Manfred Becker vor der dem Gebäudeteil, in dem die Menschen ihre Quarantäne verbringen müssen.
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Manfred Becker vor der dem Gebäudeteil, in dem die Menschen ihre Quarantäne verbringen müssen.

Viele Corona-Infektionen

Gießen: Konsequenzen nach Corona-Ausbruch in Flüchtlingsunterkunft

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Rund 2000 Menschen sind derzeit in der HEAE in Gießen untergebracht. Jeder zehnte von ihnen ist mit Corona infiziert. Jetzt werden Maßnahmen ergriffen.

Die junge Frau läuft voll beladen den Stolzenmorgen hinauf. Sie zieht einen großen Koffer hinter sich her, in den Händen hält sie mehrere Taschen. Sie schnaubt, was auch am Mundschutz liegen dürfte. Die junge Frau gehört zu einer Gruppe von rund 20 Menschen, die gerade an der Hessischen Erstaufnahme für Flüchtlinge an der Rödgener Straße angekommen ist. Doch bevor die Neuankömmlinge ihre Zimmer beziehen dürfen, heißt es erst einmal: Quarantäne.

Das Infektionsgeschehen in der HEAE hat in den vergangenen Tagen für Aufsehen gesorgt. Zeitweise waren von den aktuell 1969 Bewohnern, die überwiegend aus Afghanistan, Syrien, Iran und Iran kommen, über 200 mit dem Corona-Virus infiziert.

„Aktuell haben wir 198 Fälle“, sagt Manfred Becker, der als Abteilungsdirektor beim Gießener Regierungspräsidium für die HEAE zuständig ist. Gleichzeitig betont er, dass seit Ausbruch der Pandemie in allen hessischen Unterkünften der HEAE zusammen nur 975 Bewohner infiziert gewesen seien. „In ganz Hessen waren es hingegen 265 000.“ Während landesweit rund 6650 Menschen an oder mit Covid-19 gestorben seien, habe es in der HEAE keinen Todesfall gegeben. „Das zeigt, dass unser Konzept trotz der vielen Unterbringungen gut gegriffen hat.“

Becker läuft am Zaun der Einrichtung entlang. Nur wenige Schritte von seinem Büro entfernt liegt das Ankunftszentrum. „Hier werden die Leute registriert, erkennungsdienstlich behandelt und medizinisch untersucht.“ Bisher sei die Ankunft nicht mit einem obligatorischen Schnelltest verbunden gewesen, lediglich bei Symptomen sei dies vorgenommen worden. Das habe unter anderem daran gelegen, dass Schnelltests lange Zeit Mangelware gewesen seien. „Wir fangen jetzt aber an, bei jedem Neuankömmling einen Test zu machen“, sagt Becker. Nächste Woche soll es losgehen.

Gießen: Corona mit deutlichen Auswirkungen für Flüchtlinge

Für die Mitarbeiter ist das eine große Herausforderung. Schließlich kommen derzeit pro Tag rund 50 Geflüchtete in der HEAE an. Die hohe Zahl sei auch ein Grund, warum eine derzeit oft geforderte dezentrale Unterbringung nicht umsetzbar sei, sagt Becker.

Für die Bewohner der Einrichtung ist die Pandemie eine bedrückende Situation in einem ohnehin schon komplizierten Leben. Integrationskurse finden nicht statt, die Sportstudenten, die sonst einmal die Woche mit den Geflüchteten Fußball spielen, dürfen das Gelände nicht betreten, und die Kinder können den Spielplatz nur aus der Ferne betrachten.

Corona-Ausbruch in HEAE in Gießen: Familien werden nicht getrennt

Becker bleibt vor einem großen Tor stehen, durch das kurz zuvor auch die junge Frau gegangen ist. „Das ist unser Gebäude 12, das wir als Quarantänehaus nutzen.“ Hier würden die Menschen in Kohorten mit jeweils etwa 100 bis 150 Personen separiert untergebracht. Erst, wenn nach 14 Tagen kein Ausbruch zu verzeichnen sei, dürften die Geflüchteten in ihre eigentliche Unterkünfte ziehen. „Wenn sich jemand infiziert, wird er natürlich umgehend von den anderen Bewohnern getrennt“, betont Becker. Bei Familien würden die Mitarbeiter jedoch Ausnahmen machen. Heißt: Wenn ein Vater und die Tochter positiv getestet werden, die Ehefrau und Mutter jedoch negativ, darf sie trotzdem bei ihren Lieben bleiben. „Ich weiß, dass ist eine Gratwanderung“, sagt Becker. Je nachdem, was die Familien auf ihrer teils einjährigen Flucht gemeinsam durchgemacht hätten, würden sie eine Trennung aber schlichtweg nicht akzeptieren.

Neben dem Quarantänehaus steht eine der beiden Leichtbauhallen, die den Bewohnern künftig als Unterkunft dienen sollen. „Das Gesundheitsamt hat angeordnet, die Menschen weiter zu entzerren“, sagt Becker. Neben den Schnelltests und dem Impfen (siehe Kasten) soll vor allem diese Entzerrung das Infektionsgeschehen einzudämmen. Becker gibt sich zuversichtlich: „Wir hatten auch schon größere Ausbrüche in unseren Einrichtungen in Kassel und Neustadt. Nach vier bis sechs Wochen war das überstanden.“

Am Zaun zum Quarantänehaus steht ein Mann, auf der anderen Seite eine Frau. Sie gehen innig miteinander um, vielleicht sind sie ein Paar. Die Quarantäne trennt sie. Becker sieht das. „Solange sie nur eine überschaubare Zeit beieinander stehen und eine Maske aufhaben, ist das ok“, sagt er. Bei aller Vorsicht solle die Menschlichkeit nicht zu kurz kommen.

Impfen ab Mai

In einem Gebäudeteil der HEAE wird demnächst eine Impfstraße eingerichtet. Laut Einrichtungleiter Manfred Becker soll es im Mai losgehen. Am liebsten mit Johnson&Johnson, da bei diesem Impfstoff nur eine Dosis benötigt wird. Am Dienstag hat die Europäische Arzneimittelbehörde grünes Licht für Johnson&Johnson gegeben.

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