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Schon gehört? Süßigkeiten sind notwendiger Alltagsbedarf - das ist jetzt amtlich bestätigt.

Corona-Verbote

Corona-Verbote: Welcher Gießener Laden darf was verkaufen?

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Der Spielwarenladen musste schließen, der Supermarkt darf Puzzles verkaufen. In der Gießener Geschäftswelt gibt es in Corona-Zeiten Fragezeichen.

Gießen - Handykabel, Kaffeetassen, Unterwäsche. Danach stöbert die Gießenerin gern im Action-Markt an der Marburger Straße. Der Laden ist zwar auch in Corona-Zeiten offen - doch zur Zeit kann sie dort nur Drogerieartikel, Süßigkeiten, Heimwerkerbedarf oder Tierfutter kaufen. Der Großteil der Gänge ist abgesperrt, Regale mit Folie verhängt. Der unmittelbar benachbarte Herkules-Supermarkt dagegen darf sein gesamtes Sortiment feilbieten einschließlich Spielzeug, Haushaltswaren und Büchern. Warum? Das fragen sich viele Kunden und auch Geschäftsinhaber.

Ein Gang durch die stationäre Gießener Einzelhandelslandschaft offenbart vermeintliche Widersprüche, ja Skurrilitäten. Der Fahrradhändler darf das alte Gefährt reparieren, aber kein neues verkaufen. "In Berlin ginge das", erklärt er: In der Hauptstadt zählen Fahrräder als Grundbedarf. Dafür können wir in den Baumarkt, die Bayern nicht.

Corona-Verbote in Gießen: Hunderte Anfragen

Geschäfte mit Postannahmestelle haben geöffnet, ebenso die Buchhandlung im Bahnhof - wohl dank Zeitungen und Zeitschriften - sowie die Tankstellenshops, in denen von der Landkarte bis zum heißen Kaffee allerlei zu haben ist. Bei den Discountern gehen die "Non-Food"-Aktionen munter weiter. Mal gibt es Wanderkleidung, mal Gartenmöbel. (Lesen Sie auch: Aktuelle Corona-Entwicklungen und Zahlen in Gießen und Umgebung)

Eher selten zu finden sind Geschäfte, die - wie Action - einen Teil ihrer Fläche absperren mussten, den Rest aber weiterbetreiben. Die Karstadt-Lebensmittelabteilung bleibt zugänglich, ansonsten ist das Warenhaus verwaist. Für den Drogeriemarkt Müller in der Galerie Neustädter Tor erweist es sich als Pech, dass er sein Sortiment von jeher räumlich so aufgeteilt hat, dass es nun zu den Corona-Regeln passt. Das Erdgeschoss mit Drogerie, Haushalt und Lebensmitteln zählt als notwendig; und weil sie gleich danebenstehen, dürfen auch die teuren Düfte verkauft werden. Die obere Etage mit Spiel- und Schreibwaren sowie Musik-CDs musste schließen.

Dahinter steht die Logik des "Schwerpunkts" des jeweiligen Warenangebots (Details im Kasten). "Überwiegt das erlaubte Sortiment (Grundbedarf), darf das Geschäft insgesamt geöffnet bleiben und darf Waren des gesamten Sortiments verkaufen", erläutert Thorsten Haas, Sprecher des Regierungspräsidiums Gießen.

Was das im Detail heißt, wird viel diskutiert, wie sich nicht nur beim Streit um den "Eistörtchen"-Kniff des Gießener Cafés Geißner zeigte. Die RP-Fachleute aus der gewerberechtlichen Fachaufsicht hätten in den ersten beiden Wochen nach Inkrafttreten der Verordnung "Hunderte von Anfragen" per Mail oder Telefon erhalten, berichtet Haas. Gewerbetreibende, Kommunen, Landkreisen und Kammern wollten Einzelfälle geklärt wissen. In manchen Behörden an der Basis sei "an anderweitige Aufgabenerfüllung kaum mehr zu denken". Die zuständigen Ministerien veröffentlichen ständig aktualisierte "Auslegungshinweise". Zugleich unterstreicht Haas: Insgesamt sei "die Einsicht der Gewerbetreibenden hoch", Verstöße seien die Ausnahme.

Corona-Verbote in Gießen: Vor Ort bestellen

"Der Großteil der hessischen Bevölkerung akzeptiert und befolgt die Verbote", bekräftigt eine Sprecherin des Sozialministeriums. Sie erinnert an das Ziel der Schließungen, nämlich die Ausbreitung des Corona-Virus zu verlangsamen. "Natürlich stellen wir diese Einschränkungen permanent auf den Prüfstand und hoffen, sie so bald wie möglich lockern zu können", versichert sie. Dass die Regelungen der Bundesländer uneinheitlich sind, erklärt sie mit "unterschiedlichen Umständen": "Jedes Land muss seine eigene Abwägung treffen."

Wer Waren braucht, die nicht als "Grundbedarf" gelten, kann diese dennoch weiterhin vor Ort erhalten. Auch in Gießen bietet der Einzelhandel auf breiter Front die Bestellung und Lieferung an. Dabei werden die Händler oft von freundlichen Nachbarn unterstützt: Die Bäckerei oder Apotheke nebenan stellt sich als Anlaufstelle zur Verfügung.

In der "Vierten Verordnung zur Bekämpfung des Corona-Virus" vom 17. März schreibt das Land Hessen die Schließung von Geschäften vor. Geöffnet bleiben dürfen demnach der Lebensmitteleinzelhandel, Futtermittelhandel, Wochenmärkte, der Direktverkauf vom Lebensmittelerzeugern, Reformhäuser, Feinkostgeschäfte, Geschäfte des Lebensmittelhandwerks, Getränkemärkte, Banken und Sparkassen, Abhol- und Lieferdienste, Apotheken, Drogerien, Sanitätshäuser, Optiker, Hörgeräteakustiker, Poststellen, Waschsalons, Tankstellen samt Tankstellenshops, Reinigungen, Kioske, Tabak- und E-Zigarettenläden, Zeitungsverkauf, Blumenläden, Tierbedarfsmärkte sowie Bau- und Gartenbaumärkte. Und wenn ein Laden ein Sammelsurium bietet? Die Verordnung erklärt: "Entscheidend ist der Schwerpunkt im Sortiment." Die Umsetzung obliegt den Ordnungsbehörden vor Ort, die sich bei Detailfragen ans Regierungspräsidium wenden.

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