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Gangschaltungen einstellen, Bremsbeläge erneuern und Reifenprofile überprüfen: In Gießener Fahrradwerkstätten wie hier bei Reiner Bikes herrscht gerade Hochkonjunktur. FOTO: EP

Wegen Corona

Corona Gießen: Das Fahrradgeschäft boomt

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Gießen als Fahrradstadt zu bezeichnen wäre wohl vermessen, aber es bewegt sich etwas. Aktivisten, die sich für die Verkehrswende stark machen, erhöhen den Druck, die Stadt richtet Fahrradstraßen ein. Und die Fahrradläden haben aktuell nach den Corona-Lockerungen beinahe Hochkonjunktur.

Das Fahrrad ist in den vergangenen Wochen trotz der Corona-Pandemie ein präsentes Thema gewesen. So haben zum Beispiel Ende April die Aktivisten der Verkehrswende für eine andere Radverkehrspolitik demonstriert. Außerdem wurden die Bauarbeiten an der Goethestraße begonnen, die zu einer Fahrradstraße umgebaut wird. Die Stadt hat vor kurzem rote Fahnen aufgehangen, um auf die Fahrradstraßen hinzuweisen. Seitdem die Geschäfte wieder geöffnet haben, berichten jetzt die Fahrradläden von einem regelrechtem Ansturm.

Sowohl Reparaturen, als auch auch Neuanschaffungen, seien gefragt, wie selten zuvor. "Wir können uns vor Aufträgen nicht retten", erzählt Martin Fügert von MF Bikes. Kunden kommen ins Geschäft, um ihre alten Fahrräder wieder flott zu machen, oder um sich gleich ein neues zu kaufen. Fügert vermutet, das liege an den momentanen Beschränkungen.

Die Sportstätten sind geschlossen, die Leute können nur bedingt Fußball spielen. Deswegen würden viele auf das Fahrrad um, um sich sportlich zu betätigen, glaubt der Inhaber. "Kunden sagen aber auch, dass sie gerade lieber das Fahrrad als den Bus nehmen, um in der Stadt von A nach B zu kommen - wegen der Ansteckungsgefahr."

Dabei war die Fahrradwerkstatt schon die ganze Zeit offen. "Weil wir systemrelevant sind", erklärt Fügert. Mit dem Fahrradverkauf war das aber schwieriger. Sie durften Räder nämlich nur über das Telefon oder das Internet verkaufen. In die Läden konnten die Kunden nur kommen, um ihre Räder für Reparaturen abzugeben. Der Händler sagt dazu: "Das hat natürlich unserer Verkäufe über das Internet angekurbelt, aber ganz so viele wie im normalen Betrieb waren es nicht." Dafür habe er jetzt keine ruhige Minute mehr. Gefühlt stehe er im Moment rund um die Uhr in seinem Laden.

Das gleiche Bild bei Zweirad Göttlicher: "Wenn sie jetzt einen Termin für eine Reparatur haben wollen, kommen sie erst Mitte Juni an die Reihe", sagt Mechaniker Timo Schwarzer. Die Nachfrage nach Fahrrädern und Reparaturen sei auch bei ihnen stark gestiegen. Er vermutet: "Die Leute können ja nicht in Urlaub fahren und haben vielleicht von ihren Reiseveranstaltern das Geld zurückbekommen. Da sagen sich viele: Dann kauf ich mir eben ein schönes Bike."

Fügert glaubt, man sehe den Trend zum Rad auch auf den Straßen. Wenn er draußen unterwegs sei, sehe er mehr Menschen auf Rädern als sonst. Finanziell sei das für das Geschäft großartig. Die Umsätze im Vergleich hätten sich gegenüber einem normalen Monat verdoppelt. Er sagt: "Damit gehören wir wohl zu den Gewinnern der Krise."

So optimistisch sieht das aber nicht jeder seiner Kollegen. Philip Reiner von Reiner Bike glaubt, dass die Kunden jetzt nur nachholen, was sie davor nicht gekauft oder zur Reparatur gebracht haben. "Ich glaube, viele Leute hatten nicht mitbekommen, dass die Werkstatt die ganze Zeit offen hatte." Während der vergangenen Wochen habe er ein Minus-Geschäft gemacht. Reiner hofft, dass dieses nun durch die erhöhte Nachfrage ausgleichen werden kann. "Wir merken auch, dass das Semester nur online stattfindet. Normalerweise gehören viele Studierende zu unseren Kunden. Von denen kommt fast keiner." Es werden auch nur wenige normale Straßenräder gekauft. "Bei E-Bikes und Mountainbikes ist die Nachfrage am größten", erklärt er.

Das Geschäft sei aktuell besonders anstrengend. Deswegen hat der Laden sogar seine Öffnungszeiten verkürzt. Die Kunden seien nach wie vor nicht mit den Masken vertraut und würden sie nicht richtig tragen. Reiner sagt: "Und immer wieder müssen wir die Menschen an das Abstandsgebot erinnern."

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