Corinna Vahrenkamp fotografiert gern, was ihr am Herzen liegt: Einerseits gewerkschaftliche Aktionen, andererseits die Natur - wie hier den Quellgarten im Gießener Stadtpark Wieseckaue. FOTO: SCHEPP
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Corinna Vahrenkamp fotografiert gern, was ihr am Herzen liegt: Einerseits gewerkschaftliche Aktionen, andererseits die Natur - wie hier den Quellgarten im Gießener Stadtpark Wieseckaue. FOTO: SCHEPP

Mensch, Gießen

Corinna Vahrenkamp: Mit "Biss" gegen Missstände

  • Karen Werner
    vonKaren Werner
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Seit 40 Jahren arbeitet Corinna Vahrenkamp beim Regierungspräsidium. Als Umweltschützerin und als Gewerkschafterin kämpft sie gegen Missstände.

Man kann ja doch nichts machen als Einzelner. Wenn sie so etwas hört, schüttelt Corinna Vahrenkamp energisch den Kopf mit dem kurzen grauen Haar. "Ich kann Missstände nicht schulterzuckend hinnehmen." Sie habe immer wieder erlebt, wie viel sie - allein oder mithilfe der "Schwarmintelligenz" - erreichen konnte. Und dies nicht nur als Pionierin in der Naturschutzverwaltung. Am 1. September feiert Vahrenkamp ihr 40-jähriges Dienstjubiläum beim Regierungspräsidium Gießen.

Geboren in Wiesbaden-Biebrich, empfand sie sich immer als "Hessin mit Migrationshintergrund". Beide Eltern waren zugezogen. Entscheidend für ihren Lebensweg wurde 1972 - "wir waren damals alle politisch interessiert" - die Lektüre des Berichts "Die Grenzen des Wachstums". Mit diesem Alarmruf begründete der Club of Rome die Ökologiebewegung und rüttelte auch eine Jugendliche in Wiesbaden auf. "Von da an war klar: Ich will was mit Umweltschutz machen."

Ab 1976 studierte Vahrenkamp Gartenbau und Landschaftspflege an der Hochschule Geisenheim und trat nach dem Diplom 1980 ihre erste Stelle bei der Bezirksdirektion für Forsten und Naturschutz in Darmstadt an. In der damals noch selbstständigen Oberen Naturschutzbehörde war sie "eine Exotin zwischen Förstern" und stellte schnell fest, dass sie in dieser Männerwelt kaum Perspektiven hatte. Daher wechselte sie 1985 ans im Aufbau befindliche RP Gießen, wo schon einige Kolleginnen und Kollegen aus Darmstadt arbeiteten. "So hatte ich schon einige Bekannte. Zum Glück, denn mit Gießen habe ich mich lange schwergetan."

Das schöne Umland aber schloss sie schnell ins Herz. Zuständig für Landschaftsrahmenplanung und Regionalplanung, durfte sie nun - anders als beim reinen Schreibtischjob in Darmstadt - vor Ort in Augenschein nehmen, wozu sie Stellungnahmen verfasste. "Ich bin viel herumgekommen. Zwischen Limburg und Schlitz, Burgwald und Langgöns komme ich bis heute ohne Navi aus."

Erst 1980 waren Naturschutzgesetze auf Bundes- wie auf Landesebene in Kraft getreten. "Das waren eher zahnlose Tiger." Vahrenkamp trug tatkräftig dazu bei, ihnen Biss zu verleihen. Zwei Beispiele illustrieren, wie weitreichend Verwaltung wirken kann. Erstens: Vahrenkamp gab den Anstoß zu einem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts, das dem Naturschutz Vorrang vor dem Baurecht der Gemeinden gab. Es ging um ein Grundstück direkt am Rhein, auf dem ihr eigener Vater einst nicht bauen durfte, wo nun aber ein Kommunalpolitiker ein Haus errichten wollte.

Zweitens: Sie bewirkte, dass ein Steinbruch in einem Naturschutz- und Denkmalschutzgebiet letztlich stillgelegt wurde. Dass das für die Mitarbeiter sozialverträglich ablief, war ihr allerdings ebenso wichtig.

