Das Team der Kerckhoff-Klinik um Prof. H. Ardeschir Ghofrani kümmert sich um akute Corona-Fälle. Aber auch die Patienten, die unter Folgeerkrankungen leiden, stehen im Fokus der Behandlung und der Erforschung. FOTO: SIGGI KLINGELHÖFER
+
Das Team der Kerckhoff-Klinik um Prof. H. Ardeschir Ghofrani kümmert sich um akute Corona-Fälle. Aber auch die Patienten, die unter Folgeerkrankungen leiden, stehen im Fokus der Behandlung und der Erforschung. FOTO: SIGGI KLINGELHÖFER

Corona-Krise

Corona und die Langzeitfolgen

  • Siegfried Klingelhöfer
    vonSiegfried Klingelhöfer
    schließen

Waren die Maßnahmen gegen Corona übertrieben? Nein, sagt Prof. H. Ardeschir Ghofrani. "Wahrscheinlich sind wir ganz knapp an einer Riesenkatastrophe vorbeigeschrammt".

Atembeschwerden, Abgeschlagenheit, Taubheitsgefühle in den Beinen, Gedächtnisstörungen. Manche Menschen, die an Corona erkrankt waren, leiden nach der eigentlich überstandenen Krankheit noch Wochen und Monate unter den Folgen.

Die Kerckhoff-Klinik in Bad Nauheim betreut viele dieser Patienten. Als Level-1-Krankenhaus verfügt es über große, voneinander getrennte Intensivstationen und über entsprechende Ausstattung u. a. zur Beatmung von Patienten. "Die Medizin befindet sich derzeit in einem Lernprozess, in dem wir gemeinsam mit vielen Wissenschaftlern und Kollegen Daten sammeln und auswerten", sagt Prof. H. Ardeschir Ghofrani, der Ärztliche Geschäftsführer der Kerckhoff-Klinik. Klar ist nur, es gibt diese Folgeerkrankungen. Aber was ist die Ursache?

Ein 68-jähriger Patient schildert, wie es ihm nach seiner Corona-Erkrankung ergangen ist. "Corona hat Spuren hinterlassen. Nicht nur auf der Lunge. Die Oberschenkel reagieren nicht mehr und schmerzen. Drei Finger an der rechten Hand sind taub. Dazu kommt, dass ich ständig aus der Puste bin."

Es sei noch unklar, ob die Langzeitfolgen mit der Schwere der Erkrankung im Zusammenhang stünden, sagt Ghofrani.

"Es gibt Patienten, die eine Infektion durchgemacht und diese überhaupt nicht bemerkt haben, aber trotzdem Langzeitfolgen entwickeln. Und es gibt Patienten, die schwer erkrankt und auch teilweise tödlich gefährdet waren, die sich überraschend schnell erholen und folgenfrei sind. Zwischen diesen beiden Extremen gibt es diverse Schattierungen." Eine Hypothese, für die Ghofrani aber wenig Anhaltspunkte sieht: SARS-CoV-2 bildet ähnlich wie Herpesviren eine Art von Schläferzellen. Dabei nisten sich bestimmte Virenpartikel in nicht besonders stoffwechselreiche Zellen ein und schlummern in Nervenkernen. In bestimmten Situationen kommt es wieder zum Ausbruch.

Unadäquate Immunantwort?

Wahrscheinlicher sei die Hypothese, dass die Folgesymptome durch die Immunreaktion des Körpers auf die Covid-19-Erkrankung ausgelöst werden. Ghofrani erklärt diese Hypothese mit einer Analogie: "Ein kleines Feuer lodert. Der Körper produziert idealerweise einen kleinen Feuerlöscher, der es löscht. Das wäre eine adäquate Immunantwort. Wenn ein kleines Feuer lodert und der Körper ein Löschflugzeug produziert, das den ganzen Patienten mit Tonnen von Wasser überschüttet, dann droht der Patient zu ertrinken. Das ist unabhängig von der Viruslast und steht nicht immer im direkten Zusammenhang mit der Schwere der Erkrankung."

Einen schweren Verlauf hatte auch die Covid-19-Erkrankung bei einer 55-jährigen Patientin genommen. Sie lag neun Tage auf der Intensivstation. 28 Tage nach dem positiven Corona-Test konnte sie entlassen werden. "Ich hatte weiter Atemprobleme, die sich nur sehr langsam verbessert haben", berichtet die 55-Jährige. "Außerdem habe ich seitdem Haarausfall und Wechseljahresbeschwerden, die vorher bereits fast vorbei waren."

Außerdem sind wellenförmige Verläufe bei den Langzeitfolgen festgestellt worden. Möglicherweise ein Nachhall, bis das Immunsystem sein Gleichgewicht wiedergefunden hat.

Auch wenn die Medizin aktuell in einer Phase des Sammelns und Auswertens ist, zeichnen sich erste Muster ab, sagt Ghofrani. Die Langzeitfolgen betreffen vor allem die Lunge. Vermehrt werden auch Herz- und Gefäßerkrankungen beobachtet. "Herzprobleme und Thrombosen machen einen Großteil an Langzeitfolgen aus", erläutert Ghofrani. Dazuzählen aber auch neurologische Begleiterscheinungen wie Geruchs- und Geschmacksstörungen. "Zudem melden sich mittlerweile viele Patienten, die eine Art Gedächtnisstörung haben", schildert Ghofrani. Dazukommt Abgeschlagenheit, die ebenfalls Wochen und Monate anhält.

