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Die Aussagen von Mathias B. gelten als wichtiger Beitrag zur Aufklärung der Strukturen von Chemical Revolution.

Justiz

Chemical-Revolution-Prozess in Gießen: Weitere Verhandlungstermine geplant

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Im Chemical-Revolution-Prozess am Landgericht Gießen ist ein Ende nicht in Sicht. Nun ging es um die Frage, wie wichtig die Aussagen zweier mutmaßlicher Mittäter fürs BKA waren.

Seit August 2020 läuft am Landgericht Gießen der Prozess gegen die mutmaßlichen Köpfe von Deutschlands größtem Onlinehandel für Drogen. Zuerst wurde ein Urteil in Sachen »Chemical Revolution« noch im vergangenen Jahr erwartet. Doch bereits im November war klar, dass das ambitionierte Ziel nicht erreicht werden kann; der Prozess wurde bis Ende April verlängert. Wie die Pressestelle des Landgerichts auf Anfrage bestätigt, wird das Verfahren auch dann nicht abgeschlossen sein. Nun werden weitere Verhandlungstermine mit allen Beteiligten abgesprochen.

Immerhin sind es sieben Männer im Alter von 25 und 45 Jahren, denen der Prozess gemacht wird - und die jeweils von zwei Anwälten vertreten werden. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wirft den Angeklagten bandenmäßig unerlaubten Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge vor. Der Strafrahmen liegt zwischen fünf und 15 Jahren. Die Männer sollen in eineinhalb Jahren etwa 1 Million Euro in Bitcoins erlangt haben.

Am vergangenen Verhandlungstag hatte sich der Hauptangeklagte als letzter zur Sache eingelassen. Er gab seine Beteiligung zu, betonte aber, nicht der alleinige Kopf der Gruppe gewesen zu sein. Er machte Hinweise zum Programmierer der Internetseite von Chemical Revolution sowie zu zwei stillen Teilhabern. Am gestrigen Freitag war erwartet worden, dass er Angaben zu seiner Person macht. Weil seine beiden Verteidiger verhindert waren, kam ein Pflichtverteidiger zum Einsatz - und Daniel B. schwieg.

Richter Dr. Klaus Bergmann wollte den Prozesstag aber nicht ungenutzt lassen und hatte kurzfristig eine »Allzweckwaffe« eingeladen: Ein BKA-Beamter, der federführend an den Ermittlungen beteiligt war, war bereits mehrfach im Zuge der Verhandlung befragt worden. Am gestrigen Freitag nahm er unter anderem Stellung zur Wertigkeit der Aussagen zweier Mitgliedern der Gruppe.

Chemical-Revolution-Prozess in Gießen: BKA hält Aussagen für hilfreich

Da wäre zum Beispiel Matthias B. Der 30 Jahre alte Deutsche war dafür zuständig, die Drogen zu verpacken und zu verschicken. Dafür hatte er unter anderem in Ortenberg eine Ferienwohnung angemietet. »War schön dort«, sagt Matthias B. Er war bereits zuvor mit Haftbefehl gesucht worden, weil er als Paketfahrer Waren abgefangen und verkauft hatte. Als die Polizei ihn bei Potsdam festnahm, ahnte noch niemand etwas von seinen Verwicklungen im groß aufgezogenen Drogenhandel. Das BKA war zu dieser Zeit der Gruppe auf der Spur - stand aber noch am Anfang. Weil Matthias B. sein Gewissen erleichtern wollte und auf eine Haftzeitverkürzung gehofft hatte, packte er aus. Der 25 Jahre alte BKA-Beamte sagt: »Er hat damit die Sache maßgeblich ins Rollen gebracht.«

Auch Arkadiusz D., ein Niederländer polnischer Herkunft, hatte seine erste Aussage im Zuge einer anderen Ermittlung gemacht: Es ging um Betrügereien mit nicht existierenden Ferienwohnungen, mit denen er und ein »Joko« viel Geld verdient hatten. Nach seiner Festnahme habe Arkadiusz D in diesem Zuge »umfangreiche Angaben in mehreren Vernehmungen«, gemacht, sagt der BKA-Ermittler. Seine Angaben auch zu »Joko« - dabei soll es sich um Daniel B. handeln - hätten ebenso gepasst wie zu den anderen Beteiligten. »Also waren die Angaben sehr wertvoll.«

Manche Verteidiger sehen das anders - das müssen sie, weil der 30 Jahre alte Mann ihre Mandanten schwer belastet. Frank Richtberg zum Beispiel hatte zu einem früheren Zeitpunkt der Verhandlung Arkadiusz D. bezichtigt, gerne »Geschichten« zu erzählen. Und als der 30-Jährige am vergangenen Prozesstag in einer Stellungnahme davon berichtete, dass ein Mitangeklagter ihn beim Verkauf seiner Autos betrogen habe, er für das BKA »gearbeitet« habe, von Unbekannten observiert und zum eigenen Schutz mit einem gepanzerten Fahrzeug unterwegs gewesen sei, schlagen seine alten Partner lachend die Hände vors Gesicht.

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