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Konzerte wie dieses mit Peter Herrmann, Joe Bonica und Andreas Jamin (v. l.) finden derzeit nicht statt. 

Corona-Krise

Corona-Krise: "Eine Katastrophe für die Kultur-Branche"

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Wie ein Tsunami rollt die Corona-Krise über die Kulturbranche hinweg. Auch in Gießen sehen Musiker, Veranstalter und Kunst- und Kulturschaffende ihre Existenz bedroht.

Wir alle haben den Schwung der Corona-Pandemie und was das alles nach sich zieht unterschätzt." Sabine Glinke veranstaltet mit ihrem Büro SG Events & Medien Konzerte in der Region und steuert die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für zahlreiche andere Veranstalter und diverse Künstler. In diesen Tagen muss sie reihenweise Termine absagen und verschieben. Sie weiß nicht, ob ihr Geschäft die Krise überleben wird. So wie ihr geht es vielen in der Branche. Wer sein Geld als freischaffender Musiker, Künstler oder Veranstalter von Kulturevents, aber auch in den anhängenden Gewerken als Caterer, Bühnentechniker oder Promoter verdient, bangt um seine Existenz.

Corona und Kultur: Bereits gekaufte Karten behalten

"Mit der Allgemeinverfügung habe ich quasi ein Berufsverbot bekommen", beklagt Veranstalterin Glinke. Das Problem sei, dass nicht wirklich ein Ende in Sicht sei. "Gleiberg rocks" im Juni, Konzerte im Herbst im Jokus - wer kann das schon zum jetzigen Zeitpunkt garantieren?

Wer bereits Konzertkarten gekauft hat, sollte diese bei einer Verschiebung nicht zurückgeben, wenn er am Ersatztermin Zeit habe. Hier gibt es auch entsprechende Solidaritätsaufrufe. "Das eigentliche Problem haben aber die Veranstalter, die für Konzerte in der Zukunft noch nicht genug Karten verkauft haben, um die Veranstaltung wirtschaftlich zu bekommen. Doch selbst wenn ein Konzert verschoben wird, weiß man zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht, ob es auch stattfinden kann", sorgt sich Glinke. Werbung dafür zu machen, erzeuge nur weitere Kosten und sei aktuell wegen des Kontaktverbots nur sehr begrenzt möglich. "Im Moment kauft eh fast niemand Tickets." Ohnehin sei zu befürchten, dass es vielleicht sogar bis Jahresende keine größeren Veranstaltungen geben wird - "eine Katastrophe für die Branche". Glinkes Appell: "Bitte behalten Sie bereits gekaufte Tickets - und kaufen Sie auch welche für Events in der Zukunft, auch wenn noch nicht klar ist, ob diese wirklich stattfinden können". Jeder seriöse Veranstalter werde Ersatztermine suchen.

Außerdem gelte, was ein Veranstalter oder Club mit regelmäßigem Betrieb im Moment verliere, könne er später nicht wieder aufholen. Wenn ein Konzert auf das nächste Jahr verlegt wird, falle damit unter Umständen ein Termin, der mit einem weiteren Event hätte belegt werden können, weg. Der Verdienstausfall aus der Corona-Krise bleibt.

Erschwert hat die Lage auch die anfängliche Unsicherheit, wie Bund, Land und Städte mit der Corona-Krise umgehen sollen. Viele Veranstalter hätten vorsorglich Märkte und Events abgesagt. "Bei einer Absage aus freien Stücken muss ich aber unter Umständen komplett für alle abgeschlossenen Verträge zahlen", sagt Glinke. Ein Haftungsausschluss greife erst bei einer behördlichen Absage oder bei höherer Gewalt. Die lange ausgesprochenen "Empfehlungen" seien nicht rechtlich bindend. Das Pandemie-Infektionsschutzgesetz gehe hier nicht weit genug, kritisiert Glinke.

Finanzielle Hilfen des Staates sieht sie teils skeptisch. Zwar haben Bund und Länder Zuschüsse beschlossen, um die Liquidität der Betriebe und Künstler zu sichern. "Ein Überbrückungsgeld ist eine Hilfe für die Zeit ohne Einnahmen, ersetzt die Ausfälle aber nur in Teilen", meint Glinke, denn allein die Beiträge für die private Kranken- und Rentenversicherung liefen weiter. Das Angebot, leichter Kredite aufnehmen zu können, "verschleppt das Problem nur über Jahre", ist sich Glinke sicher. "Wir reden hier über Künstler, die teils keine Liquidität haben. Ich kenne Viele, die plötzlich auf Null stehen."

