+
Linker Protest gegen Versammlungen der Corona-Rebellen auf dem Kirchenplatz. 

"Hygiene-Spaziergänge"

"Corona-Rebellen" Gießen: Auch Lokalpolitiker nimmt teil - Derbe Wortwahl

Sie sind "Mundschutz- und Abstandsverweigerer" und wollen "einfach nur spazieren" gehen. Auch in Gießen sind seit zwei Wochen selbst ernannte Corona-Rebellen in der Stadt unterwegs. Nun formiert sich Widerstand gegen ihre "Hygiene-Spaziergänge".

  • Sogenannte "Corona-Rebellen" demonstrieren in Gießen
  • Kritik an Maßnahmen
  • Lokalpolitiker nimmt ebenfalls teil
  • Auch Hooligans unter den Teilnehmern
  • Widerstand formiert sich

Update, 14.5.2020: Ein auf YouTube eingestelltes Video von der Demonstration der "Corona-Rebellen" in Gießen am vergangenen Samstag erfährt im besonderen in der Biebertaler Kommunalpolitik erhöhte Aufmerksamkeit. Denn auf den Stufen des Stadttheaters sitzt inmitten der Demonstranten ein Mitglied der CDU-Fraktion in der Biebertaler Gemeindevertretung. In dem 14 Minuten langen Beitrag des Wetzlarer Jugendfilmprojekts Hessencam.de erhebt der Mann vernehmlich seine Stimme und spricht von "Bullen" und "Staatsmacht", die angesichts der Demonstration zugegen waren.

Er sei "etwas aufgeregt" gewesen und habe "etwas emotional reagiert", sagte er gestern auf Anfrage. Und bittet um Entschuldigung, dass ihm so etwas herausgerutscht sei. Schließlich sei es eine friedliche Demonstration gewesen bei der mehr Polizisten als Demonstranten zugegen gewesen und "martialisch in voller Montur" aufgetreten seien. Dies und die Aussage des Reporters vom Filmteam, es seien viele "Rechte" anwesend, hätten ihn etwas aufgebracht. Im übrigen, so der Verweis des Biebertaler Kommunalpolitikers, gelte noch immer die Meinungsfreiheit.

Nachspiel für Lokalpolitiker?

Inwieweit die Teilnahme an der Demonstration und in besonderen die derbe Wortwahl in der Biebertaler Kommunalpolitik ein Nachspiel haben könnten, ist noch offen. Der Mann geht jedenfalls davon aus, dass es in der nächsten Sitzung seiner Fraktion angesprochen wird.

CDU-Fraktionsvorsitzender Thorsten Cramer, der das Video bis gestern nicht kannte, stellte sich erst einmal an die Seite des Fraktionskollegen: "Was er privat macht, ist seine Sache. Ich war nicht dabei, und insofern steht es mir nicht zu, den Stab über ihn zu brechen. Auch in schwierigen Zeiten war er stets loyal", sagte Cramer in einer ersten Reaktion.

Erstmeldung, 13.5.2020: Man kennt sich noch aus dem letzten Frühjahr. "Der da ist ein Verbrecher", zeigt der Mann, der in einer kleinen Gruppe am Montagabend auf dem Kirchenplatz steht, auf den Videojournalisten des Wetzlarer Jugendkanals HessenCam. Als "Nazi" habe ihn der Dokufilmer damals bei einer Demonstration der Gelbwesten auf dem Rathausplatz bezeichnet. Falsch, antwortet der Journalist. Er habe ihn nur davor gewarnt, sich von Nazis in gelben Westen instrumentalisieren zu lassen.

Es ist nur ein verbales Geplänkel am Rande einer Demonstration, die am frühen Montagabend in der Innenstadt stattfinden soll. Dazu aufgerufen hat eine Gruppe, die sich im Kurznachrichtendienst Telegram unter dem Namen CR Region Gießen formiert hat. CR steht für Corona-Rebellen, rund 260 Personen sind der Gruppe bislang beigetreten. Das Profilbild besteht aus einem Button mit dem bekannten Zitat: "Wenn Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht." Zu einem "friedlichen Spaziergang durch die Innenstadt", war aufgerufen worden, "ohne Plakate, Schilder und Banner". Ein Teilnehmer hat eine Deutschlandfahne dabei, entrollt sie aber nicht.

