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Corona in Gießen

Corona-Rückblick für den Monat Mai in Gießen

  • Burkhard Möller
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Leben mit der Seuche: Der Mai wird zum Monat der Gewöhnung an die "neue Normalität". Teil 3 der Gießener Corona-Chronik.

Freitag, 1. Mai: Das Schöne am Mai ist, dass er immer mit einem arbeitsfreien Tag beginnt, in diesem Jahr beschert er sogar ein verlängertes Wochenende. Die Gewerkschaften kann das nicht freuen, denn der Tag der Arbeit fällt praktisch flach, ihre Botschaften kommen nur virtuell. Die ganz Linken füllen die Lücke mit einer "Abstandsdemo" und Kapitalismuskritik. "Das Virus ist nur der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat", sagt ein Redner.

Montag, 4. Mai:Mit den Friseuren meldet sich die nächste Branche bei den Kunden zurück. Die Hygienemaßnahmen klingen eher nach OP-Saal als nach Frisiersalon: "Die Behandlungsplätze werden nach jedem Kunden mit heißem Dampfreiniger bei über 80 Grad Celsius steril gemacht. Werkzeuge wie Kamm und Schere werden in heißer Seifenlösung desinfiziert", berichtet ein Inhaber.

Dienstag, 5. Mai:Wieder erwirkt ein Gießener ein aufsehenerregendes Gerichtsurteil zu den Corona-Regeln. Das Gießener Verwaltungsgericht kippt nach einer Klage von Möbelhaus-Chef Frank Sommerlad die auf 800 Quadratmeter eingeschränkte Ladenöffnung. Einige Tage später fällt diese Einschränkung für den ganzen Einzelhandel weg.

Donnerstag, 7. Mai:Von dieser grenzenlosen Freiheit können die Menschen derzeit nur träumen. Wie Wissenschaftler der Justus-Liebig-Universität herausfanden, ist eine Stockente von Lich bis hinter Moskau in nur zwei Tagen geflogen. Durchschnittgeschwindigkeit auf dem 2250 Kilometer langen Flug: 125 "Sachen".

Samstag, 9. Mai:Verlierer und Gewinner der Krise bestimmen die Berichterstattung. Während sich der Fahrradhandel seit der Wiederöffnung "vor Aufträgen nicht retten kann", wie ein Ladeninhaber berichtet, bangt die Gießener Jugendherberge um ihre Existenz. Einen eingeschränkten Betrieb lassen die Baulichkeiten auf der Hardt nicht zu.

Mittwoch, 13. Mai:Die Gießener Ordnungspolizei veröffentlicht ihr vorerst letztes Einsatzprotokoll auf der Homepage der Stadt. Es zeigt, dass die angedrohten Bußgelder im Falle von Verstößen gegen Abstands- oder Mundschutzgebot kein Papiertiger sind. Zitat: "Im Uferweg wurde eine Gruppe von elf Personen angetroffen. Lediglich zwei Personen kamen der Aufforderung zum Verlassen der Örtlichkeit nach. Daher erfolgten neun Platzverweise, und es wurden Bußgeldverfahren zu je 200 Euro gegen die neun Personen eingeleitet."

Freitag, 14. Mai:Diesen Tag haben viele Gastronomen herbeigesehnt. Nach zweimonatiger Pause dürfen Restaurants und Kneipen wieder öffnen, wenngleich unter starken Einschränkungen. Masken, Abstand und Gästelisten gehören fortan zum Gaststättenbetrieb. "Es wird Zeit, dass es weitergeht", sagt Aspendos-Betreiber Kurtulus Vural stellvertretend für die Mehrheit der Wirte. Die hessische Fünf-Quadratmeter-Regel pro Gast wird nach Protesten des Gaststättenverbands später wegfallen.

Auch die Kinos dürfen wieder öffnen, aber nur das "Traumstern" in Lich macht von der Möglichkeit Gebrauch. 50 der fast 200 Plätze dürfen besetzt werden. Andere Betreiber wie Kinopolis winken angesichts dieser Einschränkungen ab.

Bereits in der Nacht zum Freitag bilden sich Schlangen vor einigen Gießener 24-Stunden-Fitnessstudios, die ab Mitternacht ebenfalls wieder öffnen. Saunen und Duschen bleiben noch geschlossen, trainiert wird auf Abstand. Eisenfresser Georg bekennt: "Ich habe es sehr vermisst."

Samstag, 16. Mai:Die Bewegung der selbsternannten Corona-Rebellen hat Gießen erreicht. Sie demonstrieren gegen die Einschränkung von Grundrechten und verbreiten Verschwörungstheorien wie die, dass Microsoft-Gründer Bill Gates eine globale Impfdiktatur plant. Samstags treffen sie sich am Stadttheater, starten zu Hygienedemos durch die Fußgängerzone und missachten dabei vorsätzlich Abstands- und Mundschutzgebote, zudem werden die Treffen bei der Versammlungsbehörde nicht angemeldet. Nach anfänglichem Zögern greifen Polizei und Stadt gegen die illegalen Versammlungen durch. Die Teilnehmerzahlen schwinden im Laufe des Mai von über 100 auf unter 20.

