Dirk Hörnle in seinem Reich. Als Comic-Dealer versorgt er die Gießener seit drei Jahrzehnten mit Micky Maus, Superman und Co.
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Dirk Hörnle in seinem Reich. Als Comic-Dealer versorgt er die Gießener seit drei Jahrzehnten mit Micky Maus, Superman und Co.

Superhelden in der Walltorstraße

»Comic-Dealer« in Gießen: »Im Grunde sind wir wie eine kleine Familie«

  • Christoph Hoffmann
    VonChristoph Hoffmann
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Seit 30 Jahren bringt Dirk Hörnle Superhelden in die Stadt. Der Betreiber des Comicladens in der Walltorstraße hat schon Generationen von Gießenern mit ihren Lieblingsheften versorgt. Für den 57-Jährigen ist der Laden aber mehr als nur Broterwerb. Seine Kunden sind so etwas wie seine Familie. Und die steht auch in schweren Zeiten zusammen.

Gießen – Dirk Hörnle weiß es ja selbst: Die Tapeten in seinem Comicladen haben schon bessere Zeiten erlebt. Durch den Rauch Tausender Zigaretten haben die Wände einen Farbton angenommen, der an die Schnäbel aus Entenhausen erinnert. Und das restliche Mobiliar? »Das Ambiente ist schon sehr gebraucht, und die Walltorstraße ist auch nicht gerade die sauberste«, formuliert es Hörnle. Aber das ist für die wenigsten Menschen ein Grund, nach dem Betreten des Geschäfts gleich kehrt zu machen. Im Gegenteil: Für viele Stammkunden macht der Zustand der Räume den Charme aus, für sie ist der Comicladen so etwas wie ein zweites Wohnzimmer - und Hörnle nicht nur der Dealer, der sie mit Superhelden-Stoff versorgt, sondern auch Freund, »Opi« oder Therapeut.

Hörnle ist in Gießen geboren. Als er sechs Jahre alt war, zog die Familie nach Heuchelheim. Ein guter Ort um aufzuwachsen, wie Hörnle findet. »Ich mag das Dörfliche.« Außerdem hatte Heuchelheim alles, was dem Jungen wichtig war: Ein Kiosk mit ordentlichem Comic-Angebot und eine Videothek. Beide Genres sollten ihn sein Leben lang begleiten.

Gießener „Comic-Dealer“: Alles hat mit Micky Maus angefangen

»Der Kiosk in Heuchelheim war nicht weit von meinem Zuhause entfernt. Er hatte eine gute Auswahl, ich war permanent da«, erzählt Hörnle. Natürlich habe es mit Micky Maus angefangen, aber auch Superhelden hätte er früh für sich entdeckt. Bei seinen Großeltern habe er zudem in alten Asterix- sowie Tim-und-Struppi-Heften gelesen. »Da war meine Leidenschaft entfacht.«

Der Schulhof wurde schnell zum zentralen Umschlagplatz, mit seinen Freunden tauschte er die Hefte. »Ich bin zudem regelmäßig mit der Linie 4 nach Gießen gefahren. Auf dem Kinderflohmarkt im Theaterpark konnte man für kleines Geld gute Sachen kaufen.« Auch die Bahnhofsbuchhandlung war ein zentraler Ort für junge Comicfans aus Gießen und Umgebung. »Die hatten echt eine Menge Auswahl und wurden früher beliefert. Außerdem hatten sie auch englische Exemplare.«

Aus dem Jungen wurde ein junger Erwachsener. Doch die Leidenschaft ging nicht verloren. Sie sollte aber zunächst Hobby bleiben. Nach dem Realschulabschluss an der Herderschule und seiner Zeit bei der Bundeswehr versuchte Hörnle, die Fachoberschule nachzuholen. »Das war aber nicht mein Ding«, sagt er rückblickend, »nach einem Jahr habe ich geschmissen.«

Gießener „Comic-Dealer“: Von der Videothek zum Comicladen in der Walltorstraße

Zu jener Zeit war Hörnle schon viele Jahre Stammkunde in der Heuchelheimer Videothek. Bereits als Kind habe er dort häufig Filme ausgeliehen, sagt er, und in den Gießener Kinos habe er ebenfalls häufig gesessen. »Damals gab es ja nur drei Programme. Durch Kino und Videotheken habe ich eine ganz neue Welt entdeckt.« Somit wurde Hörnle mit den Jahren zu einem Cineasten. Von seinem Wissen profitierte auch der Heuchelheimer Videothek-Betreiber. »Ich habe ihn ab und zu beraten, welche Filme er kaufen sollte und welche nicht.« Dazu muss man wissen, dass die damaligen Leih-Kassetten gut und gerne 300 DM gekostet haben.

