Bundesweit einmalig an der Corona-Schwerpunktpraxis in Gießen  ist, dass sie von einem Netzwerk der Hausärzte aus der Stadt gestemmt wird.
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Bundesweit einmalig an der Corona-Schwerpunktpraxis in Gießen  ist, dass sie von einem Netzwerk der Hausärzte aus der Stadt gestemmt wird.

Projekt von Hausärzten

Corona-Schwerpunktpraxis in Gießen: Konzept einmalig in Deutschland

  • Kays Al-Khanak
    vonKays Al-Khanak
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Die Schwerpunktpraxis am Corona-Testcenter in Gießen hat ihre Arbeit aufgenommen. Bundesweit einmalig ist, dass sie von einem Netzwerk der Hausärzte aus der Stadt gestemmt wird.

Gießen - Als der Landkreis Gießen und die Stadt in einer Pressekonferenz den Standort des neuen Corona-Testcenters an der Automeile öffentlich machten, verkündeten Landrätin Anita Schneider und Oberbürgermeisterin Dietlind Grabe-Bolz gleichzeitig eine weitere Neuigkeit: Es werde neben dem Center an der Rivers-Turnhalle eine Schwerpunktpraxis geben. Mittlerweile läuft hier der Dienst, den die Mitglieder des Gesundheitsnetzes der Gießener Hausärzte (GNGH) aufrechterhalten. Für den werden zusätzliche dienstbereite Ärzte und Medizinstudenten gesucht.

Um die Arztpraxen zu entlasten und den Medizinern zu helfen, Corona-Verdachtsfälle von den übrigen Patienten zu trennen, hatte die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen die Schaffung von 100 Schwerpunktpraxen angekündigt. Die Gießener Hausärzte hatten schon früh eine solche zentrale Stelle angeregt und neben einem Testcenter in der Stadt als notwendig erachtet. Dass die Einrichtung in Gießen durch mehrere Einzelpraxen gesichert und betrieben wird, ist einmalig in Deutschland.

Wie der Sprecher des GNGH, Witold Rak, gegenüber dieser Zeitung betont, führe der Weg unbedingt immer zuerst über den eigenen Hausarzt. Der überweise dann den Patienten in die Schwerpunktpraxis an der Automeile. Es gibt keine offene Sprechstunde, in der Patienten spontan beraten oder untersucht werden. Die Schwerpunktpraxis fungiert also nicht als offene Anlaufstation.

Die Schwerpunktpraxis befindet sich genauso wie das Corona-Testcenter in der Rivers-Turnhalle. 

Für das Projekt wurde die Rivers-Halle geteilt: Zwei Drittel stehen dem Corona-Testcenter zu Verfügung, ein Drittel den Ärzten des Gesundheitsnetzwerks. Dort gibt es für die ambulante Versorgung von Patienten einen Warteraum und drei Untersuchungsräume. Netzwerksprecher Rak spricht von einem "riesigen Mammutprojekt". Denn vor Ort musste aus dem Nichts eine tragfähige Infrastruktur geschaffen werden. Die Beteiligten erarbeiteten das Konzept, die Logistik mit Innenausstattung, medizinischer Ausrüstung, die EDV, die tägliche Schlüsselübergabe, die Dienstpläne, den Ablauf der Untersuchungen und Behandlungen für diverse Notfallszenarien sowie die hygienischen Anweisungen für die Sicherheit aller Mitarbeiter. Bei der Einrichtung unterstützt wurden die Ärzte von heimischen Unternehmen, die Schutzausrüstung, Drücker, medizinische Geräte, Mobilar sowie Hard- und Software beigesteuert haben

Corona Gießen: Schutzausrüstung ökonomisch nutzen

Das alles leisteten die Gießener Hausärzte an Wochenenden und in der ohnehin schon knapp bemessenen Freizeit nach der Arbeit. In diesem Zusammenhang bedankt sich der Ärzteverein bei Stadt und Landkreis Gießen für die Zusammenarbeit sowie die Bereitstellung der Räumlichkeiten und des Sicherheitsdienstes. Danken wollen die Ärzte auch der KV Hessen, dass sie das bundesweit einmalige Projekt bewilligt hat.

Die Schwerpunktpraxen sind nötig, damit die Hausärzte ihren normalen Praxisbetrieb aufrechterhalten können. Denn viele hatten keine Chance, Patienten mit Atemwegserkrankungen von anderen Besuchern der Praxis zu trennen. Zwei Praxen mussten in der Zwischenzeit deshalb vorübergehend geschlossen werden. In einer Schwerpunktpraxis können die begrenzt verfügbaren Schutzausrüstungen ökonomisch genutzt werden. Die ausgelagerte Ambulanz gibt den im Gesundheitsnetz organisierten Hausärzten also wieder etwas mehr Handlungsspielraum.

Es ist davon auszugehen, dass die Zahlen der zu behandelnden Patienten steigen werden. Je mehr Ärzte und Medizinische Fachangestellte sich am Projekt beteiligen, desto eher können Patienten weiterer Praxen mitversorgt werden. Deshalb appelliert Rak an seine Kollegen, die nicht im Gesundheitsnetzwerk engagiert sind, in der Schwerpunktpraxis mitzuhelfen. "Wir brauchen die Kollegen", betont er. Denn nur so gebe es genug "Manpower, um allen Patienten gerecht zu werden".

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