Am UKGM ist die Lage angespannt. Immer mehr junge Menschen müssen wegen Covid-19 behandelt werden. (Archivfoto)
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Am UKGM ist die Lage angespannt. Immer mehr junge Menschen müssen wegen Covid-19 behandelt werden. (Archivfoto)

Corona im Uniklinikum

„Nicht alle werden es schaffen“ – Mehr junge und gesunde Corona-Patienten auf der Gießener Intensivstation

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Auf den Intensivstationen des Landes müssen wieder mehr Covid-19-Patienten behandelt werden. Auch am Gießener Uniklinikum ist die Zahl in den vergangenen Wochen deutlich nach oben gegangen. Laut Prof. Michael Sander sind dieses mal vermehrt jüngere Menschen betroffen. Die Langzeitfolgen könnten drastisch sein.

Gießen - Bisher hat die Corona-Pandemie vor allem hochbetagte Senioren getroffen. Von den 337 Menschen, die im Landkreis Gießen an oder mit Corona gestorben sind, war ein Großteil über 80 Jahre alt. Die britische Variante, darin sind sich die Experten einig, ist deutlich ansteckender und tödlicher. Somit sind in der dritten Welle auch jüngere Menschen stärker gefährdet. Das zeigt sich auch beim Blick in das Gießener Uniklinikum. »Auf unseren Intensivstationen werden die Covid-19-Patienten immer jünger«, sagt Prof. Michael Sander, Leiter der Klinik für Anästhesiologie, operative Intensivmedizin und Schmerztherapie am UKGM. Der Mediziner betont: »Die Lage ist sehr angespannt.«

Das Uniklinikum veröffentlicht jeden Tag die Anzahl der Patienten, die wegen Covid-19 behandelt werden. »Zum Peak der zweiten Welle waren es über 50 alleine auf der Intensivstation«, erinnert Sander. Über den Winter sei die Zahl gefallen, jetzt nähert sie sich wieder dem Höchstwert. »Wir stehen aktuell bei knapp 40. Wenn sich die Logik so fortsetzt, muss man befürchten, den Peak der zweiten Welle bald zu überschreiten.«

Corona in Hessen: „Großteil der jetzigen Patienten ist zwischen 50 und 70 Jahre alt“ am Uniklinikum Gießen

Derzeit würden auf der Intensivstation keine über 80-Jährigen liegen, sagt Sander. Das liege vor allem daran, dass viele Menschen dieser Altersklasse inzwischen geimpft seien. »Der Großteil der jetzigen Patienten ist zwischen 50 und 70 Jahre alt. Zum teil aber auch deutlich jünger«, sagt Sander und betont: »Kaum jemand hat Vorerkrankungen. Es sind ehemals gesunde Menschen 50 Jahre, 40 Jahre, 18 Jahre. Nicht alle werden es schaffen.«

Die Wahrscheinlichkeit, an Covid-19 zu sterben, sei für diese Menschen glücklicherweise geringer als bei den älteren. Dafür müssten sie womöglich aber mit Langzeitfolgen leben. »Wir stehen noch am Anfang und müssen lernen, was ›Long Covid‹ bedeutet. Aber schon jetzt sehen wir bei Patienten, die vom Beatmungsgerät entwöhnt sind und nicht mehr auf der Intensivstation behandelt werden müssen, schwere Veränderungen in der Lunge.« Ob sich andere Organe von der Erkrankung erholen, sei ebenfalls ungewiss. Demnach könne das Leben der Überlebenden auf Jahre eingeschränkt sein.

Corona in Hessen: Keine Ü-80-Jährigen auf Intensivstation im Uniklinikum Gießen

Für das Klinikpersonal ist die steigende Zahl von Covid-Patienten eine Belastung. Vor allem das jüngere Alter der zu behandelnden Personen sorge für Mehrarbeit. Es mag kaltherzig klingen, aber die Tatsache, dass jüngere Patienten nicht so schnell sterben wie ältere, sorgt dafür, dass sie länger auf der Intensivstation behandelt werden müssen.

Noch gibt es im Uniklinikum ausreichend Kapazitäten, betont Sander. »Wir haben auf unseren Intensivstationen knapp 40 Betten belegt. Zehn weitere können wir mittelfristig bereitstellen.« Ohnehin seien Betten nicht das Problem, Geräte auch nicht, sondern vielmehr geeignetes Intensivpflegepersonal. »Das ist in ganz Deutschland so. Aber wir haben bisher kreative Lösungen gefunden, die Abteilungen helfen sich untereinander.« Abgesehen davon würden die Kliniken der Region zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen.

Corona in Hessen: „Dringender Handlungsbedarf für eine deutliche Verschärfung der Maßnahmen“

Die Lage sei daher angespannt, aber stabil. Damit die Situation nicht eskaliert, müssten jedoch weitere Schritte unternommen werden. »Aus meiner Sicht besteht dringender Handlungsbedarf für eine deutliche Verschärfung der Maßnahmen«, sagt Sander und bringt beispielsweise Ausgangssperren auch am Tage ins Spiel, zumindest in Regionen, in denen ein Mangel an Intensivbetten bei gleichzeitig hoher Inzidenz herrsche. »Denn man darf nicht aus den Augen verlieren, dass wir auch Platz für viele andere schwer erkrankte Menschen benötigen. Tumorpatienten zum Beispiel oder für die Motorradfahrer, die bald wieder im Vogelsberg unterwegs sind.«

Nicht zuletzt wünscht sich Sander, dass es mit dem Impfen weiter vorangeht und sich viele Menschen beteiligen. »Damit wird die dritte Welle endlich abflachen können.«

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