Die Symptome werden behandelt

Was kann man tun? Zurzeit nicht allzu viel, außer auf Ursachensuche zu gehen, sagt Ghofrani. "Durch Nachbeobachtung unserer Patienten und im Austausch mit anderen Wissenschaftlern lernen wir gerade dazu." Es sei unwahrscheinlich, dass nur eine Zelle oder nur ein Mediator für die Nachfolgererkrankungen verantwortlich sei.

Bis es da Klarheit gibt, setzt die Kerckhoff-Klinik bei der Behandlung von Langzeitfolgen auf die Symptombehandlung. Also Schmerzmittel gegen Gelenk- und Gliederschmerzen, Medikamente, die zur Herzentlastung beitragen, bei Herzmuskelschwäche, Sauerstoffgabe bei Atembeschwerden.

Glücklicherweise sei es aber so, dass der absolut größte Teil der Patienten entweder symptomfrei oder symptomarm durch die Infektion komme und auch von langfristigen Folgeschäden verschont bliebe. "Wir konnten durch die kollektiven Maßnahmen vermeiden, dass Deutschland schlimmer getroffen wurde", sagt Ghofrani.

"Glücklicherweise haben wir bundesweit einen vergleichsweise niedrigen Prozentsatz von Patienten, die an Covid-19 verstorben sind." Dennoch: Das Virus sei ein ernst zu nehmender Gegner. "Hygieneregeln einhalten, Abstand halten, Mund-Nase-Schutz tragen", sagt Ghofrani. "Es nervt, aber es hilft, diesem Virus zu Leibe zu rücken."

Fünf Fragen, fünf Antworten

Prof. Ghofrani, wie stehen Sie zur Schulöffnung?

Ich habe selbst vier Kinder, von denen noch drei schulpflichtig sind. Die Gesamtinfektionszahlen rechtfertigen, dass die Schulen wieder öffnen. Die Schüler zählen in der Bevölkerung zu dem Niedrigrisikokollektiv. Deshalb stellt die Öffnung aus meiner Sicht kein unkalkulierbares Risiko dar. Wir haben ja auch von den anderen Risiken gehört, wenn die Schüler dauerhaft zu Hause bleiben. Das muss man abwägen. Wichtig ist eine so genannte Cluster-Isolation. Wo es sinnvoll ist, sollte es auch eine Maskenpflicht geben.

Sind Masken ein wirksames Mittel?

Ich glaube, die Maske ist eine der zumutbarsten und gleichzeitig effektivsten Methoden, Infektionen zu vermeiden. Absolut zumutbar! Dafür haben wir den Vorteil, langsam zum Alltag zurückzukehren und das Leben wieder zu genießen.

Ein wichtiger Faktor sind die Corona-Tests. Wie sicher sind die Ergebnisse?

Die Tests selbst sind mittlerweile an der Grenze zu nahezu 100 Prozent. Das Problem entsteht, wenn die Probe nicht richtig abgenommen wird. Da gibt es viele Anwendungsfehler, bei denen man möglicherweise das Virus nicht aufnimmt. Schaut man sich z. B. Fernsehberichte an, wo Corona-Abstrich-Stationen gezeigt werden: Da wird dann eher schüchtern vorne in der Nasenmuschel abgestrichen oder mal ein bisschen in der Wange, so wie man es bei einem DNA-Test machen würde. Dann ist klar, dass auf dem Tupfer mit hoher Wahrscheinlichkeit kein Coronavirus vorhanden ist, obwohl der Patient es möglicherweise haben könnte. Ein Patient, der einen Abstrich bekommt, und sich danach nicht beklagt, dass es unangenehm war, der hat möglicherweise keinen korrekten Abstrich bekommen. Ein korrekter Abstrich durch die Nase bis an die Rachenwand ist unangenehm!

Man hört immer wieder von Nichtrisikopatienten, die schwer erkranken oder sterben.

Es gilt nach wie vor, dass es Risikopopulationen gibt. Das Risiko wird enorm durch das Alter und durch Vorerkrankungen gesteigert. Es gilt der Leitsatz, dass Jüngere und Kinder in aller Regel keinem hohen Risiko ausgesetzt sind, selbst wenn sie sich infizieren. Auch das gilt regelhaft. Aber es gibt Ausnahmen. Man muss sich davor hüten, dass diese Ausnahmen, die dann öffentlich kommuniziert werden, auf einmal im Kopf des Hörers, Lesers oder Zuschauers zur Regel mutieren.

Wie ist das Coronavirus einzuordnen im Vergleich zu anderen Erkrankungen?

SARS-CoV-2 wird nicht das letzte beunruhigende Virus sein. Wir haben auch eine besorgniserregende Menge bakterieller Erkrankungen, bei denen unsere Waffen immer stumpfer werden. Die zunehmenden Antibiotikaresistenzen und die daraus entstehenden Folgeerkrankungen stellen uns vor schwerwiegende Probleme. Wir haben parasitäre Erkrankungen wie Malaria oder Bandwürmer, die jeden Tag Tausende von Menschen töten.

Es ist also nicht so, dass nur Covid-19 uns großes Kopfzerbrechen bereitet. Aber es ist eine folgenschwere Erkrankung, an der wir beispielhaft lernen und Prozesse optimieren können. sk

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare