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Obst und Gemüse sind auf dem Wochenmarkt auch in der Corona-Pandemie natürlich ein Dauerbrenner.

Mehr Umsatz, jungen Kunden

Corona erzeugt Boom auf dem Gießener Wochenmarkt

  • Marc Schäfer
    VonMarc Schäfer
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Corona, das sagen einige Marktbeschicker, sei für den Gießener Wochenmarkt »ein Segen« gewesen. Umsatzsteigerungen von bis zu 40 Prozent und viele neue - vor allem auch junge - Kunden habe die Pandemie gebracht. Auch die Stadt bemerkte einen Wochenmarkt-Boom.

Man musste schon Geduld mitbringen, wenn man samstags zur Hochzeit der Corona-Pandemie seine Einkäufe auf dem Gießener Wochenmarkt erledigen wollte. Vor dem Obst- und Gemüsestand der Familie Koch am Alten Schloss zum Beispiel, bei Wild und Geflügel Scherer auf dem Brandplatz ebenso und vor allem bei der Fleischerei Hoffmann in der ersten Metzgerlaube bildeten sich plötzlich lange Schlangen. Das lag zum einen daran, dass sich aufgrund der Corona-Bestimmungen zum Teil weniger Personal hinter der Verkaufstheke aufhalten durfte, aber auch daran, dass es vor der Theke zu einem Kundenansturm gekommen ist. »Wir können uns nicht beschweren. Corona hat uns viele neue, vor allem jüngere Kunden gebracht«, sagt der Wild- und Geflügelhändler David van den Hoogen aus dem Ebsdorfergrund. Im Gegensatz zum Lebensmitteleinzelhandel konnten die Kunden sich auf dem Wochenmarkt an der frischen Luft aufhalten, das Einkaufen fürs gemeinsame Kochen war im Zuge von Homeoffice, Mensa-Schließungen und geschlossener Lokale wichtiger geworden und schließlich war der Wochenmarkt lange Zeit einer der wenigen Ort in der Stadt, an dem man sich begegnen und zu einem spontanen Gespräch treffen konnte. »Wir hatten Tage, an denen wir bis zu 40 Prozent mehr Umsatz gemacht haben als vor der Pandemie«, sagt van den Hoogen. »Natürlich hoffen wir jetzt, dass uns gerade die jungen Kunden erhalten bleiben.«

Abheben vom Einzelhandel

Van den Hoogen ist kein Einzelfall. Auch Metzgermeister Markus Dehnert, seit Anfang des Jahres Inhaber der Fleischerei Hoffmann, bestätigt, dass die Pandemie mehr Kunden und mehr Umsatz gebracht habe. »Wir haben gemerkt, dass sich die Leute in dieser Zeit vermehrt etwas gegönnt und nicht so auf das Geld geschaut haben«, sagt Dehnert. Ein Selbstläufer sei dies nun aber nicht. Auch auf dem Wochenmarkt setze sich nur beste Qualität durch, zudem müsse man sich als Beschicker deutlich abheben vom Angebot des Lebensmitteleinzelhandels. »Die Händler, die das schaffen, haben hier auf dem Markt gute Karten«, sagt auch van den Hoogen. Dennoch spüre man zuletzt auch wieder einen leichten Rückgang. »Man merkt jetzt, dass Restaurants wieder geöffnet haben und einige Kunden auch wieder verreisen.«

Für Astrid Koch von Gartenbau Koch fällt der Blick auf die zurückliegende Pandemie-Zeit ebenfalls positiv aus, obwohl es durch neue Verordnungen auch immer wieder größere Herausforderungen zu bewältigen gab. »Der Wochenmarkt war das Event der Woche«, sagt Koch. Zwar habe man schon immer eine angenehme, an Lebensmitteln interessierte Kundschaft, in der Pandemie sei das Einkaufsverhalten vieler aber noch bewusster geworden. Ob der Zuwachs an Kunden und die Etablierung des gesunden Kochens als Event nur aus der Not heraus geboren wurde und in Zukunft bleiben werde, sei jedoch noch offen. »Wir müssen die Attraktivität des Marktes hochhalten und dürfen uns alle nicht auf mehr Kunden und mehr Umsätzen ausruhen«, fordert ihr Mann Georg von sich selbst und allen anderen Beschicker.

Auch die Stadt kann den »Wochemmarkt-Boom« und das erhöhte Kundenaufkommen in der Pandemie bestätigen. Zwar gebe es keine konkreten Zahlen, die dies belegen könnten, dennoch sei der Eindruck klar, sagt Bürgermeister Peter Neidel. Konkreter kann er in einem anderen Segment werden: »Die Zahl der Bewerber um einen Standplatz hat sich in der Pandemie deutlich erhöht.« Dieses Phänomen melden auch viele andere Städte. In Gießen habe man von diesen Bewerbungen aber nur wenige berücksichtigen können, da durch eine Zulassung weiterer Beschicker der durch das Auseinanderziehen gewonnene und benötigte Platz wieder verlorengegangen wäre. Die zukünftige Berücksichtigung weiterer Bewerber hänge davon ab, ob die Marktfläche auch nach der Pandemie bis auf den Kirchenplatz ausgeweitet bleibe oder sogar erweitert werde.

Dieses von Neidel zu Beginn der Pandemie angeordnete »Auseinanderziehen«, um größeren Abstand zwischen Marktständen und Besuchern zu ermöglichen, sei »als sehr positiv empfunden« worden. »Insbesondere die Marktlaubenstraße hat dadurch eine Aufwertung erfahren«, betont Neidel. Außerdem sei durch die Verlagerung in Richtung Marktplatz die Sichtbarkeit des Wochenmarktes aus der Fußgängerzone heraus verbessert worden. Dies war in der Vergangenheit immer wieder auch Wunsch der Beschicker. »Ich kann mir gut vorstellen, dass die Fläche auch nach der Pandemie genutzt wird.«

Kein Bedarf an Alkoholverkauf

Dass sich der Wochenmarkt zudem vom Einkaufsmarkt wie in anderen Städten zum Aufenthaltsort entwickle, sei nicht absehbar, sagt Neidel. Das Errichten von zusätzlichen Sitzgelegenheiten in der Marktlaubenstraße sehe er kritisch, da dies zur Folge hätte, dass der Freiraum wieder eingeschränkt würde. Auch ein Ausschank von alkoholischen Getränken sei derzeit nicht zulässig, ein Bedarf von Beschickern noch nicht geäußert worden. Für die Corona-Krise auf dem Wochenmarkt zieht Neidel ein positives Fazit: »Es hat sich im Nachhinein als richtig erwiesen, dass wir den Wochenmarkt wegen der Pandemie nicht geschlossen haben, sondern den Betrieb corona-konform geregelt und ermöglicht haben«, sagt Neidel. Für diese Entscheidung war er damals kritisiert worden.

Lange Tradition

Der Gießener Wochenmarkt hat eine lange Tradition. Bereits für das Jahr 1557 existiert eine Marktordnung. Zur Jahrhundertwende verteilte sich das Treiben auf mehrere Straßen und Plätze. Es war genau geregtelt, was wo gehandelt werden durfte: Heu, Stroh und Holz am Oswaldsgarten, Beeren und Obst in der Schulstraße, Geflügel, Wild und Fisch am Marktplatz, Gemüse und Pflanzen am Lindenplatz.

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