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Die Corona-Krise stellt Schulleiter in Hessen vor Herausforderungen. 

Schulen in Hessen vor Neustart

Corona: Schulen in Hessen brauchen kreative Lösungen - "Unterricht wird sich verändern"

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Bestimmte Schülergruppen haben ab Montag wieder Präsenzunterricht. Im Interview erklärt die Gießener Schuldezernentin Astrid Eibelshäuser, wie die Vorgaben des Landes in den Einrichtungen umgesetzt werden sollen - und dass es in der Schule nicht nur um Bildungsfragen geht.

Frau Eibelshäuser, am Montag beginnt für einige Schüler wieder Präsenzunterricht an den Schulen. Die Stadt als Schulträger und die Schulen selbst müssen wegen fehlender Erfahrungswerte nun auf Sicht fahren, oder?

Wir haben keine Blaupause, müssen daher flexibel sein, immer wieder neue Absprachen mit den Schulen zu treffen. Wir wissen erst seit Ende vergangener Woche, welche Gruppen in Hessen ab Montag Präsenzunterricht haben. Für die nächsten Tage sind weitere Informationen und Vorgaben angekündigt. Beispielsweise werden Muster für Hygienepläne erwartet, die die Schulen erarbeiten sollen. Oder auch: Wie wird der Ganztag organisiert; welche Vorgaben gibt es für die Organisation der Prüfungen?

Klar sind zum Beispiel diese Vorgaben: nicht mehr als 15 Schüler pro Klasse, eineinhalb Meter Abstand. Funktioniert das?

Für die Schulformen, die wir im ersten Schritt erwarten, gibt es ausreichend Räume.

Wie sieht das konkret aus?

Das planen gerade die einzelnen Schulleitungen mit den Kollegien für ihre Schulen. Es sind die unterschiedlichsten Möglichkeiten denkbar, und es wird nicht den einen Weg geben. Es werden unterschiedliche Modelle für einzelne Jahrgangsstufen und Unterrichtsfächer sein. Die Vorgabe ist zunächst einmal, dass jede Klasse mindestens 20 Unterrichtsstunden Präsenzunterricht haben soll. Alles andere ist eine Frage des Konzeptes. Es ist denkbar, dass der Präsenzunterricht gerade in der Oberstufe durch einen Anteil von digitalem Lernen ergänzt wird. Möglich ist, dass man mit Priorität alle großen Räume der Schule nutzt. Aber auch, dass sich eine Klasse auf zwei oder mehrere Räume verteilt. Man wird neue Formen erproben müssen, Unterricht wird sich sicher in Teilen verändern.

Dem Schulapparat wird unterstellt, dass Veränderungen eine sehr lange Zeit brauchen…

Dem würde ich widersprechen. Schulen und Lehrkräfte sind sehr flexibel. An Schulen werden immer wieder neue und unterschiedliche Projekte durchgeführt, es wird sehr differenziert gearbeitet, es gibt eine Vielzahl und Vielfalt an Unterrichtsvorhaben. Lehrkräfte mussten und müssen sich auch im Regelbetrieb immer wieder auf neue Lerngruppen, Unterrichtssituationen und sich ändernde Bedingungen einstellen.

Und in Corona-Zeiten?

Jetzt haben wir natürlich eine besondere Situation. Es ist eindrucksvoll, wie die Schulen es in den drei Wochen vor den Osterferien geschafft haben, zu einem Großteil der Schüler Kontakt zu halten und Unterrichtsvorhaben fortzuführen. Es wird jetzt darum gehen, diese Ansätze weiterzuentwickeln, aber auch sehr genau zu schauen, welche Schüler nicht erreicht wurden oder nicht die digitalen Kommunikationswege nutzen konnten. Hier müssen Maßnahmen ergriffen werden, damit in den nächsten Wochen und Monaten Bildungsbenachteiligungen nicht weiter zunehmen.

Die Schulen müssen noch mehr stemmen.

Es geht um Konzepte für den Präsenzunterricht, die größtmögliche Sicherheit für alle Beteiligten bieten, und unter Umständen werden in den nächsten Wochen weitere Gruppen wieder in die Schulen kommen. Es geht aber auch darum, die Schüler weiter gut zu fördern, die vorerst nicht wieder zur Schule gehen. Das ist aktuell die größere Gruppe. Und es gilt, an allen weiterführenden Schulen die Abschlussprüfungen zu stemmen. Allein das ist eine große Herausforderung.

Es gibt Stimmen, die plädieren für den Verzicht auf die Abschlussprüfungen. Wie sehen Sie das?

Das ist nicht im Zuständigkeitsbereich des Schulträgers. Persönlich habe ich lange an der Schule gearbeitet, als es noch keine zentralen Abschlussprüfungen gab. Und ich bin der festen Überzeugung, dass sich durch zentrale Abschlussprüfungen die Qualität des Unterrichts nicht erhöht hat. Aber wenn es grundsätzlich Abschlussprüfungen gibt, geht es auch darum, dass die Schüler auch in Krisenzeiten einen umfassend anerkannten Abschluss erwerben können.

