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September-Rückblick

Corona in Gießen: Der Sommer geht, die Sorgen kommen

  • Burkhard Möller
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Noch einmal warme Tage, noch einmal sorgenfrei im Biergarten sitzen. Im September ist es trotzdem so wie in der Erfolgsserie »Game of Thrones«: Über allem schwebt »winter is coming« und damit eine Verschärfung der Corona- Problematik. Der Spätsommer-Monat beginnt mit einer schlechten Nachricht. Teil sieben der Gießener Corona-Chronik.

Dienstag, 1. September: Der Monat beginnt mit dem Aus für eine Gießener Institution. Der hessische Landesverband des Deutschen Jugendherbergswerks gibt die dauerhafte Schließung seines Gießener Hauses am Hardtwäldchen bekannt. Die Corona-Pandemie hatte die Probleme der ohnehin zu kleinen und seit März geschlossenen Herberge noch verschärft. Die Stadt will sich um einen neuen Standort bemühen, Ideen gibt es noch nicht. Das benachbarte Evangelische Krankenhaus zeigt Interesse an einer Nutzung der städtischen Liegenschaft.

Mittwoch, 2. September: Die Situation im Schülerverkehr wird zum Thema: Eltern und Schulleitungen kritisieren die überfüllten Busse, in denen der vorgeschriebene Abstand nicht eingehalten werden kann. »Es ist eine Frechheit, unsere Kinder so zu transportieren«, schimpft eine Mutter aus Linden. Schulträger, Verkehrsverbünde und Busunternehmen schieben sich den Schwarzen Peter gegenseitig zu, das Land sagt Abhilfe zu. Bis zu den Herbstferien indes ändert sich an der Situation wenig bis nichts.

Der Veranstalter S-Promotion probiert es juristisch - und scheitert: Das Gießener Verwaltungsgericht entscheidet, dass der Auftritt von Comedian Bülent Ceylan mit 820 Besuchern in der Kongresshalle verboten bleibt. Der Veranstalter hatte zwar ein Hygienekonzept vorgelegt, aber das Kreisgesundheitsamt lehnte die Erteilung einer Ausnahmegenehmigung ab. Mehr als 250 Personen sind in Hessen zu Kulturveranstaltungen in geschlossenen Räumen nicht zugelassen. Der Veranstalter, der sich auf das Grundrecht der Berufsfreiheit beruft, muss den bereits nahezu ausverkauften Auftritt verlegen.

Corona in Gießen: Anfang September trifft es die Schulen

Samstag, 5. September: Die Meldungen des Kreisgesundheitsamts zu Infektionen vor allem in den größeren Stadtschulen werden zur Routine. Nach der Ostschule, wo Ende August die gesamte Stufe 12 mit über 200 Schülern in Quarantäne geschickt wird, folgen Anfang September Fälle am Landgraf-Ludwigs-Gymnasium und der Theodor-Litt-Schule.

Die Kulturszene sendet ein Lebenszeichen: Das Krimifestival 2020 findet zwar ohne Schauspieler-Promis statt, aber ab 2. Oktober soll vorgelesen werden, unter anderem von Jan Colin Wagner, Susanne Mischke und TV-Meteorologe Tim Frühling. »Es wird alles andere als ein Not-Krimifestival«, sagt Organisator Uwe Lischper.

Dienstag, 8. September: Kein Mindestabstand, keine Mundschutzmasken, keine Gästelisten: Die Polizei macht eine Gießener Gaststätte am frühen Sonntagmorgen dicht, in der es nicht nur zu laut, sondern möglicherweise auch infektiös zugegangen ist. Das Gesundheitsamt wird von der Polizei über den Vorfall informiert.

Corona in Gießen: Die Sorgen bei den Gastronomen wachsen

Mittwoch, 9. September: »Es sind erschütternde Berichte«, sagt der Gießener Prof. Reimer Gronemeyer zu seiner Studie »Corona und Demenz«, in der er die Folgen von Isolation untersucht und die Frage aufwirft, was in der Pandemie mehr zählen sollte: »Die Sicherung gegen das Virus oder die Lebenswünsche der Betroffenen«. Manche Maßnahme sei »vielleicht zu radikal gemacht worden, befindet der Sozialwissenschaftler.