Denn Vahrenkamps "zweites Leben" ist das als Gewerkschafterin. Zu Studienzeiten durch einen "Knochenjob" bei McDonald’s für Arbeitsbedingungen sensibilisiert, trat sie zunächst der Gewerkschaft Gartenbau, Land- und Forstwirtschaft bei und wechselte später zu Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr. Ende der Achtzigerjahre wurde sie in den Personalrat des RP gewählt und wenige Jahre später freigestellt.

Bis 2012 vertrat sie 20 Jahre lang hauptamtlich die Interessen nicht nur der Verwaltungsmitarbeiter. Sie bewegte sich "raus aus dem Elfenbeinturm", gehörte bald dem ÖTV-Bezirksvorstand und der Bundestarifkommission an, wirkte als ehrenamtliche Arbeitsrichterin und war nach der Fusion zur Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft Verdi acht Jahre lang die mittelhessische Bezirksvorsitzende.

"Ich habe Gewerkschaften sehr von innen kennenlernen dürfen und müssen." Die 63-Jährige findet die Arbeitnehmervertretung nach wie vor "ungeheuer wichtig" und verdankt ihr wertvolle Freundschaften. Aber: "Auch da menschelt es." Sie ist weiter Mitglied im Verdi-Bezirksvorstand, doch mittlerweile ist ihr Hauptthema die Gleichstellung von Frauen. Nach wie vor hake es, vor allem wegen "überkommener Denkschemata in den Köpfen". Als Teil des Verdi-Frauenrats macht sie aufmerksam auf Benachteiligung, Belästigung oder Doppelbelastung. Außerdem hat sie den kleinen Verein Fototeam Hessen mitgegründet, der Gewerkschaftsaktionen mit der Kamera festhält.

Dass sie vor acht Jahren aus freien Stücken die Freistellung als Personalrätin aufgab, stieß in ihrer Behörde zunächst auf Skepsis. Hatte sie in ihrem einstigen Fachgebiet nicht längst den Anschluss verpasst? Nein: "Ich habe immer Fachzeitschriften und Rechtstexte studiert und mich mit Kollegen aus dem Naturschutz ausgetauscht." Heute überwacht sie als Expertin für internationalen Artenschutz Zu- und Abgänge unter anderem in Zoohandlungen und geht Hinweisen auf nicht artgerechte Haltung nach.

Die erweisen sich oft als haltlos. Etwa das Gerücht, eine Pizzeria im Vogelsberg besitze ein Krokodil. Es stellte sich heraus, dass eine armlange Echse - eine Bartagame - aus der Nachbarschaft ausgebüxt war und sich vor der Gaststätte gesonnt hatte.

Ihrem Beruf verdankt die 63-Jährige, dass sie eine aus den Augen verlorene Verwandte wiedergefunden hat. Die Cousine zweiten Grades, die nach der Heirat einen neuen Namen trug, züchtet Schildkröten.

Mit Gießen hat sich Vahrenkamp längst versöhnt. Sie hat sich gewöhnt an die "schwerfälligere Mentalität" im Vergleich mit den lebenslustigen, offenen Rheinhessen. Und: "Die Stadt hat sich sehr zum Positiven verändert. Früher gab es zum Beispiel kaum einen Platz, an dem man an der Lahn schön sitzen konnte." Mit ihrem Ehemann, den sie Ende der Neunzigerjahre kennengelernt hat - "die Liebe meines Lebens" -, wohnt sie in Wißmar. Mit ihm teilt sie die Hobbys Fotografie und Reisen, das politische Interesse und die Liebe zu Nordfriesland. Jeden Winter macht das Paar Urlaub bei Husum und liebäugelt damit, sich dort einen Zweitwohnsitz zuzulegen - in zwei Jahren, wenn Vahrenkamp in den Ruhestand gehen will.

Dafür hat sie viele Ideen. Sie möchte sich stärker dem Spitzenklöppeln widmen, "mir wieder einen schönen Chor suchen" und ihren Leidenschaften treu bleiben. In der Gewerkschaft wird sie vermutlich ehrenamtlich aktiv bleiben und die Kamera statt auf streikende Angestellte häufiger auf die Natur richten. Weil sie die Arten kennt, "erzählt die Landschaft mir Geschichten". Allerdings ist das Zuhören kein reines Vergnügen, gerade wegen ihres Wissens. "Ich sehe, was kaputtgeht."

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