Eine Polizeibeamtin wird mit dem Corona-Impfstoff von AstraZeneca geimpft.
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Die Impfreihenfolge ist bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie ein wichtiges Thema. (Symbolbild)

Corona

Corona-Impfungen: „Manche nennen es Nebenwirkungen, aber das ist nicht korrekt“

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Skepsis gegenüber dem Astrazeneca-Impfstoff und Nachrichten über die Verbreitung von Mutationen sorgen für Beunruhigung. Die Gießener Lungenforscherin Susanne Herold erklärt im Interview, worauf es jetzt ankommt.

Frau Professorin Herold, so ein Virus ist grundsätzlich erst mal emotionslos. Aber nach einem Jahr könnte man schon auf den Gedanken kommen, dass es ganz schön böswillig ist

Einen Wirt zu haben, der auch weiterhin als Population bestehen bleibt - das ist sozusagen der »Wille« eines Virus, wenn man ihm einen Willen zuschreiben will. Es ist primär nicht sein Ziel, seinen Wirt umzubringen. Seine Strategie ist es eher, ganz global gesagt, langfristig in Koexistenz mit ihm zu leben und sich gleichzeitig sehr gut vermehren zu können. Das Virus bringt einen Werkzeugkasten mit, der es ihm erlaubt, sich relativ schnell über zunächst zufällig entstehende Mutationen anzupassen. Das tun Viren wie Coronaviren oder auch Grippeviren ständig, es ist überhaupt nicht unerwartet. Deshalb setzen sich längerfristig Mutationen und Varianten durch, die eine solche Anpassung an den Wirt begünstigen. Das beobachten wir gerade bei der B.1.1.7-Klade, die sich höchstwahrscheinlich auch bei uns komplett durchsetzen wird. Was aber vor dem Hintergrund dessen, dass die AHA-L-Maßnahmen genauso wirksam sind, und die Erkrankung nicht schwerer verläuft, nicht so schlimm ist. Wir müssen versuchen, möglichst schnell durch Impfung Herdenimmunität zu erreichen und so auch B.1.1.7 auszubremsen.

Seit einem Jahr erleben wir ein Wettrennen zwischen Forschung und Virus. Was brauchen wir, um zu gewinnen?

Ganz entscheidend ist jetzt, dass wir schnell impfen, um so bald wie möglich Herdenimmunität zu erreichen. Die Impfung ist unsere wichtigste Waffe. Vor allem müssen wir möglichst schnell auch die Bevölkerungsgruppen impfen, die für die Verbreitung wichtig sind: Also die jüngeren, gesunden Menschen, die aktiv sind und zur Schule und zur Arbeit gehen. Die Impfstrategie in Deutschland hat sich zunächst darauf fokussiert, Todesfälle und schwere Erkrankungen zu verhindern, so Todesfälle sowie Krankenhausaufenthalte zu vermeiden und die Kliniken handlungsfähig zu halten. Deshalb sind die vulnerablen Bevölkerungsgruppen priorisiert worden. Für den Anfang war das sehr gut. Aber die Menschen im Altersheim sind nicht die, die das Virus primär verbreiten. Deshalb muss jetzt die Impf-Infrastruktur in Deutschland sehr gut funktionieren, um das Ziel der Herdenimmunität vor dem kommenden Herbst weitgehend zu erreichen.

Aber es müssen mehr Menschen bereit sein, sich impfen zu lassen.

Meines Erachtens ist dies zurzeit ein großes Problem, weil viele falsche Fakten zum Beispiel über den Impfstoff von Astrazeneca im Umlauf sind.

Corona-Impfungen: „Sonst wird das Coronavirus uns auch den nächsten Winter begleiten“

Können Sie etwas zu der Effektivität des Impfstoffs von Astrazeneca sagen?

