränken. Doch wer sich die vollen Einkaufsstraßen angeschaut hat, dem war klar, dass die Politik die Notbremse ziehen muss. Lockdown Nummer zwei ist die Folge. So wie im März, als das Coronavirus das öffentliche Leben zum Erliegen brachte und sich die Menschen Zuhause versteckten.

Weiß heißt in Wirklichkeit anders. Sie will anonym bleiben, weil sie Sorge um ihre berufliche Existenz hat. Denn als sie am Coronavirus erkrankte, brach ihre Kundschaft um 90 Prozent ein. Gleichzeitig ist es ihr ein Anliegen, ihre Geschichte zu erzählen. Wenn sie sieht, wie trotz der Appelle von Ärzten und Politik munter weiter Familienbesuche für Weihnachten geplant werden.

Gießen: Kira Weiß hat alle typischen Corona-Symptome

Fünf Tage lang hält das Fieber bei Weiß an. Sie leidet unter Kopf- und Gliederschmerzen, der Geruchs- und Geschmackssinn ist weg, sie hat Halsschmerzen. Der trockene Husten begleitet sie bis in den Herbst hinein. Mittlerweile hat sie Asthma - zum ersten Mal in ihrem Leben.

Die Familie hat Glück, in einem Haus mit Garten zu wohnen. Das ältere Kind zieht sich zurück in sein Zimmer, aber das jüngere Kind kann sich im Garten austoben. »Ich achte sehr auf den TV-Konsum, aber manchmal habe ich den Fernseher eingeschaltet und das jüngste Kind einfach länger schauen lassen, weil ich keine Kraft mehr hatte«, sagt Weiß.

Langsam geht es der Frau besser, doch am 1. April bekommt sie bei leichter Gartenarbeit einen Hustenanfall - und das Fieber kehrt zurück. Ihre Temperatur steigt auf bis zu 39,2 Grad und wird fünf Wochen lang nicht weggehen. Ihre Hausärztin überweist sie schließlich in die Uniklinik.

Gießenerin Weiß: Neun Wochen lang Corona-positiv

Eine Woche verbringt Weiß auf der Corona-Station - aber nicht bei den Intensivpatienten. »Als ich kam, waren wir zu dritt, als ich ging zu acht. Damals kam mir diese Zahl hoch vor.« Heute werden über 100 an Covid-19 erkrankte Patienten am UKGM behandelt. Die Gießenerin erlebt Ärzte und Pfleger, die ihr Bestes geben. »Die leisten tolle Arbeit, die sind sehr nett«, betont sie. »Ich wünschte mir, man könnte sie auszeichnen für das, was sie leisten. Ohne sie wäre ich und viele andere tot.«

Nach ihrer Rückkehr nach Hause muss Weiß zwei Wochen in Quarantäne bleiben. Sie sondert sich im Schlafzimmer vom Rest der Familie ab. »Meine Kinder nicht in den Arm nehmen zu können, wenn sie weinten, war für mich die Hölle«, sagt sie. Insgesamt wurde die 43-Jährige neun Wochen positiv auf Covid-19 getestet, neun Wochen lang war sie in Quarantäne. »Das war eine Katastrophe«, sagt sie, »aber die Kinder haben es super gemacht.« Die Familie hält zusammen, ihre mit ihnen im Haus lebenden Mieter kaufen für sie ein. Mit den Verwandten wird viel telefoniert. Nur einige Freunde von früher sind das heute nicht mehr. »Es hat uns auch gezeigt, auf wen wir uns verlassen können«, sagt Weiß.

Gießenerin Weiß: Herzmuskelentzündung als Folge von Corona

Weil sie nicht beatmet werden musste, wird der Krankheitsverlauf bei Weiß als mild bezeichnet. Doch noch heute leidet sie unter schweren Folgeschäden. Als sie im Sommer selbst bei leichten Anstrengungen noch immer Atemnot verspürt, wird sie von der Uniklinik gefragt, ob sie an einer Studie zu genau dieser Frage teilnehmen will. Dabei stellen die Mediziner bei ihr eine Herzmuskelentzündung fest. Daran leidet sie immer noch - sie ist weiterhin krankgeschrieben. Weiß muss Herztabletten nehmen.

Fragt man die Frau nach Maskenverweigerern und denen, die sagen, das Coronavirus sei nicht schlimmer als eine Grippe, wird sie deutlich: »Es macht mich wütend. Die müssen es selbst erleben. Dann sagen sie das nicht mehr.« Die Freude über den Impfstoff teilt Weiß aber nicht. »Der wird die Welt auch nicht von heute auf morgen heilen.« Sie wünscht sich, dass die Menschen lieber rücksichtsvoller sind und Abstands- und Hygieneregeln befolgen. »Was wir brauchen, ist Solidarität. Der Egoismus macht alles kaputt.«

Weil die Frage der Immunität von bereits an Covid-19 erkrankten Menschen nicht geklärt ist, will die Familie Weihnachten alleine feiern. Generell haben sie ihre Kontakte eingeschränkt. Am Ende will Weiß noch etwas loswerden: »Ich wünsche mir fürs neue Jahr, dass meine Familie gesund bleibt und alle Menschen mehr Menschlichkeit zeigen.«

Am Universitätsklinikum in Gießen wurden am Montag insgesamt 108 Patientinnen und Patienten mit Covid-19 versorgt, 42 davon auf den Intensivstationen.

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