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Trotz Corona und Energiekrise: Chancen fürs Nachtleben in Gießen - „Wir sind kein Luftkurort“

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Von: Kays Al-Khanak

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Bars und Clubs kämpfen auch in Gießen um ihre Existenz. (Archivbild) © Oliver Schepp

Bars und Clubs müssen momentan schwere Zeiten überstehen. Die Stadt Gießen will das Nachtleben nun langfristig stärken. Doch die Clubszene ist skeptisch.

Gießen – Richtig gute Partys leben von der Unberechenbarkeit und der Spontanität. In diesem Zusammenhang klingt ein Nachtbürgermeister und die Überarbeitung des Vergnügungsstättenkonzepts nicht sonderlich sexy. Doch die Gießener Kommunalpolitik erhofft sich davon, das Nachtleben und die dort aktiven Protagonisten zu stärken. Das ist angesichts der brutalen Durststrecke durch die Corona-Pandemie und die steigenden Energiekosten bitter nötig. Im Ausschuss für Schule, Bildung, Demokratieförderung, Kultur und Sport gab Oberbürgermeister Frank-Tilo Becher am Donnerstagabend im Rathaus einen Zwischenbericht zu den beiden Punkten.

Arbeitsplätze, Schulen, Kitas, Sehenswürdigkeiten und Ausflugsziele sind Standortfaktoren für eine Stadt - aber eben auch das Kulturleben. Dazu gehören zum Beispiel Konzerte quer durch die Genres. So wurden in diesem Jahr die Gießener mit qualitativ hochwertigen Festivals verwöhnt. Es geht aber auch um das Nachtleben in Clubs und um Orte, an denen Feiernde spontan zusammenkommen können - gerade in einer so jungen Stadt wie Gießen. Gleichzeitig hatten im Sommer die aus dem Ruder gelaufenen Partys vor dem Uni-Hauptgebäude an der Ludwigstraße für eine Debatte gesorgt, wann Feiern zur Belastung wird. Für die Anwohner - oder für die, die hinterher wortwörtlich die Scherben aufsammeln müssen. Deshalb will die Stadtpolitik im Dialog mit allen Beteiligten den Interessen von Anwohnern, Städtebau und Club- sowie Barbesitzern Rechnung tragen.

Wie Becher sagte, sei der Prozess mit einem Treffen von Clubbesitzern, Gastronomen, Veranstaltern, DJ-Kollektiven, Hochschulen, Studierendenvertretungen, BIDs, Stadtverordneten, Stadträten und Mitarbeitern der Verwaltung gestartet worden. Dort sollten der Status quo sowie die Herausforderungen definiert und Perspektiven sowie erste Lösungsansätze erarbeitet werden. Es ging also vorerst um eine Standortbestimmung. Dieser direkte Austausch soll fortgesetzt werden, sagte der OB. In den folgenden Workshops werde es dann separat um Clubs, Feiern im Freien, Nutzungskonflikte und den Nachtbürgermeister gehen. Weil in diesem Prozess Wert darauf gelegt wird, dass sich die Betroffenen daran beteiligen, brauche es Zeit - mehr, als in dem im April beschlossenen Antrag vorgesehen war. Anstatt bis zum Jahresende ein Ergebnis vorzulegen, sei dies erst im Laufe des kommenden Jahres möglich, sagte Becher. Das Vorgehen, betonte der OB, sei jedoch »sinnvoll und zielführend«.

Zahlreiche Clubs haben in den vergangenen Jahren in Gießen ihre Tore geschlossen. Nun soll eine Änderung die Ansiedlung neuer „Tanzlokale“ begünstigen.

Chancen für Bars und Clubs in Gießen, aber Probleme mit Anwohnern

Einbezogen werden soll in diesen Prozess auch das Vergnügungsstättenkonzept. In der geplanten Workshop-Reihe sollen laut Becher Ziele klarer definiert und anschließend passende Instrumente gesucht werden, um das Konzept dem Bedarf anzupassen. Die Vorschläge dazu sollen jedoch erst nach Ende des Dialogs zwischen Beteiligten vorgestellt werden. Becher betonte jedoch, dass das Vergnügungsstättenkonzept als informelle Planung gegenüber den Clubbesitzern »kaum einen wirksamen Rechtscharakter entfaltet«; stattdessen gebe es durch die Baunutzungsverordnung klare Regeln. Der OB verwies darauf, dass Clubbetreiber Regelwerke wie das Vergnügungsstättenkonzept nicht als Hindernisse fürs Nachtleben ansehen. Es gehe ihnen eher um die Frage, wie ein wirtschaftlicher Betrieb möglich sei.

Grundsätzlich, sagt Ulenspiegel-Betreiber Tobias Bach, sieht er den angestoßenen Dialog positiv. Ein Nachtbürgermeister oder ein Konzept änderten aber nichts am Hauptproblem für Clubbesitzer in der Innenstadt: »Es sind immer dieselben, wenigen Menschen, die sich wegen der Lautstärke beschweren«, sagt er. Es habe den Anschein, dass die Stadt diesen nicht auf die Füße treten wolle. Deshalb seien die Verantwortlichen zu vorsichtig, Veranstaltungen zu erlauben, die draußen und über 22 Uhr hinaus stattfinden. Bach nennt das Scarabée oder das mittlerweile geschlossene Haarlem, das unter Problemen mit Anwohnern leide. Gerade diese Einschränkungen seien es, die einen Bar- und Clubbetrieb in der Innenstadt erschwerten. Für Bach ist aber gerade das Nachtleben ein zentraler Standortfaktor: »Wir sind kein Luftkurort, sondern eine Studentenstadt.« (Kays Al-Khanak)

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