Laut Stadt war bei der Versammlungsbehörde ein "Spaziergang für unsere Grundrechte" mit 20 Teilnehmern angemeldet worden. Der Anmelder ist in Gießen mittlerweile bekannt, mischte im vergangenen Jahr bei den Gelbwesten mit und führte im August eine Mahnwache auf dem Bahnhofsvorplatz für den achtjährigen Jungen durch, der im Frankfurter Hauptbahnhof von einem geistig verwirrten Eritreer vor einen Zug gestoßen worden war. Auch bei den von Rechtsextremisten gesteuerten Aktionen wie dem Frauenbündnis Kandel oder der Leine des Grauens wirkte der Anmelder des "Spaziergangs" mit.

Auch Hooligans laufen in Gießen mit

Es ist die dritte Veranstaltung dieser Art in Gießen. Bislang fanden an den letzten beiden Samstagen zwei Märsche vom Stadttheater zum Elefantenklo statt, beim ersten Mal mit etwa 40 Teilnehmern, am vergangenen Wochenende sollen es zwischen 80 und 120 gewesen sein, darunter auch eine Handvoll Hooligans aus der Fanszene der Frankfurter Eintracht. Auf einem Gegenflugblatt, das am Montagabend rund um dem Kirchenplatz verteilt wird, ist sogar von 250 "Gesundheitsgefährder*innen" die Rede, die durch die Fußgängerzone gezogen seien. Am Montag sind es nicht mehr als zehn.

Demonstrationen der Corona-Rebellen, die sich vorgeblich gegen die Grundrechtseinschränkungen zur Eindämmung des Virus richten, sorgen seit dem Wochenende für Schlagzeilen. Es wächst die Sorge, dass sich Rechtsextremisten und Verschwörungstheoretiker die Sorgen um Firmen und Arbeitsplätze sowie das Unverständnis über Kontaktverbote nutzbar machen.

Die Gießener Polizei begleitet die "Spaziergänge" von Anfang an. Zwischenfälle gab es laut Pressesprecher Jörg Reinemer bislang nicht. Die Teilnehmer seien keiner einheitlichen Richtung zuzuordnen. "Ihre Ansichten sind gemischt", sagt der Pressesprecher, "manches ist politisch, manches nicht." Dennoch habe die Polizei ein Auge auf die Bewegung und beobachte die Demonstrationen genau. Auch der Staatsschutz sei einbezogen.

"Corona-Rebellen" Gießen: "Merkel-Maulkorb" trägt hier niemand

Aus der kleinen Gruppe, die am Montag etwas verloren zwischen den Polizeifahrzeugen auf dem Kirchenplatz zusammensteht, hört man unter anderem impfkritische Töne. "Dann stehen die vor der Tür und wollen meine Kinder impfen", sagt eine Frau. Ein mittelalter Mann gibt sich als wirtschaftlich Geschädigter der Corona-Beschränkungen zu erkennen. "Der Staat ruiniert mich", sagt er, will seine Branche aber nicht nennen. Die Einschränkungen des wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens hält er für völlig überzogen und verweist auf Ärzte in seinem Bekanntenkreis: "Die sagen mir, dass uns die Wahrheit nicht gesagt wird."

Einen Mundschutz, der in den Kreisen der Corona-Rebellen verächtlich als "Merkel-Maulkorb" bezeichnet wird, trägt hier niemand. Manche Aussagen, die am Samstag ins Mikrofon des HessenCam-Reporters gesagt wurden, kennt man von den Gelbwesten. Man gibt sich "unpolitisch" und betont: "Wir sind weder rechts noch links."

Zum geplanten Spaziergang am Montagabend kommt es letztlich nicht. Dafür sorgt einerseits der Anmelder selbst, der sich nicht in der Lage sieht, die Auflagen der Versammlungsbehörde zu erfüllen und die Veranstaltung daher vorzeitig für beendet erklärt. Und andererseits an den rund 100 Gegendemonstranten aus der Gießener Linksszene, die sich am Übergang vom Kirchen- zum Marktplatz coronagerecht verteilt haben und den Zugang zur Fußgängerzone praktisch blockieren. Den Spaziergang am Samstag hatten sie nur beobachtet, jetzt werden sie aktiv und warnen auf Flugblättern vor "Verschwörungstheorien" und "antisemitischen Denkweisen".

Um kurz nach 18.30 Uhr gibt der Einsatzleiter der Polizei durch den Lautsprecher bekannt: "Die Versammlung ist beendet. Ihnen einen guten Nachhauseweg und bleiben Sie gesund." Die Gegendemonstranten klatschen, die Corona-Rebellen gehen. Am Samstag wollen beide wiederkommen.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare