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Von Haustür zu Haustür im Sandfeld: Frederik Bouffier wirbt um Zustimmung, Enver Dalkilic hilft dabei.

Oberbürgermeisterwahl in Gießen

CDU-Kandidat Frederik Bouffier: »The Normal One«

  • Burkhard Möller
    VonBurkhard Möller
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Wer wird ab Dezember neuer Oberbürgermeister der größten Stadt in Mittelhessen sein? Diese Frage müssen die Wähler spätestens am 24. Oktober beantworten. Vor dem ersten Wahlgang am 26. September haben wir die drei Kandidaten, die das Rennen um den Chefsessel im Rathaus unter sich ausmachen werden, im Wahlkampf begleitet. Einer von ihnen ist Frederik Bouffier von der CDU.

Beim Blick in die Zeitung dürfte Frederick Bouffier an einem Dienstag Anfang September zufrieden gewesen sein. Fast eine ganze Seite hat ihm die Rhein-Main-Ausgabe der Zeitung mit den großen Buchstaben unter der Überschrift »Bouffier-Sohn will OB von Gießen werden« gewidmet. Auch in der Lokalausgabe der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ist er porträtiert worden. Das überregionale Interesse an ihm hängt natürlich mit dem Amt des Vaters zusammen, in dessen Fußstapfen der erst 30-jährige Oberbürgermeister-Kandidat der Gießener CDU nicht nur politisch unterwegs ist.

Womit die beiden Fragen, die Frederik Bouffier in diesem Wahlkampf wohl am häufigsten gestellt bekommt, bereits angerissen wären. Auf die nach seinem Alter reagiert er mit weniger Verständnis als auf die nach dem Vater. »Ich weiß, wie alt ich bin und habe mir genau überlegt, ob ich diese Kandidatur annehmen soll«, sagt Bouffier, während er mit Parteifreunden an einem sonnigen Spätnachmittag in der Nordstadt »Klinken putzt«.

Die Frage nach dem Nachnamen beantwortet er im Gehen nüchtern: »Hat Vor- und Nachteile.« Es gebe vermutlich Leute, die ihn wegen der Politik seines Vater wählen und welche, die ihn deshalb nicht wählen werden. In beiden Fällen würde seine Persönlichkeit dann keine Rolle spielen, was schade wäre.

Quantifiziert wird die Aussage von Bouffier nicht. Aber wahrscheinlich ist der Name im Jahr 2021 eher ein Vorteil als noch zu Zeiten, als Vater Volker Bouffier als beinharter Innenminister an der Seite von Roland Koch durch die polarisierenden Landtags-Wahlkämpfe zog. Als Ministerpräsident hat er sich zum Integrator gewandelt, der seit fast zwei Wahlperioden geräuschlos mit den Grünen regiert. Das macht das »lagerübergreifende Angebot«, das sein älterer Sohn den Gießenern im OB-Wahlkampf unterbreitet, nicht nur zur Formulierung der zwingenden Voraussetzung für einen Wahlsieg in der doch eher linksliberal tickenden Unistadt.

Den Anspruch, lagerübergreifend zu wirken, füllt der CDU-Kandidat mit Leben. Zwar hat Frederik Bouffier auf der klassischen CDU-Karriereleiter in der Jungen Union schon einige Sprossen erklommen, aber dem Klischee vom Cabrio-fahrenden JU-Popper entspricht er überhaupt nicht. Obwohl er mittlerweile in die Anwaltskanzlei seines Vaters eingestiegen ist, fährt er immer noch »nur« einen VW-Golf. Seine Bescheidenheit wirkt nicht aufgesetzt, sondern passt zum Gesamtbild als »The Normal One«.

Geerdet wurde er nicht nur im Elternhaus, sondern auch durch den Sport. »Freddy« Bouffier hat auf durchaus beachtlichem Niveau Fußball gespielt, ehe ihn ein Hüftproblem bereits in jungen Jahren zum Aufhören zwang. Wer selbst im Verein Fußball gespielt hat, weiß, dass es kein Spruch ist, wenn er sagt: »In der Kabine oder auf dem Platz ist es völlig egal, ob du der Sohn des Ministerpräsidenten oder der Supermarktverkäuferin bist.« Der Fußball habe ihm die Tür zu Milieus geöffnet, die einem CDU-Nachwuchspolitiker nicht automatisch offenstehen.