Bezüglich der Effektivität von Astrazeneca kursiert die Zahl 60 Prozent. Dieser Wert ist jedoch ein Mittelwert aus allen Studien, die es zu dem Impfstoff gib. Darin enthalten sind auch Impfprotokolle, bei denen relativ früh zum zweiten Mal geimpft wurde. Mittlerweile weiß man aber, dass mit dem Astra-Impfstoff etwas später nachgeimpft werden soll. Bei Biontec geschieht das drei bis vier Wochen nach der ersten Impfung. Bei Astrazeneca sollte das erst nach neun bis zwölf Wochen passieren. Dann ist die Effektivität deutlich höher, sie liegt bei über 80 Prozent. Wichtig ist, dass ein mRNA-Impfstoff wie der von Biontec/Pfizer und ein Vektorimpfstoff wie der von Astrazeneca gleich effizient sind, wenn man schwere Verläufe und Todesfälle verhindern will. Im Hinblick auf diesen Endpunkt liegen beide bei nahezu 100 Prozent. Deswegen ist es gut, sich mit dem Astra-Impfstoff impfen zu lassen. Wir müssen das jetzt tun, wir müssen an einem Strang ziehen und schauen, dass wir möglichst schnell durchimpfen. Sonst wird das Coronavirus uns auch den nächsten Winter begleiten.

Was kann Wissenschaft gegen falsche Fakten tun?

Die Kommunikation aus der Wissenschaft und aus den Kliniken in die Bevölkerung hinein muss verbessert werden. Man sieht, dass das Vertrauen steigt, wenn wir über die Effektivitätszahlen aufklären. Die Menschen, die sich fragen, ob sie sich wirklich impfen lassen sollen, sind ja nicht alle grundsätzliche Impfgegner, sondern oft nur verunsichert.

Wie sieht die Impfbereitschaft im Klinikum aus?

Wir haben dort den Mitarbeitern beschrieben, was man über die einzelnen Impfstoffe aktuell weiß, wie sie wirken und wie effektiv sie sind. Das ist gar nicht so einfach, weil es jede Woche neue Erkenntnisse gibt. Am Klinikum haben wir 1140 Impfdosen von Astrazeneca für unsere Mitarbeiter erhalten. Dafür haben sich sehr viele Mitarbeiter angemeldet. Das ist nicht nur für den Mitarbeiterschutz, sondern auch für den Schutz der Patienten wichtig, besonders für die, die sehr vulnerabel sind. Aber das liegt auch mit an einer guten Kommunikation.

Die Gießener Lungenforscherin Susanne Herold spricht im Interview über Impfreaktionen, Nebenwirkungen und Mutationen und erklärt, wieso der Impfstoff von Astrazeneca zu Unrecht in der Kritik steht. (Archivbild)

Diskutiert wird auch über die Impfreaktionen.

Richtig. Manche nennen es Nebenwirkungen, aber das ist nicht korrekt. Es handelt sich um eine gewünschte Impfreaktion, die aber schnell wieder weg ist: Fieber, Gliederschmerzen oder Grippegefühl. Manche haben Nachtschweiß, Müdigkeit oder Kopfschmerzen. Gerade Jüngere haben Impfreaktionen - bei Biontec eher bei der zweiten Impfung, bei Astrazeneca bei der ersten. Der Körper setzt sich mit dem Impf-Antigen auseinander und bildet Antikörper. Das ist etwas Gutes. Man kann sich also beruhigt einen Tag lang ins Bett legen und sich dabei vorstellen, dass der Körper gerade Antikörper herstellt.

Hatten Sie auch Impfreaktionen?

Ja. Ich wurde mit Biontec geimpft und hatte eine leichte Impfreaktion nach der zweiten Immunisierung: ein bisschen Temperatur, Grippegefühl und Abgeschlagenheit. Das hat zwölf Stunden angehalten, aber danach war es wieder gut.

Corona-Medikamente wie Allocetra in Israel gefeiert

In Israel werden Medikamente wie Allocetra gefeiert. Das soll Organversagen bei Patienten mit Covid-19 und Atemstörungen verhindern. Bei uns ist darüber nichts zu lesen.

