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Prof. Werner Seeger schildert ein zweigeteiltes Bild am UKGM: Weniger Menschen liegen mit Corona-Infektionen auf Normalstation, aber die Intensivstationen versorgen weiterhin sehr viele schwerstkranke Covid-Patienten. (Symbolbild)

UKGM-Geschäftsführer

Corona-Lage in Gießen: „Weiterhin sehr viele schwerstkranke Covid-Patienten“

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Prof. Werner Seeger hofft auf das normale Leben - wenn es mit der gegenwärtigen Entwicklung bei der Corona-Inzidenz und der Durchimpfung der Bevölkerung so weitergeht. Im Interview spricht der Ärztliche Geschäftsführer des Uniklinikums Gießen-Marburg über die Lage im Krankenhaus, die Kinder, die Virusvarianten und seinen emotionalen Moment.

Wie ist die aktuelle Corona-Lage am UKGM?

Parallel zu der sich verbessernden Inzidenzlage allgemein und auch in der mittelhessischen Region kriegen wir gegenwärtig weniger Covid-19 Patienten ambulant und stationär zugewiesen. Insofern ist es definitiv zu einer Entspannung hinsichtlich der Belegung der Normalstation mit Covid-Patienten bekommen. Sehr hoch belegt sind immer noch unsere Intensivstationen, hier finden sich weiterhin sehr viele schwerstkranke Covid-Patienten.

Welche neuen Erkenntnisse hat das UKGM von den Patienten der dritten Welle erhalten?

Die Altersstruktur hat sich in der dritten Welle gegenüber der zweiten Welle deutlich verändert. Wir sehen sehr viel mehr Patienten in den mittleren Jahren, durchaus auch sehr junge Patienten. Die meisten dieser Patienten erholen sich nach Durchschreiten einer anfänglichen Krise einigermaßen schnell. Es gibt jedoch eine Teilgruppe dieser auch jungen Patienten, die allerschwerst erkranken und nur mithilfe einer künstlichen Lunge auf der Intensivstation am Leben erhalten werden können. Die Anhäufung dieser Patienten ist sogar ausgeprägter als in der zweiten Welle um Weihnachten/Neujahr.

Wie viel Prozent der Corona-Erkrankungen verlaufen glimpflich und bisher ohne spürbare Langzeitfolgen, wie viele nehmen einen schwereren Verlauf?

Wir wissen, dass ca. fünf Prozent aller Patienten mit akuter Corona-Erkrankung stationär aufgenommen werden müssen und wiederum ein Teil dieser Patienten, weil schwerst erkrankt, auf die Intensivstationen verlegt werden muss. Noch unklar ist gegenwärtig, welcher Prozentsatz von Patienten mit Corona-Infektion längerfristig Erkrankungssymptome hat, was als »Long-Covid-Syndrom« bezeichnet wird. Zum Teil sind dieses gut nachvollziehbare Beeinträchtigungen der Lungenfunktion nach überstandener schwerster Lungenerkrankung durch die Virusinfektion, welche sich zumeist im weiteren Verlauf zunehmend verbessern, jedoch in einigen Fällen mit einem längerfristigen Lungenproblem verbunden sein können. Zum anderen gibt es aber zahlreiche weitere Symptome, bis hin zu einer schlecht zu erfassenden Erschöpfungssymptomatik, die mit diesem »Long-Covid-Syndrom« zugeordnet werden und die noch weiter untersucht werden müssen, um hier auch zu möglichen therapeutischen Verbesserungen zu kommen.

Welche Virusvarianten sind bisher am UKGM nachgewiesen worden? Und hatten die Infizierten zuvor einen Impfschutz oder waren genesen?

Bisher sind am UKGM neben dem sogenannten Ursprungsvirus zu allermeist die Britische Variante nachgewiesen worden. Gegenwärtig ist diese die absolut dominierende Variante. Wir haben sehr wenige Fälle von Infektionen mit der südafrikanischen Covid-19-Mutante. Sehr selten haben wir erneute Infektionen bei bestehendem Impfschutz, und in keinem dieser Fälle kam es am UKGM bisher zu einem schwerwiegenden Krankheitsverlauf.

Wie sieht die Situation mit Kindern aus?

Es gibt parallel zu der Ausbreitung der britischen Mutante in den letzten Wochen eine zunehmende Anzahl von positiv getesteten Kindern. Diese sind jedoch nur äußerst selten schwer erkrankt. Aktuell werden am UKGM nur sehr wenige Kinder wegen Corona-Infektion stationär behandelt. Bislang ist glücklicherweise keines der Kinder wegen einer Covid-19-Infektion auf eine Intensivstation aufgenommen werden. Nur sehr vereinzelt haben wir Kinder mit PIMS (pediatric inflammatory multisystem syndrom), einer noch nicht gut verstandenen Entzündungsreaktion im längeren Verlauf nach einer Corona-Infektion, gesehen.