Gerade in einer Stadt wie Gießen ist Fußball auch ein Sport der Migranten. Der Ex-Kicker fremdelt nicht, wenn ihm, wie bei seinem Haustürwahlkampf in der Norstadt, die alevitische Gemeinde einen Empfang bereitet, den Parteifreund Enver Dalkilic vermittelt hat. Ruckzuck steht der Tisch mit Gebäck und Obst voll, Tee wird in den Saal getragen. Viel anders wird es auch in den Heimen der Gießener Migrantenvereine nicht zugehen. Die Gastgeber tragen einige Probleme vor, Bouffier hört zu, vermeidet aber Festlegungen oder Versprechungen.

Beim Haustürwahlkampf durchs Sandfeld begleitet ihn Hanno Kern als Türöffner. Auf einer Terrasse haben die Parteifreunde vom Ortsverein Nord bei Kaffee und Kuchen zuvor einen Matchplan für den Rundgang entworfen. »Lasst euch nicht mit Bundespolitik einlullen«, gibt Kern den drei Teams mit auf den Weg. Dieser Teil der Nordstadt ist keine CDU-Hochburg mehr. »Früher lagen wir regelmäßig über 50 Prozent, mittlerweile wird auch hier viel Grün gewählt«, erzählt der langjährige Stadtverordnete und Stadtrat Johannes Dittrich.

Rund 30 Adressen klappert Bouffier in den nächsten rund drei Stunden ab. Er weist auf die Oberbürgermeisterwahl hin, stellt sich vor, verteilt seinen Flyer und führt kurze Gespräche. Das Grundklima ist positiv, Sprüche wie »die da oben« oder »ihr Politiker seid doch alle gleich« bleiben aus. Auch Desinteresse oder eine andere Kandidaten-Präferenz drücken sich freundlich aus. Bouffier gelingt es oft, aus höflicher Distanz ins Gespräch zu kommen, auch wenn es nur zum Small Talk reicht.

Zur Sache geht es nur im unteren Blumenviertel, wo Anwohner wegen des Anbaus ans LLG auf die Stadt sauer sind. Bouffier, der seit 2016 im Stadtparlament sitzt, äußert Verständnis für die Kritik an der verspäteten Bürgerbeteiligung, legt sich in der Sache aber nicht fest. Er weiß, dass die Schule gute Argumente für den Anbau hat und stellt hinterher fest: »Da ist das Kind emotional wohl in den Brunnen gefallen.« Verwenden lässt sich der Unmut über das Vorgehen der Stadt gleichwohl. Ein paar Tage später spricht Bouffier bei einem Gartenfest in Kleinlinden über Bürgerbeteiligung und erwähnt den Konflikt im Blumenviertel als Negativbeispiel.

Engagiertester Wahlkampf seit 1997

Sein Fraktionskollege Martin Schlicksupp hat den Geburtstag seiner Frau zum Anlass genommen, junge Familien aus den südlichen Stadtteilen einzuladen und mit dem CDU-Kandidaten ins Gespräch zu bringen. Schlicksupp führt durch seinen Garten und zeigt auf ein Bäumchen. Es handelt sich um einen Kiri, einen sogenannten Klimabaum, der viel klimaschädliches Kohlendioxid bindet und 15 Meter hoch werden kann. »Ich habe das Gartenamt schon auf den Baum aufmerksam gemacht«, berichtet Schlicksupp. Botschaft: Klimaschutz ist bei der CDU nicht nur ein Lippenbekenntnis.

An einem Tisch diskutiert Bouffier mit zwei jungen Vätern, die ihn freundlich interessiert ausquetschen, wie er als Einzelner angesichts komplexer Fragestellungen, divergierender Interessenlagen und dann noch gegen eine andere Parlamentsmehrheit etwas bewegen will. Am Ende, bevor die Grillwurst ruft, einigt sich man auf die Erkenntnis, dass auch ein Oberbürgermeister dicke Bretter bohren muss.

Die nicht völlig aus der Luft gegriffene Unterstellung des Pressebegleiters, dass er eigentlich eine andere (politische) Lebensplanung hat als Oberbürgermeister in Gießen zu sein, lächelt Bouffier souverän weg und spricht über seine Leidenschaft für Politik.

Sein Wahlkampf hinterlässt jedenfalls nicht den Eindruck, dass die Kampagne nur ein Zwischenstopp ist. So engagiert hat die CDU seit 1997, als der in der Partei beliebte Werner Nohl SPD-Amtsinhaber Manfred Mutz herausforderte, nicht mehr um den Chefsessel im Rathaus gekämpft. Bouffiers Ziel ist die Stichwahl am 24. Oktober, über deren Ausgang er aber nicht spekulieren mag. Als Fußballer hat er gelernt: Wer ans übernächste Spiel denkt, hat das nächste schon verloren.

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