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AWO-Mitarbeiter vor dem Pflegeheim: Sie geben alles, um die Bewohner wie gewohnt zu versorgen. 

Senioren gefährdet

Corona-Einfalltor: Gießener Pflegeheime schotten sich ab

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Pflegeheime sind die Einfalltore in der Pandemie. Bei der Caritas, im Johannesstift und bei der AWO schottet man sich von der Außenwelt ab, um die Senioren zu schützen.

Die Isolierstation bei der AWO im Tannenweg ist bezugsfertig. Neun Plätze hat man hier vorbereitet, um Corona-Patienten versorgen zu können. Sollten Bewohner erkranken, könnten geschulte Pflegekräfte in Schutzkleidung sich hier um sie kümmern. Der Bereich kann mit Schleusen versehen werden und ist mit einem gesonderten Eingang vom Albert-Osswald-Haus getrennt.

"Noch ist bei uns alles ruhig, aber es fühlt sich ein bisschen an wie die Ruhe vor dem Sturm", sagt Tanja Ströher, die Pflegedienstleiterin bei der AWO. Nachrichten aus Würzburg und Wolfsburg, wo es in Pflegeheimen eine ganze Reihe von Todesfällen in Folge der Coronainfektion gegeben hat, sind ein Albtraum für Mitarbeiter in Seniorenheimen. Ströher und ihre Kollegen bereiten sich seit Wochen auf den Ernstfall vor.

Zum Glück sei das Haus weitgehend autark und verfüge über eine eigene Küche und Waschküche. Sollte es zu personellen Engpässen kommen, könne die Mitarbeiterschaft untereinander aushelfen. In einer Krise sei dies durchaus denkbar.

Corona: Besuchsverbot in Gießener Pflegeheimen

Dass Erzieherinnen aus den derzeit geschlossenen Kitas im Pflegeheim aushelfen, sei dagegen nicht geplant, sagt AWO-Geschäftsführer Jens Dapper. Zum einen würden die Pädagoginnen in den Kitas gebraucht, zum anderen wolle man das zusätzliche Risiko des Kontaktes nicht eingehen. Bei der AWO gibt es ebenso wie in Maria Frieden und St. Anna (Caritas) sowie dem Johannesstift ein Besuchsverbot. Ausnahmen gibt es nur bei Bewohnern in der Palliativversorgung und bei dringenden familiären Angelegenheiten. Die meisten Angehörigen akzeptierten diese Regelung. "Es wird eifrig telefoniert und geskypt, unsere Senioren lieben die Tablets", sagt Ströher.

Viele der alten Bewohner gingen mit der Ausnahmesituation sehr gelassen um. "Man merkt ihnen ihre Lebenserfahrung an, sie sind ja krisenerprobt". So mancher erinnert sich angesichts der Fernsehsendungen mit leeren Supermarktregalen an die Zeit, als sie selber Schlange stehen mussten. Besonders ängstlich oder besorgt reagierten die Bewohner nicht. Was ihnen mehr zu schaffen mache sei der veränderte Alltag: Es gibt keine geselligen Spielenachmittage oder Singstunden mehr, die Cafeteria und der Friseursalon sind geschlossen, die ehrenamtlichen Helfer können derzeit nicht mehr kommen. Für Demenzkranke sei zudem besonders schwer zu verstehen, warum plötzlich der Besuch ausbleibe.

Corona: Ausstattung mit Schutzkleidung und Atemschutzmasken gut

In einer solchen Situation sei es besonders wichtig, selbst die Ruhe zu bewahren, schildert Ströher. Das sei nicht immer leicht, denn sie sei sich der Verantwortung für die Bewohner bewusst. "Wir tun alle unser Bestes, um sie zu schützen, aber Garantien gibt es nicht". Die Ausstattung mit Schutzkleidung und insbesondere Atemschutzmasken sei noch gut, doch an Nachschub zu kommen sei derzeit so gut wie unmöglich - eine Erfahrung, die auch die Kollegen in den anderen Einrichtungen machen. In den Heimen ist man froh über jeden Tag, der ohne eine Infektion vorüber geht, sagt Lucia Bühler vom Caritasverband, der in der Stadt St. Anna und Maria Frieden betreibt. Die Mitarbeiter seien hoch motiviert und engagiert. "Ein großes Glück", sagt Bühler. Eine Isolierstation hat man aus Platzgründen nicht eingerichtet.

Auch das Johannesstift hat keine. Christa Hofmann-Bremer, die Leiterin des Hauses in der Innenstadt, warnt davor, durch Evakuierungsszenarien die stabile Situation zu destabilisieren. Sollte es zu einer Infektion kommen, müsse es in Stadt und Kreis trägerübergreifende Lösungen geben, beispielsweise den Bezug leer stehender ehemaliger Krankenhäuser oder Pflegeheime. Es sei unerlässlich, jetzt die Hygienestandards weiter hoch zu halten, gleichzeitig müsse man jedoch mit Schutzkleidung vernünftig haushalten. "Es bringt nichts und sorgt nur für Panik, wenn plötzlich alle im Haus Atemschutzmasken tragen", sagt sie.

Die Balance zu halten ist auch für Ströher eine wichtige Aufgabe in diesen Tagen. "Es ist nichts, wie es mal war, und keiner weiß, was kommt. Daran müssen wir uns alle erst gewöhnen".

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