Auf dem Land werden neben Wasser auch Hygieneartikel verteilt. FOTO: PM
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Auf dem Land werden neben Wasser auch Hygieneartikel verteilt. FOTO: PM

Corona trifft auf Hurrikan

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Selbst wenn San Juan del Sur offizielle Partnerstadt Gießens ist, haben beide Städte wenig gemein. Nicht nur landschaftlich, auch politisch gibt es große Unterschiede. Das zeigt sich im Kampf gegen Corona.

Die Zeitschrift The Economist veröffentlicht regelmäßig einen Demokratie-Index. Demnach ist Norwegen das demokratischste Land dieser Erde. Deutschland folgt auf Platz 13. Und Nicaragua? Der Staat in Zentralamerika landet auf Platz 123 und fällt somit in die Kategorie "Autoritäres Regime". Was das für die Bürger des mittelamerikanischen Staates bedeutet, zeigt sich etwa im Umgang mit der grassierenden Corona-Pandemie. Auch in Gießens Partnerstadt San Juan del Sur.

Uwe Koperlik ist der Vorsitzende des Vereins zur Förderung der Städtepartnerschaft Gießen mit San Juan del Sur, kurz Gipanic. "Zu Beginn der Pandemie wurde die Existenz des Virus von der Regierung geleugnet", sagt Koperlik und betont, dass Vorbeugungsmaßnahmen in Nicaragua sogar kriminalisiert worden seien. "Selbst im Gesundheitswesen wurden Masken verboten."

Und nicht nur das, wie ein Bericht der Tagesschau aus dem Juli zeigt. Demnach wurden mehrere Klinik-Mitarbeiter gefeuert, weil sie Schutzkleidung getragen und Covid-19 als Todesursache in Totenscheinen eingetragen hatten. Das Gesundheitsministerium hatte zuvor befohlen, in solchen Fällen Lungenentzündung, Bluthochdruck oder Diabetes als Todesursachen anzugeben. Die Botschaft von Präsident Daniel Ortega war klar: Corona? Nicht bei uns.

Regierung leugnet Corona anfangs

Diese Haltung hat sich inzwischen verändert. Das zeigt auch die Nachricht einer Mitarbeiterin des Rathauses von San Juan del Sur: "Zur Zeit haben wir keine Infizierten. Seit Beginn der Pandemie hatten wir nicht viele Infizierte. Aber wir hatten Familien, die geliebte Menschen verloren haben. Ich weiß nicht, wie viele Menschen starben, aber es waren sehr wenige."

Es gibt unterschiedliche Angaben, wie stark Nicaragua durch Corona getroffen worden ist. Laut Koperlik gab das staatliche Gesundheitsministerium Anfang Dezember 5838 bestätigte Infektionen und 161 Todesopfer an. Die Weltgesundheitsorganisation zählte am 9. Dezember 4709 Infektionen und 162 Todesopfer, die Organisation Observatorio Ciudadano veröffentlichte zum gleichen Stichtag Zahlen, wonach 114 39 Verdachtsfälle und 2813 bestätigte Todesopfer erfasst worden seien. Für San Juan de Sur werden vier Infektionen und zwei Tote gezählt.

Das ist vergleichsweise wenig. Die Corona-Krise hat den Alltag der Nicaraguaner trotzdem verändert. "Zu Beginn der Pandemie schlossen in San Juan de Sur viele Geschäfte, Tourismusbetriebe und Restaurants", erzählt Koperlik. Der Tourismus sei sofort weggebrochen, viele Menschen hätten ihre Beschäftigung verloren. Arbeitslosengeld? Gibt es in Nicaragua nicht.

Gießener Verein schickt Masken

Die kleine Gemeinde San Juan del Sur mit ihrer 50 Kilometer langen Pazifikküste, den malerischen Buchten und den über 40 weitgehend unberührten Stränden ist landschaftlich gesehen ein Paradies. Über die Hälfte der knapp 20 000 Einwohner lebt jedoch in Armut. Der Verein Gipanic will das ändern. Laut Koperlik sind seit der Besiegelung der Städtepartnerschaft 1986 über 100 Projekte von Gießen aus initiiert worden. So wurden bereits Wasserfilter nach San Juan gebracht, Frauenprojekte gefördert, Latrinen gebaut oder Ernährungsprogramme unterstützt. Zusammen mit der Gesamtschule Busecker Tal, die eine Partnerschaft mit einer dortigen Schule pflegt, unterstützen die Gapanic-Mitglieder etliche Bildungsprojekte. Diesen Sommer haben Koperlik und seine Mitstreiter zudem Hilfsmaßnahmen im Zuge der Corona-Pandemie eingeleitet. Gemeinsam mit zwei Nichtregierungsorganisation wurden Hygieneartikel und Informationsmaterial organisiert. "Außerdem haben wir an den Schulen Lehrer und Schüler sensibilisiert und Schutzmasken, Desinfektionsmittel sowie Seife ausgegeben", sagt Koperlik. In weiteren ländlichen Siedlungen sei ebenfalls Schutzausrüstung an Einwohner überreicht worden. "Hier konnte der Verein 359 Familien mit rund 1780 Personen unterstützen. Außerdem haben wir Lebensmittel an Familien ausgegeben, denen durch den fehlenden Tourismus das gesamte Einkommen weggebrochen ist", sagt Koperlik und fügt an, dass der Verein gemeinsam mit der Stadt Gießen ein weiteres Hilfsprojekt dieser Art plane.

Das zeigt: Auch wenn es die Regierung lange Zeit nicht wahrhaben wollte, trifft die Pandemie die Menschen in Nicaragua hart. Doch damit nicht genug: Die Ausläufer der Hurricanes "Iota" und "Eta" haben in den vergangenen Wochen auch in San Juan de Sur teils starke Verwüstungen angerichtet. Ein Großteil der Ernte wurde vernichtet. In einem der ärmster Länder der Welt treffen derzeit also tropische Wirbelstürme und eine globale Pandemie zusammen.

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