Donnerstag, 10. September : Die Sorge vor dem Herbst und Winter geht bei den Gießener Gastronomen um. Drinnen lassen sich die Sommer-Umsätze unter den Bedingungen der Corona-Auflagen nicht erzielen. Der Hotel- und Gaststättenverband unterstützt Wünsche, draußen weiterhin beheizbare Unterstände und Zelte aufstellen zu können. »Das wäre die einzige Lösung, die Freiluftsaison zu verlängern«, sagt Vorsitzender Stefan Herzog. Die Stadt zeigt sich offen, erste Anfragen liegen dem Ordnungsamt vor.

Freitag, 11. September: Nach mehreren Unfällen in Hessen schlagen Unfallgutachter Alarm: »Die Gefahr ist vielen nicht bewusst«, sagt Experte Bernd Gerich zur Angewohnheit, die Mundschutzmaske im Auto über den Innenspiegel zu hängen. Diese Einschränkung des Gesichtsfelds hat zu mehreren, teilweise schweren Unfällen geführt. Die Polizei stellt klar: Wer sein Gesichtsfeld im Auto einschränkt, begeht eine Ordnungswidrigkeit.

Dienstag, 15. September: An der Liebigschule sind 14 Schüler infiziert. mehrere Jahrgänge werden komplett in Quarantäne geschickt, im Unterricht gilt Maskenpflicht. Die Zeitungsleser lernen ein neues Wort: »Distanzunterricht«. Gemeint ist der Unterricht in der häuslichen Quarantäne. Die Zahl der Infektionen erhöht sich im Laufe des Monats durch Infektionen von Schülern und bei Feiern. Mitte des Monats werden über 60 aktive Fälle im Kreisgebiet registriert, davon knapp die Hälfte in der Stadt. Die Todesfälle fünf und sechs werden gemeldet. Beide Opfer mittleren Alters hatten Vorerkrankungen.

Corona in Gießen: Der FC Gießen gerät in Schwierigkeiten

Mittwoch, 16. September: Die Stadtwerke ziehen Bilanz der Saison im Freibad Ringallee, das coronabedingt nur elf Wochen geöffnet war. Nur 30 000 Besucher kamen, die Erlöse brachen um 70 Prozent ein. Dagegen meldet das Waldschwimmbad in Lich einen Besucherzuwachs um zehn Prozent. Urlaub zu Hause, das weitläufige Gelände und die große Wasserfläche dürften die Gründe sein.

Donnerstag, 17. September: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, Kanzleramtschef Helge Braun, Ministerpräsident Volker Bouffier und weitere Politpromis sowie Mediziner müssen kein Ordnungsgeld zahlen, obwohl sie im April dicht gedrängt im Gießener Uniklinikum Aufzug gefahren sind. Nach monatelangen Ermittlungen sieht das Kreisgesundheitsamt von einer Ahndung im Fall des »Fahrstuhlgates« ab.

Mittwoch, 23. September: Jetzt hat es auch den FC Gießen erwischt: Der gesamte Regionalliga-Tross samt Trainerstab und Spielern muss bis zum 3. Oktober in Quarantäne. Das ist das Ergebnis des Austausches mit dem Gießener Gesundheitsamt, nachdem am Dienstag bekannt wurde, dass im Team des Fußball-Regionalligisten ein positiver Covid-19-Fall vorherrscht. Damit fallen die kommenden drei Punktspiel-Begegnungen des FC Gießen aus.

Corona in Gießen: A49-Proteste übernehmen die Schlagzeilen

Donnerstag, 24. September: Vieles ist 2020 ausgefallen, aber vieles wird auch nachgeholt, die Konfirmationen zum Beispiel. Der September wird zum »Konfi«-Monat, auch wenn auf große Feiern verzichtet werden muss. Die Pfarrer und Pfarrerinnen beobachten Veränderungen an ihren 14-jährigen Schützlingen: »Die Jugendlichen sind an der Situation gewachsen und reifer geworden«, sagt Anne-Barbara Schneider, Pfarrerin in Annerod.

Dienstag, 29. September : Gegen Ende des Monats verdrängen die Auseinandersetzungen um den Weiterbau der A utobahn 49 in Mittelhessen Corona zunehmend aus den Schlagzeilen. Eine »Winter-is-coming«-Mahnung kommt aus dem Kanzleramt in Berlin: »Wenn die Fallzahlen sich so weiterentwickeln wie zuletzt, wird es bis Weihnachten 19 200 Neuinfektionen am Tag geben«, sagt Regierungschefin Angela Merkel.

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