Diskutiert wird eine Maskenpflicht oder Unterricht in Schichten.

An einzelnen Gießener Schulen wird überlegt, versetzte Unterrichts- und Pausenzeiten vorzusehen oder für einzelne Gruppen einzelne Bereiche für die Pause zuzuordnen, je nachdem, wie groß die Außenfläche der Schule ist. Da haben wir unterschiedliche Bedingungen. Diese Konzepte werden wir als Schulträger mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützen.

Wie sieht es an Grundschulen aus? Hier fangen die vierten Klassen an. Gerade bei ihnen dürfte es mit dem Abstandhalten schwer werden…

Es geht in den nächsten Tagen darum, mit allen Schülern zu besprechen, in welcher Situation wir sind, welche Vorgaben es gibt, warum wir uns schützen müssen und wie wir gegenseitig auf uns achten. Man kann das auch gut mit Kindern besprechen, ohne sie zu verängstigen. Auf der einen Seite wird es darum gehen, Gruppen so zu bilden, dass nicht zu viele zusammenkommen, und auf der anderen Seite Kindern ein Stück Normalität zu geben. Ich halte es für wichtig, dass gerade die Viertklässler die Möglichkeit haben, vor dem Übergang in die Fünf zusammenzukommen und sich gemeinsam darauf vorzubereiten.

Übergänge haben in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung.

Ja, in der Biografie sind sie extrem wichtig. Wir wissen, wenn Übergänge nicht gut gelingen, kann es ganz schnell zu Brüchen in der Bildungsbiografie oder zu Misserfolgs- erfahrungen kommen. Gerade vor diesem Hintergrund halte ich es für wichtig, dass sich zum einen die Viertklässler gemeinsam auf den Übergang vorbereiten können, und zum anderen Abschied nehmen von der Grundschulzeit, die eine besondere Bedeutung für Kinder hat.

Wolfgang Schäuble hat die Verkürzung der Sommerferien ins Spiel gebracht.

Ich glaube, dass das nicht notwendig oder organisatorisch umsetzbar ist. Unabhängig davon stellt sich die Frage, ob es Gruppen gibt, für die man kurzfristig in den Sommerferien Bildungsangebote vorhält.

Wie sieht es bei den Lehrkräften aus? Die Älteren werden kaum im Präsenz- unterricht eingebunden, die Jüngeren könnten Probleme bei der Betreuung ihrer Kinder bekommen.

Da müssen wir abwarten, ob weitere Berufsgruppen in die Notbetreuung der Kitas und Schulen mit aufgenommen werden können. Das können wir heute noch nicht beantworten. Wir warten noch auf Aussagen des Sozial- und Kultusministeriums hierzu.

Gibt es denn genug Lehrer für den Unterricht?

Bei den Größenordnungen, um die es geht, gehe ich davon aus, dass genug Lehrkräfte zur Verfügung stehen.

Wie kann die Hygiene in den Schulen gewährleistet werden?

Hier werden zurzeit abgestimmte Hygienekonzepte erarbeitet. Als Schulträger streben wir an, dass die genutzten Bereiche intensiver gereinigt werden als im Normalbetrieb. Alle verfügbaren Kräfte, die im Reinigungsdienst der Schulen tätig sind, werden eingesetzt. Wir haben in den vergangenen Wochen ausreichend Papierhandtücher und Seife angeschafft, sodass diese in den Räumen mit Waschbecken und in allen sanitären Anlagen vorhanden sein werden.

Wann wird es wieder regulären Unterricht geben?

Niemand kann heute sicher sagen, was wie lange nicht möglich sein wird. Regulärer Schulbetrieb umfasst mehr als Unterricht. In der vergangenen Woche hat das Kultusministerium verfügt, dass alle Klassenfahrten, Praktika, Exkursionen und Schüleraustausche bis zu den Herbstferien nicht stattfinden sollen. Auch im nächsten Schuljahr wird es also auf jeden Fall Einschränkungen geben.

Die Schule hat ja noch weitere Aufgaben.

Wichtig ist, immer im Blick zu haben: Schulen haben einen Erziehungs- und Bildungsauftrag. Sie sind aber auch ein Schutz- und Lebensraum für Kinder und Jugendliche und haben eine wichtige soziale Funktion. Wenn man sich über die Perspektiven für die Schulen Gedanken macht, sollte man dies im Blick haben. Es geht um sehr viel mehr als um die Frage, ob die Kinder und Jugendlichen alle Online-Zugänge haben und über IT-Infrastruktur verfügen, um ihre Aufgaben erledigen zu können. Das ist wichtig, aber es ist nicht alles. Und wenn es kurzfristig nicht möglich sein wird, zum regulären Schulbetrieb zurückzukommen, gilt es, auch in dieser Krise dafür zu sorgen, dass es keine neuen Bildungsverlierer gibt. Alle Kinder und Jugendlichen sollen trotz social Distancing Geborgenheit und Anerkennung erfahren und gute Lernbedingungen und -erfolge haben.

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