Die Beratung kam offenbar gut an, irgendwann fragte der Besitzer, ob Hörnle nicht mit ihm zusammen eine Videothek eröffnen wolle. Es war die goldene Zeit der Videotheken. Das Privatfernsehen steckte noch in den Kinderschuhen, DVDs und Blu-rays gab es nicht, Streamingdienste schienen wie eine Idee aus einem Science-Fiction-Streifen. Und so eröffneten die beiden zwei Videotheken, eine in der Gießener Neustadt und eine in Wißmar.

Doch die goldenen Zeiten verloren ihren Glanz. »Irgendwann kamen die ersten großen Ketten«, sagt Hörnle. Die Filiale in Gießen machte er dicht, jene in Wißmar betrieb er weiter. Allerdings mit weniger Begeisterung als am Anfang. 1990 entschloss er sich, den Comicladen in der Walltorstraße zu eröffnen. Inzwischen ist die Ära der Videotheken längst beendet, der Comic-Dealer erfreut sich seit 30 Jahren großer Beliebtheit.

Gießener Comicladen: Mehr als nur ein Comic-Verkäufer

Während Hörnle von den rund 6000 Comics aus seiner privaten Sammlung spricht, schlendert Cüzef durch den Laden. Cüzef ist 43 Jahre alt, Vater zweier Kinder und überzeugter Comic-Fan. »Ich bin Kunde der ersten Stunde und komme seit 30 Jahren.« Man merkt, dass Cüzef und Hörnle mehr sind als Kunde und Verkäufer. Die beiden lachen viel, verstehen sich gut.

»Das ist hier oft so«, sagt Hörnle, »im Grunde sind wir wie eine kleine Familie.« Einige nennen den Comic-Dealer liebevoll »Opi«. Kein Wunder: Manche Kunden kennt er noch aus Kindertagen, inzwischen kommt deren Nachwuchs in den Laden. »Das erste Auto, die erste Liebe, Hochzeit, Scheidung: Ich habe alles miterlebt, auch Schicksalsschläge«, sagt Hörnle und fügt etwas nachdenklich an: »Einige Kunden hat man in der Zeit auch verloren.« Hörnle ist daher auch so etwas wie ein Psychologe. Gleichzeitig hat ihn die treue Kundschaft durch schwere Zeiten getragen, zum Beispiel auch durch die Corona-Krise.

Neben vielen Stammgästen gibt es auch immer wieder neue. Das liegt nicht zuletzt an den vielen Comic-Verfilmungen, die seit Jahren Kinos fluten. »Wenn ich mittags aufmache, steht schon meist eine Traube Schüler vor der Tür.«

„Comic-Dealer“ in Gießen hätte gerne einen größeren Laden – aber mit Charakter

Der Comic-Dealer und seine Superhelden scheinen etwas gemeinsam zu haben: Sie altern nicht. Obwohl Hörnle stramm auf die 60 zugeht, sind Filme und Comics noch immer seine größte Leidenschaft. Er zockt auch gerne auf Spielkonsolen, neuerdings sogar mit einer Virtual-Reality-Brille. »Ja, ich bin jung geblieben«, sagt Hörnle, »mit den Leben meiner alten Schulkameraden kann ich mich nicht identifizieren.« Das habe natürlich damit zu tun, dass er selber keine Kinder habe. »Auf der anderen Seite sind meine Kunden so etwas wie meine Kinder.«

Und die müssen sich keine große Sorgen machen, dass Hörnle seinen Beruf in allzu naher Zukunft aufgibt. »Ein paar Jahre will ich noch machen«, sagt er. Ob das weiterhin in der Walltorstraße sein wird, ist jedoch ungewiss. Hörnle hätte gerne einen etwas größeren Laden, damit sich die vielen Kunden beim Blättern in den Tausenden Comics nicht zu sehr auf den Füßen stehen. »Ich weiß, dass die Gefahr besteht, dass dadurch der Charakter verloren geht«, sagt Hörnle beim Blick auf die vergilbten Tapeten. Dann lacht er: »Aber vielleicht schaffe ich es ja, dass es im neuen Laden bald genauso aussieht wie hier.«

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