Haben sich in der Behandlung von Corona-Patienten neue Wege herauskristallisiert?

Hier gab es in den letzten Monaten keine wesentlichen Veränderungen, optimale Intensivmedizin steht bei den schwerstkranken Patienten immer noch im Vordergrund. Jenseits der Impfung, welche der entscheidende Durchbruch ist, stehen noch keine weiteren wesentlich den Krankheitsverlauf beeinflussenden Medikamente, außer dem sogenannten Dexamethason in der Frühphase, zur Verfügung.

In einem Papier, das die »Welt« aufgegriffen hat, wird Intensivmedizinern Manipulation vorgeworfen. Die Angst vor Triage und Überlastung sei unbegründet gewesen, heißt es. Was können Sie aus der Perspektive des UKGM dazu sagen? Wie erklären Sie sich das Zustandekommen solcher Vorwürfe?

Mir ist, ehrlich gesagt, schleierhaft, wie man aus einer Schreibtischsituation heraus solche Thesen in die Welt setzen kann, nach der Motivationslage möchte ich hier nicht fragen. Ich lade aber jeden ein, sich vor Ort zu überzeugen, wie die Realität der Belastung der Intensivstationen unter der Corona-Pandemie ist.

In der Doku aus der Charité war mehrfach die ECMO-Lunge im Einsatz. Kommt die auch im UKGM zum Einsatz? Und wenn ja: Wann und warum wird sie eingesetzt? Und wie?

Die ECMO-Lunge bezeichnet die oben schon angesprochene künstliche Lunge, welche dann zum Einsatz kommt, wenn trotz maximaler Beatmungsmaßnahmen ein lebenserhaltender Gasaustausch der Patienten über die Lunge nicht mehr möglich ist. ECMO-Verfahren sind somit auch im Intensivstationsbereich des UKGM, in welchem ja die schwerstkranken Patienten der mittelhessischen Region versorgt werden, ebenfalls im Einsatz. Jeder Patient, der zusätzlich zu allen üblichen intensivmedizinischen Maßnahmen an eine solche künstliche Lunge angeschlossen ist, bedeutet eine extreme ärztliche und pflegerische Zusatzbelastung. Gegenwärtig befinden sich auf der Intensivstation des UKGM in Gießen elf Patienten, die lediglich durch dieses künstliche Lungenverfahren am Leben erhalten werden können.

Welches war Ihr schlimmster und Ihr berührendster Moment innerhalb der dritten Welle?

Schlimm sind immer die Augenblicke, wenn klar wird, dass wir trotz maximalem Einsatz einen Patienten nicht retten können. Dieses ist besonders schwer zu ertragen, wenn es sich um junge Patienten handelt. In unserer Verantwortung sind eben auch Patienten gestorben, die noch nicht einmal das 30. Lebensjahr erreicht hatten. Berührend ist natürlich das Gegenteil, wenn es nach wochenlanger intensivmedizinischer Behandlung gelingt, Patienten von der Beatmung zu entwöhnen, sie zunehmend aufzutrainieren und irgendwann weitgehend geheilt wieder aus der Klinik zu entlassen.

Sie haben bei der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Pandemie eine sehr berührende Rede gehalten. Wie waren die Reaktionen darauf?

Mir fiel es emotional sehr schwer, diese Rede zu halten, weil mir eben viele der Patienten vor Augen standen, welche wir mit Corona-Infektion trotz aller medizinischer Anstrengungen verloren haben. Dass dieses deutlich wurde, dass eben nicht nur Fakten mit medizinischer Professionalität berichtet wurden, hat offenbar viele Zuhörer berührt. Ich habe sehr viele positive Reaktionen erhalten, wofür ich sehr dankbar bin.

Und zu guter Letzt: Sind wir langsam über den Berg?

Sicherlich entspannt sich gegenwärtig die Situation, und es besteht sehr guter Grund zur Annahme, dass mit zunehmender Durchimpfung der Bevölkerung diese Entwicklung weitergeht. Es kann aber schon sein, dass wir ein gewisses Infektionsniveau mit Covid-19, möglicherweise eben leider auch mit neu auftretenden Mutationen dieses Virus, für längere Zeit haben werden und uns hierauf einstellen müssen. Ich denke aber, dass wir mittlerweile die Mechanismen geschaffen haben, hiermit gut umzugehen, so dass ich wie alle hoffe, zeitnah zu einem normaleren Leben zurückzukehren.

Prof. Werner Seeger

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