Chefarzt Muhrer verlässt nach 22 Jahren das "EV"

Gießen (pd). Eigentlich stehen gar keine Termine mehr auf dem Plan. Doch zwei Tage vor seinem Abschied gibt es für den Chirurgie-Chef noch einmal Arbeit im OP.

"Der Patient wollte unbedingt von mir persönlich operiert werden", sagt Prof. Karl-Heinz Muhrer fast entschuldigend. Die Situation ist bezeichnend für den Ärztlichen Direktor und Leiter der chirurgischen Abteilung des Evangelischen Krankenhauses. Wenn es um das Wohl der ihm anvertrauten Menschen geht, ist er bereit. Am Freitag hat der Chirurg nach 22 Jahren am EV "Adieu" gesagt: Seinem ärztlichen Team, den Schwestern, den Mitarbeitern – und den Patienten.

An seine ersten medizinischen Gehversuche kann sich der Franke, der in Hessen – und speziell in Staufenberg – längst heimisch geworden ist, sehr gut erinnern. Muhrer hatte an der Universität Erlangen Medizin studiert. Der Weg vom Frankenland nach Gießen führte über Prof. Konrad Schwemmle. Der Leitende Oberarzt der chirurgischen Universitätsklinik Erlangen hatte 1975 einen Ruf nach Gießen erhalten, wo er die Nachfolge des legendären Prof. Karl Vossschulte antrat. Schwemmle durfte vier Chirurgen seines Vertrauens mitnehmen an die Justus-Liebig-Universität. Karl-Heinz Muhrer war der jüngste dieses Quartetts.

Vor dem jungen Mann lagen damals "viel Arbeit und viel Wissenschaft", wie er es im Gespräch mit der Gießener Allgemeinen Zeitung formuliert. Talent, Interesse an der chirurgischen Ausbildung sowie der Wunsch, "das in mich gesetzte Vertrauen zu rechtfertigen", blieben nicht unbemerkt am Klinikum. Muhrer erwarb Zusatzbezeichnungen in Unfallchirurgie, Kinderchirurgie und Thoraxchirurgie, schloss 1982 seine Facharztausbildung und Habilitation ab. Zuletzt war er als Leitender Oberarzt der Klinik für Allgemein- und Thoraxchirurgie tätig, ehe er am 1. Mai 1991 nach dem Ausscheiden von Prof. Erich Wagner als Chefarzt die chirurgische Abteilung des Evangelischen Krankenhauses übernahm. "Ich erhielt damals die Möglichkeit, die Chirurgie und das gesamte Haus zu prägen", erinnert er sich an die Anfänge im EV auf der Hardt. Muhrer erwarb sich vor allem als Bauchchirurg einen hervorragenden Ruf, führte Neuerungen wie die Klammernahttechnik ein und war maßgeblich daran beteiligt, dass die minimal-invasive Chirurgie schnell im Evangelischen Krankenhaus etabliert wurde.

Was ist das Beste für den Patienten?

Entscheidenden Anteil hatte der Chirurgie-Chef, der 1994 zum Ärztlichen Direktor berufen wurde, auch daran, dass das EV in jenem Jahr den Rang eines Akademischen Lehrkrankenhauses erhielt. Muhrer erkannte früh die Bedeutung des ambulanten Operierens und schuf in seinem Haus entsprechende Voraussetzungen. Unter seiner Leitung gab es mehr Operationen, gleichzeitig sank die Liegezeit der Patienten. Dafür wurden zusätzliche Fachabteilungen geschaffen, etwa die plastische Chirurgie. Viel Wert legt der Chefarzt auf die Nachwuchsförderung. "Die Arbeit mit jungen Ärzten hat mir sehr viel Freude gemacht", blickt er zurück. Das beruht offenbar auf Gegenseitigkeit, schließlich gab es im EV nie Probleme damit, den chirurgischen Nachwuchs an das Haus zu binden. Das dürfte nicht zuletzt an der kollegialen Art des Chefarztes liegen. "Die Zeit der Halbgötter in Weiß ist vorbei", so Muhrer. Vorübergehen wird nach seiner Überzeugung auch das Zeitalter der Ökonomisierung. "Dass man versucht, mit Krankenhäusern Geld zu verdienen", ist in seinen Augen eine schlechte Entwicklung. "Die Indikationsstellung muss stimmen", sie dürfe nicht aus Erlösgründen verändert werden.

Die Grundfrage sollte stets lauten: Was ist das Beste für den Patienten? Gleichwohl müsse ein Krankenhaus die Zeichen der Zeit erkennen. So habe er den Beitritt zum Agaplesion-Verbund – der Krankenhauskonzern ist seit 2008 zusätzlicher Träger des EV – "sehr befürwortet". Als weitere Beispiele für die Entwicklung des Hauses nennt er die Einweihung des Fachärztezentrums 2010 und das in Planung befindliche Hospizhaus Samaria.

Malerei und das Faible für Japan

Keinen Hehl macht Prof. Muhrer aus der Tatsache, dass ihm der Abschied von der Chirurgie und seinen Patienten schwerfällt. Dabei denkt er an viele Momente, in denen schwerwiegende Entscheidungen getroffen werden mussten, "die einem niemand abnimmt". Gerade bei großen Tumoroperationen habe er oft am OP-Tisch abwägen müssen, was machbar, notwendig und was dem Patienten zumutbar ist. "Wenn man das hinkriegt, ist man stolz", sagt einer, für den der Mensch immer im Mittelpunkt stand – und weiter steht.

Im "neuen Zeitabschnitt", wie Muhrer die Zeit nach dem Evangelischen Krankenhaus nennt, warten etliche Hobbys und Interessen, die in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen sind. Da ist die Malerei, die "lange geruht hat", da sind die Reisen mit seiner Frau Andrea – für Juni ist ein Besuch in Rom gebucht. Und da ist ein großer Garten mit englischen Ausmaßen und japanischem Flair, den Karl-Heinz Muhrer, der im Juli seinen 65. Geburtstag feiert, "richtig gestalten" möchte. "Japanische Gärten strahlen viel Ruhe aus" freut sich der Mann, der auf seinem Grundstück einen echten Koi-Teich hat. Sein Faible für das Land der aufgehenden Sonne geht zurück auf das Jahr 1977, als der junge Assistenzarzt ein Referat auf einem internationalen Chirurgenkongress in Kyoto hielt. Im Lauf der Jahre sollten noch viele Vorträge und Publikationen folgen. Nicht zuletzt freut sich der Franke, der in der Nähe von Nürnberg aufgewachsen ist, wenn der "Club", wie man den 1. FC Nürnberg in Fußballerkreisen nennt, in der Bundesliga gewinnt.

Dass medizinische Themen im Hause Muhrer auch künftig nicht tabu sein werden, dafür stehen die beiden Kinder des scheidenden Ärztlichen Direktors. Tochter Nicole ist Krankenschwester im EV, Sohn Dominik absolviert als Arzt derzeit seine chirurgische Ausbildung am Universitätsklinikum Gießen und Marburg bei Prof. Winfried Padberg.

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