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Der Hauptangeklagte Daniel B. wird in Handschellen in die Kongresshalle geführt, in der der Chemical-Revolution-Prozess stattfindet.

Landgericht

Chemical-Revolution-Prozess in Gießen: Hauptangeklagter schildert Drogenkonsum seit früher Jugend

  • Kays Al-Khanak
    VonKays Al-Khanak
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Der Hauptangeklagte im Chemical-Revolution-Prozess in Gießen hat Einblick in sein Leben gegeben. Von einem Mann, für den es wohl lange keine Grenzen gab - und keine Regeln.

Grenzen scheint es für Daniel B. bisher wenige gegeben zu haben. Wann immer er mit einem Vorhaben scheiterte, versuchte er etwas Neues. Gleichzeitig haben Regeln für den mittlerweile 28 Jahre alten Deutschen wohl keine große Rolle gespielt. Das hat dazu geführt, dass er in Untersuchungshaft sitzt und sich seit August 2020 als mutmaßlicher Kopf von Deutschlands größtem Drogenhandel im Internet, Chemical Revolution, vor dem Landgericht Gießen verantworten muss.

Chemical Revolution: Gras mit 14, Kokain mit 16 konsumiert

An einem der vorangegangenen Verhandlungstage hatte Daniel B. zugegeben, einer von sieben Männern zwischen 25 und 45 Jahren zu sein, die mit dem Online-Drogenshop in eineinhalb Jahren etwa eine Million Euro in der Kryptowährung Bitcoin erlangt haben. Der Kopf der Gruppe will er nicht gewesen sein. Die Generalstaatsanwaltschaft Frankfurt wirft den Angeklagten bandenmäßig unerlaubten Handel mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge vor. Der Strafrahmen liegt zwischen fünf und 15 Jahren.

Am Donnerstag hat Daniel B. Angaben zu seiner Person gemacht. Es ist üblich, dass sich Angeklagte nicht nur zu den Tatvorwürfen äußern. Die Angaben sind für das Gericht bedeutsam, um Angeklagte besser kennenzulernen. Diese Angaben können für die Strafzumessung eine Rolle spielen.

Drogen spielen im Leben des aus Bayern stammenden Daniel B. eine wichtige Rolle. Zu seinem 14. Geburtstag habe er von einem Freund Cannabis geschenkt bekommen. Kokain nehme er seit dem 16. Lebensjahr. Mit 17 habe er davon eine größere Menge gekauft, um diese wieder zu verkaufen. Er habe das Koks dann lieber selbst konsumiert. Seine damalige Freundin, die er später heiratete und von der er mittlerweile geschieden ist, habe seinen Kokskonsum bemerkt und seine Eltern informiert. »Die waren nicht erfreut«, sagt Daniel B. über seinen Vater und seine Mutter, zu denen er ein gutes Verhältnis habe. Sie hätten ihn täglich einen Drogentest machen lassen. Den habe er gefälscht - und weiterhin konsumiert. Später habe er so gut wie jede Droge außer Heroin oder Crystal Meth probiert. Er sei dann bei Kokain geblieben und habe dies »bis zum Ende durchgezogen«.

Chemical Revolution: Hauptangeklagter schweigt zu Finanzen

Mit 14 oder 15 Jahren habe er derart viel getrunken, dass ihn seine Eltern regungslos auf der Straße gefunden hätten. Er sei »eingesperrt« worden, habe »Hausarrest« bekommen. Aber genützt hat es nichts. Daniel B. über seine späteren Trinkgewohnheiten : »Ich war nicht immer betrunken, trank aber jeden Tag eine Flasche Wein.«

Der Drogenkonsum hatte Folgen: Das Gymnasium habe er ebenso abgebrochen wie die Fachoberschule. Auf die Frage von Richter Dr. Dominik Balzer, ob er sich als eine gescheiterte Existenz sehe, verneint Daniel B. pikiert wie energisch. Wer scheitere, stehe auch wieder auf, sagt er selbstbewusst. Das scheint Daniel B. generell zu sein: So sagt er zum Beispiel, er mache keine Rechtschreibfehler. Und bei einer technischen Frage zu Bitcoins vermutet er, dass ihm die Zuhörer inhaltlich sowieso nicht folgen könnten.

Daniel B. nahm später nach eigenen Angaben einen Kredit in Höhe von bis zu 60 000 Euro auf, um eine Pilotenausbildung zu machen; davon habe er 45 000 Euro noch nicht zurückgezahlt. Die zwei Jahre lange Ausbildung habe er als jüngster Absolvent in eineinhalb Jahren erfolgreich abgeschlossen. Er sei nach Berlin gezogen, um Pilot bei einer Privatjet-Firma zu werden. Sein Großvater habe dort eine Maschine besessen, schildert er. Jedoch habe er dann lieber ein Startup gegründet: Er wollte ein Geschicklichkeitsspiel als App entwickeln. Doch trotz des Investments eines Fußballspielers aus Österreich sei die Firma insolvent gegangen. Stattdessen habe er in Berlin »Party gemacht« und gekokst.

Chemical Revolution: Drogenpartys in Szenebar auf Mallorca

Später sei er zusammen mit seiner heutigen Ex-Frau nach Spanien gezogen, um sich dort um das Ferienhaus ihrer Großeltern zu kümmern. Nach der Trennung sei er zurück nach Deutschland gezogen - und dann mit seiner Verlobten Anfang 2019 nach Mallorca. Gelebt hätten sie in einem Haus, das 8000 Euro im Monat gekostet habe, vorfinanziert für ein Jahr. Wer das gezahlt hat? Dazu schweigt Daniel B.. Auf Mallorca sei sein Kokainkonsum exzessiv gewesen - zum Beispiel regelmäßig in einer Bar eines Deutschen, in der die High Society der Insel verkehrt habe.

Wie er sich das alles habe leisten können, fragt ihn Richter Alexander Schmitt-Kästner noch einmal. Daniel B. erzählt eher widerwillig von seinem Großvater, zu dem es vor seiner Berliner Zeit keinen Kontakt gegeben habe. Der soll ihm einen »fünfstelligen Betrag« geschenkt haben. Als Schmitt-Kästner weiterbohrt, greift der Anwalt von Daniel B., Till Gutsche, ein. Der Großvater sei ein »Tabuthema«, mehr werde sein Mandant nicht sagen. Ebenso werde Daniel B. keine Aussage darüber treffen, wie er in dieser Zeit seinen Lebensunterhalt bestritten habe. Schmitt-Kästner will das so nicht stehen lassen und ergänzt deutlich zu hören: »Also nicht legal.«

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