Cosima Kalleicher hat den Laden gerade erst übernommen. Sie will alles tun, damit er weiterhin eine Zukunft hat. FOTO: SCHEPP
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Cosima Kalleicher hat den Laden gerade erst übernommen. Sie will alles tun, damit er weiterhin eine Zukunft hat. FOTO: SCHEPP

Kunden bleiben weg

In der Corona-Krise: Wäsche waschen und kämpfen

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Im März hat Cosima Kalleicher den Gießener Reinigungsbetrieb ihrer Tante am Ludwigsplatz übernommen. Wegen der Corona-Pandamie muss die 32 Jahre alte Frau nun um die Existenz des Ladens und um die Jobs ihrer Angestellten kämpfen.

Cosima Kalleicher hätte jetzt von Zuhause aus Schülern online Deutsch- und Biologieaufgaben stellen können. Zukunftssorgen hätte sie sich als Haupt- und Realschullehrerin nicht machen müssen. Nur hat sie sich vor über einem Jahr gegen diesen Lebensweg entschieden und erst im März die Reinigungsfirma ihrer Tante an der Ludwigstraße übernommen. "Mein Herzblut hängt an dem Betrieb", sagt die 32-Jährige. Deshalb kämpft sie um dessen Bestehen - und die Jobs ihrer Angestellten.

Die Comet Reinigung an der Ludwigstraße gibt es seit 50 Jahren. Angenommen werden dort Tischdecken und Bettwäsche, Leder, Pelz, Arbeitsbekleidung von Ärzten und Apothekern sowie Anzüge, Hemden und Kostüme. Kalleichers Mutter und eine weitere Mitarbeiterin arbeiten hier bereits seit 40 Jahren. Ihre Tante übernahm den Laden vor 25 Jahren. Als diese daran dachte, ihn zu verkaufen, geriet Kalleicher ins Grübeln: "Ich hätte es nicht übers Herz gebracht, wenn das Geschäft ein Fremder übernommen hätte."

Was sicherlich daran liegt, dass Kalleicher bereits Zeit in dem Geschäft verbracht hatte, als sie noch im Kinderwagen lag. Als Jugendliche verdiente sie sich hier etwas Geld dazu. "Wir sind wie eine Familie, ein über viele Jahre zusammengewachsenes Team", sagt sie. "Deshalb ist das Allerletzte, was ich will, jemanden wegen der Krise entlassen zu müssen." Das will sie mit aller Kraft verhindern.

In der Reinigung arbeiten sechs Angestellte - von der Ganztagskraft bis zum 450-Euro-Jobber. Die Corona-Pandemie trifft das Geschäft mit voller Wucht. Zwar darf Kalleicher den Laden öffnen, nur bleiben die Kunden weg. "Wir leben von den Privatkunden, und die sind im Homeoffice oder machen Kurzarbeit." Es kommt eben eher selten vor, dass jemand mit einem schicken Anzug oder im Kostüm von Zuhause aus arbeitet. Einige, sagt Kalleicher, hätten jetzt mehr Zeit, ihre Kleidung selbst zu reinigen. Das Resultat sind Umsatzeinbußen von 70 Prozent. Zwei bis drei Monate, glaubt die Inhaberin, halte sie noch durch. "Dann wird es kritisch."

Kalleicher hat Kurzarbeit für ihre Mitarbeiter angemeldet und eine Soforthilfe beantragt, Sie hat Sorge, dass sie diese jedoch nicht erhalten wird. "Ich bin Existenzgründerin und habe noch nicht alle dafür benötigten Unterlagen zusammen." Als ob der Umgang mit der Bürokratie beim Gang in die Selbständigkeit nicht schwer genug wär, muss sie sich nun als Neuling ganz anderen Herausforderungen stellen. Kalleicher sieht das bei aller Ernsthaftigkeit sportlich: "Es ist meine erste Selbständigkeit", sagt sie. "Wenn ich das überstehe, kann mich nichts mehr erschüttern."

Kalleicher kann jeden Kunden verstehen, der lieber zuhause bleiben will. Insgeheim hofft sie aber darauf, dass die ersten daran denken, neben dem Homeoffice den Frühjahrsputz zu machen. "Vielleicht können wir dann Teppiche, Gardinen oder Decken reinigen", sagt sie. Ansonsten hat sie sich fest vorgenommen, zusammen mit ihren Angestellten weiter zusammenzuhalten und zu kämpfen. Kalleicher hat ihren Weg gefunden. Und ist nicht bereit, ihn nach so kurzer Zeit wieder verlassen zu müssen.

Ludwigstraße 1: Kein Abriss und Neubau

Die Abriss- und Neubaupläne für das Wohn- und Geschäftshaus am Ludwigsplatz 1 sind vom Tisch. Eigentlich hatte eine Gesellschaft mit Sitz in Marburg g geplant, das Gebäude in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres abzureißen und neu zu bauen. Geplant waren 19 Neubauwohnungen,eine Gewerbeeinheit und eine Tiefgarage mit 29 Stellplätzen. Wie die Inhaberin des Reinigungsgeschäfts Comet, Cosima Kalleicher, gegenüber dieser Zeitung sagt, sei die Gesellschaft aber insolvent, die Pläne hätten sich damit zerschlagen. Der Mietvertrag des kleinen Geschäfts hingegen läuft noch bis Mitte 2022.

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