Montag, 18. Mai:Der Landkreis nennt Zahlen zur Verbreitung des Coronavirus. Gut 50 Prozent aller Infektionswege kann das Gesundheitsamt ermitteln. 30,3 Prozent aller Fälle waren Kontaktpersonen zu einem bestätigten Covid-19-Fall, 20,6 Prozent Rückkehrer aus Risikogebieten. Aus unterschiedlichen Gründen sei es nicht möglich, alle Corona-Fälle einer Infektionskette zuzuordnen. Nicht alle zeigen Symptome, nicht alle Erkrankten lassen sich testen. Bei insgesamt drei Toten ist es bislang im Landkreis Gießen geblieben, ein Vierter wird bis Anfang Juni dazukommen.

Mittwoch, 20. Mai:Not macht erfinderisch, und bei Veranstaltern ist die Kreativität besonders groß. So feiert auch in Gießen das Autokino ein Comeback. Vorläufiger Höhepunkt ist das Konzert von "Revolverheld" auf Bühne und Großbildleinwand im Outdoor-Lichtspielhaus der Agentur Bahl an den Hessenhallen. Beifall gibt’s per Lichthupe. Sänger Johannes Strate: "Wie auf der Autobahn." Auch Kirchen und Schulen nutzen das Autokino für Veranstaltungen.

Sonntag, 24. Mai:Ein Bild aus Mittelhessen geht um die Welt. Auf dem Parkplatz des Wetzlarer Ikea-Möbelmarkts feiern hunderte Muslime auf Abstand den Abschluss des Fastenmonats Ramadan. Ein Drohnenfoto, das eine der Wetzlarer Moscheegemeinden aufnehmen lässt, wird unter anderem von dem britischen Sender BBC veröffentlicht und findet weltweit Verbreitung.

Dienstag, 26. Mai:Ein Profiteur der Krise ist der FC Gießen. Gebeutelt von Finanzproblemen und vom sportlichen Abstieg bedroht, eröffnen Kurzarbeit und der Saisonabbruch der Fußball-Regionalliga Südwest dem Verein die Chance auf eine Konsolidierung in der vierten Liga. Für diese Schlagzeile war letztlich kein Sieg auf dem grünen Rasen mehr nötig: "FC Gießen bleibt Regionalligist."

Mittwoch, 27. Mai:Jetzt protestieren die Busunternehmer. Ihre Linien können sie zwar fahren, aber der Bustourismus liegt darnieder. Auch aus dem Kreis Gießen fahren Unternehmer zur Demo nach Wiesbaden, um Verkehrsminister Tarek Al-Wazir ihre Lage zu schildern. "Wir haben leider keine Lobby", sagt Unternehmer Mark Philippi mit Blick auf die Milliardenhilfen für Lufthansa und Bahn.

Donnerstag, 28. Mai:Ein 14-jähriger Schüler der Herderschule wird positiv auf das Coronavirus getestet. Angesteckt hatte er sich bei Familienmitgliedern. 22 Mitschüler und zwei Lehrer werden in Quarantäne geschickt, weitere Infektionen werden nicht festgestellt. Das Infektionsgeschehen im Landkreis Gießen bleibt mit weniger als 250 Fällen bis in den Juni hinein überschaubar.

Freitag, 29. Mai:Zittern um Karstadt auch in Gießen. In der ersten Junihälfte werden Entscheidungen erwartet, wie es mit dem Warenhauskonzern Kaufhof Karstadt weitergeht, der sich seit April in einem Schutzschirmverfahren befindet. "Wir wissen bislang auch nur, das möglicherweise bis zu 80 Filialen geschlossen werden sollen", sagt der Gießener Filialleiter Lothar Schmidt. Im Seltersweg ist man vorsichtig optimistisch, dass dieser Kelch auch diesmal an Gießen vorbeigeht.

Samstag, 30. Mai:Kehrtwende bei der Stadt Gießen. Die Kita-Gebühren für die Monate April und Mai werden nun doch erlassen. Auch Eltern, die eine Notbetreuung in Anspruch genommen hatten, zahlen keine Gebühr. Das Stadtparlament hatte zunächst einen Zahlungsaufschub beschlossen. Ab Juni startet ein eingeschränkter Regelbetrieb, für den die volle Gebühr entrichtet werden muss.

Auch die Kirchen kehren ein Stück mehr zur Normalität zurück. Gab es an Ostern Gottesdienste nur im Internet, finden sich an Pfingsten wieder mit Gläubigen und den üblichen Corona-Regeln statt. Gesungen wird nicht. Eine Baptistengemeinde in Frankfurt wollte darauf nicht verzichten. Mehr als 200 Infektionen sind die Folge. Es ist noch längst nicht vorbei.

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