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Der Entwurf zeigt eine Wohnanlage, die auf einer Fläche in der Johannette-Lein-Gasse entstehen könnte, wo sich jetzt ein Parkplatz befindet. ENTWURF: PM

Cluster-Wohnen als Zukunftsmodell

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In der eigenen Wohnung leben, aber auch Räume mit anderen gemeinsam nutzen - darum geht es beim »Cluster-Wohnen«. Wie das konkret in Gießen aussehen könnte, zeigt ein Projekt der TH Mittelhessen an zwei Beispielen.

Mit zwei innerstädtischen Quartieren in Gießen befassten sich Entwürfe von Masterstudenten der Architektur am Fachbereich Bauwesen. Prof. Nikolaus Zieske, der das Fachgebiet Bauen im Bestand vertritt, hatte gemeinsam mit der Wissenschaftlichen Mitarbeiterin Ulrike Wassermann zwei Aufgaben herausgegeben, die zur Auseinandersetzung mit dem Cluster-Wohnen aufforderten. Mit dieser neuartigen Form des gemeinschaftlichen Wohnens sollen attraktive Wohnmöglichkeiten geschaffen und gleichzeitig der Flächenbedarf für das Wohnen in Grenzen gehalten werden.

Die Wohnfläche pro Person steigt in Deutschland kontinuierlich. Waren es 1990 noch 35 Quadratmeter pro Einwohner, so sind es heute bereits 47. Prognosen erwarten für 2030 einen Flächenbedarf von 55 Quadratmetern. Besonders hoch sind die Zahlen bei Einpersonenhaushalten, die aktuell etwa 68 Quadratmeter beanspruchen.

Schrumpfende Flächen- und Baustoffressourcen machten es nötig, die vorhandenen Wohnformen zu überdenken, so Zieske. Mit Cluster-Wohnungen könnte der Flächenbedarf für Single-Haushalte, deren Anteil immer mehr zunimmt, reduziert werden. Sie bestehen aus einer Reihe privater Wohneinheiten und Gemeinschaftsräumen, die daran anschließen. Sie machen selbstorganisiertes Zusammenleben möglich, das zugleich ein hohes Maß an Autonomie aufweist, erläutert Ulrike Wassermann.

Zwei Areale in Gießen waren für die Planungen vorgesehen. Beide sind aktuell Parkplätze, die - so die These - in Zukunft nicht mehr gebraucht werden, und bieten die Chance, attraktive Wohnungen in der Gießener Innenstadt zu schaffen.

Mit einem Gelände in der Johannette-Lein-Gasse zwischen Pauls Platz und Bahnhofstraße beschäftigten sich 24 Studentinnen und Studenten in ihren Masterarbeiten. Die im zweiten Weltkrieg entstandene Brache wird zurzeit als Parkplatz genutzt. Die Entwürfe sollten fünf Cluster-Wohnungen und zwei konventionelle Wohnungen enthalten. Ebenfalls vorzusehen waren anmietbare Flächen für Gewerberäume und Coworking-Spaces im Erdgeschoss.

Relativ geringer Raumbedarf

»Die besten Beiträge dominieren den Ort mit einer eigenständigen zeitgenössischen Architektursprache und klären dadurch die Atmosphäre des hinterhofartigen Quartiers«, resümieren Wassermann und Zieske. Der Raumbedarf pro Person liegt bei den Entwürfen etwa zehn Quadratmeter unter dem bundesdeutschen Durchschnitt für Single-Haushalte.

Die Baulücke in der Wetzsteinstraße zwischen der Max-Weber-Schule und einem späthistorizistischem Haus, das heute die Gaststätte »Quantum« beherbergt, bearbeiteten Studenten im Masterkurs Entwerfen. Beide Gebäude stehen unter Denkmalschutz. Hier sollten ebenfalls Cluster-Wohnungen, konventionelle Wohnungen und anmietbare Räume geplant werden. In den 14 eingereichten Entwürfen lag der Flächenbedarf pro Person bei 47 Quadratmetern, 20 Quadratmeter unter dem aktuellen Durchschnittsbedarf eines Einpersonenhaushalts. »Die architektonische Ausformulierung reicht von einer Übersetzung historischer Vorbilder bis zu einer Großform, die sich dennoch selbstverständlich in das Quartiersensemble einfügt. Die meisten Entwurfsverfasser haben sich für den Werkstoff Ziegelstein für die Gestaltung der Fassaden entschieden und damit ein eindeutiges Bekenntnis zu der Fassadengestaltung der historischen Gebäude in der Wetzsteinstraße abgegeben«, heißt es in der Beurteilung der Aufgabensteller. Grundstücksparzellengrenzen und Eigentumsverhältnisse habe man jeweils unberücksichtigt gelassen. Es sei darum gegangen, zu zeigen, welch großes Potenzial zur Nachverdichtung und Schaffung von attraktivem innerstädtischen Wohnraum es an diesen Orten gebe.

Leben jenseits der »Kernfamilie«

Nikolaus Zieske und Ulrike Wassermann wissen, dass das Cluster-Wohnen »nicht alle wohnungspolitischen und klimatischen Probleme lösen kann«. Es stelle jedoch eine Alternative zu den tradierten Wohnformen dar und sei vor allem für Menschen geeignet, die versuchen, jenseits der »Kernfamilie« ein selbstbestimmtes Leben in Gemeinschaft zu verwirklichen. Deshalb sei es erstrebenswert, dass sich das Cluster-Wohnen von einzelnen Pilotprojekten hin zu einer etablierten Wohnform entwickele, denn es erreiche alle Bevölkerungs- und Altersgruppen und sei auch für Inklusion geeignet.

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