Die Mischlingsrüden Rumo (r.) und Timmy - hier auf der Wiese am Schlangenzahl - sind zwei von über 500 Hunden, die in diesem Jahr in Gießen neu angemeldet wurden. FOTO: JRI
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Die Mischlingsrüden Rumo (r.) und Timmy - hier auf der Wiese am Schlangenzahl - sind zwei von über 500 Hunden, die in diesem Jahr in Gießen neu angemeldet wurden. FOTO: JRI

Gefragte Haustiere

Corona sorgt für Hunde-Boom in Gießen

  • Jens Riedel
    vonJens Riedel
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Nie zuvor wurden in Gießen mehr Hunde neu angemeldet als in diesem Corona-Jahr: Es sind über 500. Die Zahl der "offiziellen" Hunde in der Stadt kletterte auf das Allzeit-Hoch von 3060.

Bei den chinesischen Tierkreiszeichen liegt das "Jahr des Hundes" zwar schon zwei Jahre zurück. Doch in Gießen wird 2020 als "Jahr des Hundes" in die Geschichte eingehen. Von Januar bis November wurden in der Stadt 518 Hunde neu angemeldet - das ist Rekord, obwohl der Dezember noch nicht eingerechnet ist. Nie zuvor lag die jährliche Zahl der Neuanmeldungen bei über 500. Zum Vergleich: Im Vorjahreszeitraum wurden nur 416 neue Hunde registriert

Aktuell leben nun 3060 steuerlich angemeldete Hunde in Gießen - ein Allzeit-Hoch. Vor zehn Jahren lag diese Zahl noch unter 2600. Wie viele Hunde es darüber hinaus unangemeldet in Gießen gibt, dazu liegen der Stadt keine verlässlichen Daten oder Prognosen vor, sagte Stadt-Sprecherin Claudia Boje.

Etwa 300 000 Euro Hundesteuer nimmt Gießen pro Jahr ein. Tendenz: Steigend. Diesen Einnahmen steht keine bestimmte Leistung - etwa das Reinigen der Straßen von Hundekot - gegenüber. Die Stadt kann die Steuer laut Gesamtdeckungsprinzip zur Finanzierung aller städtischen Aufgaben verwenden. Kosten entstehen allerdings zum Beispiel durch 55 Plätze, an denen die Stadt Spender mit schwarzen Hundekot-Plastiktüten aufgestellt hat. Diese Spender werden jährlich mit rund 600 000 Kotbeuteln bestückt, teilte Stadt-Sprecherin Boje mit.

600 000 Kotbeutel

Klar ist: Das Corona-Jahr hat den Trend zum Hund - und generell zum Haustier - wie ein Turbo befeuert. Viele Menschen verbringen jetzt wegen Homeoffice oder Kurzarbeit mehr Zeit zu Hause. Da passt ein Hund besser in den Alltag.

Zu den über 500 Gießenern, die sich in diesem Jahr einen Hund neu angeschafft haben, gehört Mailina Krengel aus Wieseck: Die 26-Jährige besitzt seit Anfang Oktober einen Golden-Retriever-Welpen namens Lux. "Durch coronabedingte berufliche Veränderungen hatte ich endlich Zeit, mich angemessen um einen Welpen kümmern zu können", sagt sie. Es sei aber schwer gewesen, überhaupt einen Hund zu bekommen, da heimische Züchter eine riesige Nachfrage hatten. Sie habe Glück gehabt, von einem Wurf mit zwölf Welpen ihren Lux abzubekommen. Krengel bereut ihre Entscheidung "pro Hund" nicht - im Gegenteil: "Ich freue mich jeden Tag über meinen neuen Wegbegleiter."

Auch die Familie Klement aus Gießen hat sich ihren lange gehegten Traum vom eigenen Hund erfüllt. "In diesem Jahr hat es einfach gepasst, auch wegen Corona. Meine Frau und ich können beide im Homeoffice arbeiten, es ist fast immer jemand zuhause, das ist gut für den Hund", sagt der 50-jährige Martin Klement. Ihren jungen schwarzen Mischlingsrüden "Rumo" hat die Familie über eine Tierschutzorganisation aus der Slowakei vermittelt bekommen. Tochter Mara kann sich ebenfalls gut um den Vierbeiner kümmern und bringt ihm kleine Tricks bei. Zudem wohnen die Klements am Stadtrand im Gebiet Schlangenzahl; sie haben Wiesen und Feldwege direkt vor der Haustür. "Das ist ideal, da gibt es immer andere Hunde als Spielgefährten", sagt Martin Klement.

Seine Nachbarn haben sich im April ebenfalls einen Hund ("Timmy") ins Haus geholt. Die beiden Vierbeiner verstehen sich prächtig. "Zum Gassigehen kann jeder auch mal den Hund des Nachbarn mitnehmen", sagt Klement. Das mögen die Hunde, und das sei auch für die Halter ein Vorteil.

Viel los im Tierheim

Profitiert vom Hunde- und Haustier-Boom haben vor allem die Zoofachgeschäfte. Der großen "Fressnapf"-Center im Schiffenberger Weg verzeichnete einen wahren Ansturm auf Hundezubehör und Hundenahrung - einige Artikel wie etwa beleuchtete Halsbänder für die dunkle Jahreszeit waren zeitweise sogar ausverkauft, wie Fressnapf-Pressesprecher Kristian Peters-Lauch bestätigt. Und: Manche Menschen haben offenbar nicht nur Klopapier, sondern auch Hunde- und Tiernahrung gehamstert.

Für die Gießener Genossenschaft Egesa-Zookauf war das zurückliegende Geschäftsjahr das erfolgreichste Jahr seit ihrem 60-jährigen Bestehen. Die Dividende an die Genossenschaftsmitglieder konnte deutlich erhöht werden. Und: Im Gegensatz zum negativen Trend im Einzelhandel hat Egesa-Zookauf sogar ein neues Fachgeschäft - in Linden-Forst - eröffnet.

Auch das Tierheim in Gießen hat den Hunde-Boom deutlich gespürt: Trotz der coronabedingt reduzierten Öffnungszeiten wurden dort deutlich mehr Tiere vermittelt als üblich. "Wir konnten sogar viele ältere und kranke Tiere an neue Besitzer abgeben", sagt Astrid Paparone, Vorsitzende des Tierschutzvereins. Sie hoffe allerdings nicht, dass einige Neu-Hundehalter ihre Tiere nach der Pandemie wieder loswerden möchten.

Glücksgefühle

Für Mailina Krengel und die Familie Klement kommt das keinesfalls in Frage: Für sie ist es in kürzester Zeit unvorstellbar geworden, ohne Hund zu leben.

Das bestätigt auch eine Umfragen unter Hunde- und Katzenhaltern, die das Unternehmen Fressnapf durchgeführt hat: Für die Mehrheit von 1600 Befragten ist das eigene Haustier "wie ein Familienmitglied" geworden, mit dem sie Glücksmomente erleben. Speziell Hunde nehmen Menschen das Gefühl des Alleinseins, bringen sie in Bewegung, spenden Ruhe, Entspannung oder Trost. Hunde helfen zudem mit festen Gassi-Zeiten dabei, den Alltag zu strukturieren. Darüber hinaus geben die Tiere ihren Besitzern das Gefühl, gebraucht zu werden. Das finden Menschen generell gut - auch abseits von Corona.

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