Sogenannte Solo-Selbstständige haften, anders als etwa bei einer GmbH, mit ihrem Privatvermögen. "Wenn mal ein Konzert ausfällt oder sich schlecht verkauft, dann ist das ,unternehmerisches Risiko‹. Aber was jetzt über uns rollt, ist doch kein unternehmerisches Risiko, sondern zeigt den Fehler im System." Wer auf Grundsicherung zurückgreife, die vorläufig bewilligt werden soll und für die die übliche Bedürftigkeitsprüfung erst später stattfinden wird, verliere eventuell Rücklagen. "Die genauen Bedingungen für die Hilfen kennen wir erst, wenn wir die Anträge ab Montag hoffentlich stellen können". "Auch wenn wir es schaffen, ein Jahr zu überstehen - die Insolvenzen werden spätestens 2021 kommen", meint Glinke. Die ersten Unternehmen hätten sich bereits vom Markt verabschiedet.

Corona und Kultur: Online-Shop für CDs als Option

Musiker Peter Herrmann hingegen versucht, optimistisch zu bleiben, "aber das bin ich nur zum Teil". Er spielt in diversen Bands und Formationen und hatte im Sommer rund 30 Auftritte geplant, die nun wohl wegfallen. "Ich sehe keine Chance, dass wir im Juni/Juli auftreten können", sagt er. Er sei sich aber sicher, dass sich alle Kulturmacher untereinander solidarisch zeigen. So sei mit einigen Veranstaltern schon eine Verschiebung statt Absage ausgemacht. Aber auch in seinem Tonstudio kann Herrmann aktuell kaum arbeiten, denn Musiker würden keine Aufnahmen machen, weil sie CDs fast ausschließlich bei Live-Konzerten verkaufen könnten. "Ich kann komponieren. Im vergangenen Jahr musste ich dafür Aufträge ablehnen. Nun hätte ich aber Zeit", versucht Herrmann, der Lage Positives abzuringen.

Dass Hilfen des Staates zugesagt sind, findet er gut, hat aber Zweifel, ob Verwaltungen diese schnell genug umsetzen können. "Wie lange kann ich durchhalten?", frage er sich. "Ich gehe davon aus, dass ich an meine Reserven ranmuss."

Dass man in der Krise kreativ sein muss, weiß Herrmann. Mit Unterstützung seiner Frau, die für ihren Stoffladen nun auf Online-Verkauf setzt, will er einen Web-Shop für CDs von Künstlern aufbauen. Damit könnten Kunden denen helfen, die aktuell keine Live-Konzerte spielen können (Bericht folgt).

Einer dieser Künstler ist Norman Keil. "Eigentlich müsste ich Hartz IV beantragen. Aber ich scheue mich vor dem Anruf", sagt der Musiker, der bislang gut über die Runden kam und dem nun plötzlich Einnahmen wegbrechen. "Bis 4. September habe ich keinen Auftritt mehr. 30 Konzerte sind abgesagt oder verschoben". Und Tickets für Konzerte ab Herbst, etwa für Keils Auftritt am 12. Dezember im Jokus, kaufe derzeit keiner. "Vier bis fünf Tage war ich in Schockstarre", erzählt er. Er sei dankbar für Corona-Hilfsmaßnahmen für Soloselbstständige, fülle die entsprechenden Anträge aus und hoffe, dass Hilfe möglichst bald greife, auch wenn so nur ein Teil seiner monatlichen Fixkosten bezahlt werden könne.

"Ich kenne solche Existenzängste schon mein ganzes Leben", macht Keil deutlich und befürchtet, das auch andere Musiker, die sich momentan noch mit Skype-Musikunterricht als zweitem Standbein über Wasser halten, um ihre berufliche Existenz fürchten müssen. "Wenn Familien weniger verdienen, brechen denen doch die Schüler weg."

Corona und Kultur: Appell an die Radiosender

Nun setzt Keil auf die Unterstützung seiner Fans, was zu seiner großen Freude bereits der Fall sei, und auch auf die Solidarität in der gesamten Kreativszene, die so vielleicht gestärkt aus der Krise hervorgehen könne. Tickets behalten, auch wenn das Konzert verschoben oder abgesagt ist, CDs oder T-Shirts kaufen, Spenden überweisen - alles hilft Künstlern, um über die ersten Wochen zu kommen. Und vielleicht gibt es in absehbarer Zeit vielleicht zumindest die Chance auf kleine Wohnzimmerkonzerte, so wie Keil eines auf seiner Facebook-Seite eingestellt hat.

Dabei hat der Musiker noch einen Appell an die öffentlich-rechtlichen Radiosender. "Warum spielen die nicht mal uns lokale Künstler in Heavy Rotation?! So würden sie Musiker promoten, die es ohnehin schon schwer haben, ins Radio zu kommen. Das wäre ein Zeichen."

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