Hier in Deutschland werden diese Medikamente nicht eingesetzt. Bevor wir in Europa Medikamente zulassen, brauchen wir auch in der Corona-Pandemie ausreichend Datensätze, die eine Zulassung erlauben. Es müssen Datensätze sowohl zur Sicherheit, als auch zur Effektivität der Substanz sein. Solange diese nicht vorliegen, und das ist bei dem Genannten noch nicht der Fall, werden sie nicht zugelassen. Wir müssen bei den wirksamen Medikamenten jetzt weiterkommen, auch meine Abteilung forscht daran. Dass wir bereits jetzt mehrere Vakzine haben und so viele Medikamente in der Pipeline, ist eine enorme Leistung der Wissenschaft. Keiner von uns hat damit gerechnet, dass wir so schnell impfen können.

Wird wegen dieser schnellen Entwicklung von Impfstoffen das Vertrauen in Wissenschaft und Medizin steigen?

Ich hoffe, dass das so sein wird. Wir diskutieren das auch unter Wissenschaftlern, zum Beispiel in der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in der ich Mitglied in der ständigen Kommission für Pandemie-Forschung bin. Wissenschaft ist in der Öffentlichkeit oft nicht sichtbar. Viele Menschen wissen nicht, wie Wissenschaft funktioniert, was bei einem Zulassungsverfahren für eine Studie passiert und wie viele Schritte es braucht, bis man eine Substanz einem Menschen geben kann. Wir Wissenschaftler haben das realisiert und verstehen, dass wir intensiver in die Öffentlichkeit kommunizieren müssen.

Wann haben Sie im vergangenen Jahr eigentlich gemerkt, dass wir es mit einer außergewöhnlichen Lage zu tun haben?

Das war zu dem Zeitpunkt, als das Virus in Italien ankam. In Deutschland gab es das Cluster in München. Eine Frau aus China hatte Kollegen infiziert. Weil die aber sofort isoliert wurden, konnte der Ausbruch eingedämmt werden. Dann kamen aber diese mächtigen Bilder aus Italien, das Virus hatte Europa erreicht. In diesem Moment haben wir gewusst, dass sich das Virus nicht mehr aufhalten lässt. Wir hatten Gott sei Dank die Möglichkeit, uns auf eine große Anzahl von Patienten vorzubereiten. Deswegen haben wir die erste Welle relativ gut überstanden.

Susanne Herod: „Das begünstigt das Infektionsgeschehen“

Was war die beste Nachricht in den vergangenen zwölf Monaten?

Mein schönstes Weihnachtsgeschenk war, dass wir ab dem 26. Dezember die erste Lieferung des Biontec-Impfstoffs bekommen haben und am 28. anfangen konnten, zu impfen. Das war die beste Nachricht des vergangenen Jahres.

Und die schlimmste?

Gleichzeitig hatten wir kurz vor Weihnachten die kritischste Situation, wo wir alle im Klinikum mit Sorge auf die extrem schnell steigenden Covid-Patientenzahlen geblickt haben. Wir hatten gerade morgens eine neue Covid-19-Station mit 40 Betten eröffnet. Abends war sie voll, und wir mussten die nächste Station einrichten. Wir dachten zu diesem Zeitpunkt, wenn die Dynamik weitergeht, wird es wirklich kritisch und die Patientenversorgung ist nicht mehr gewährleistet. Es war dann Gott sei Dank nicht so. Wir konnten das gut kompensieren, indem wir alles, was möglich war, mobilisiert haben, und die Zahlen über Weihnachten konstant blieben. Das war schwierig - auch für die Mitarbeiter, die das Sterben kurz vor und an Weihnachten miterleben mussten.

Nun sind die Patientenzahlen zurückgegangen. War das zu erwarten?

Wir hatten es alle gehofft, hätten uns aber gewünscht, dass es ein bisschen schneller geht. Das lag vermutlich an Weihnachten und Silvester, wo sich manche doch noch mal getroffen haben oder verreist sind. Jetzt sehen wir, dass der Rückgang nicht nur kurzzeitig, sondern anhaltend ist und es jede Woche deutlich weniger Patienten waren. Allerdings stagniert das jetzt wieder. Wir hoffen, dass die Zahlen mit einer Öffnung dann Ende März/Anfang April nicht wieder deutlich ansteigen. Denn auch im März halten sich Menschen noch immer mehr drinnen als draußen auf. Und das begünstigt das Infektionsgeschehen.

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