Peter Jäger handelt mit Wohnmobilen. "Seit Corona werden wir überrannt." FOTO: SCHEPP
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Peter Jäger handelt mit Wohnmobilen. "Seit Corona werden wir überrannt." FOTO: SCHEPP

Mit dem Camper durch die Krise

  • Christoph Hoffmann
    vonChristoph Hoffmann
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Manche verbringen den Urlaub zu Hause. Andere verreisen. Und dann gibt er noch jene, die ihr Zuhause mit in den Urlaub nehmen. Die Wohnmobilbranche boomt seit Jahren. Corona kann den Trend nicht stoppen - im Gegenteil. Das merkt man auch in Gießen.

Neugierig blickt das Pärchen in den Innenraum des umgebauten Kastenwagens. Zwei Betten, Kochnische, Sitzecke, jede Menge Stauraum. Alles vorhanden, um den Urlaub auf vier Rädern zu verbringen. Zum Beispiel an der Nordsee. Der Mecklenburgischen Seenplatte. Oder im Allgäu. "Die meisten bleiben mit den Wohnmobilen in Deutschland", sagt Peter Jäger. Der Geschäftsführer des Unternehmens "MP Reisemobile Hessen" im Gewerbegebiet West versorgt die Menschen mit den dafür benötigten Wohnfahrzeugen. Allerdings muss Jäger derzeit viele Kunden vertrösten. "Die Mietfahrzeuge sind bis Oktober fast vollständig ausgebucht", sagt er, "und von den 60 Neufahrzeugen, die wir hier im März stehen hatten, ist der Großteil ebenfalls verkauft."

Die Branche boomt. 2009 zählte der Caravaning Industrieverband Deutschland 17 400 Neuzulassungen von Reisemobilen, vergangenes Jahr waren es schon 44 000. Rund 125 000 Freizeitfahrzeuge haben 2019 die Werke der deutschen Hersteller verlassen - mehr als je zuvor in einem Kalenderjahr. Allein 51 000 Fahrzeuge gingen ins Ausland.

Und dieses Jahr? "Ich hatte große Sorge. Schließlich mussten wir unser Geschäft sechs Wochen lang schließen. Der gesamte Oster-Tourismus ist uns durch die Lappen gegangen", sagt Jäger. Sein Grinsen verrät, dass sich die Befürchtungen nicht bestätigt haben. "Am ersten Tag des Lockdowns wurden wir förmlich überrannt." Menschen, die noch nie im Leben Camping-Urlaub gemacht haben, hätten händeringend nach Wohnmobilen gesucht. Die meisten der Kunden würden aus Gießen und Umgebung kommen.

Die Stadt an der Lahn ist aber nicht nur Startpunkt einer Wohnmobilreise, sondern auch Destination. Das hat einen einfachen Grund: Gießen liegt in der Mitte Deutschlands mit guter Autobahnanbindung. Viele Reisende legen hier daher einen Zwischenstopp ein. Das zeigt sich zum Beispiel Abend für Abend an den Reisemobilstellplätzen vor dem Schwimmbad an der Ringallee. Meist kommen die Gäste am Abend an, schließen ihr Fahrzeug an die Stromversorgung an und setzen ihre Reise nach Süden oder Norden ein, zwei Tage später fort.

Angeboten wird der Service von den Stadtwerken. "Die Stellplätze müssen nicht reserviert werden. Von daher wissen wir eigentlich nichts über die Leute, die dort parken", sagt Ina Weller, Pressesprecherin der SWG. Die meisten, mit denen man ins Gespräch komme, seien aber für ein paar Tage in Gießen, um sich die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten anzusehen.

Halt an Ringallee

Den Kennzeichen zufolge sind es oft Niederländer, die Gießen ansteuern. Ein Eindruck, den Katrin Fischer von der Tourist-Info bestätigen kann. "Wir haben momentan viele Niederländer, die mit dem Wohnmobil in Gießen Station machen". Die Gäste würden ein kurzes Sightseeingprogramm in der Stadt absolvieren und dann weiterreisen. Aber auch deutsche Touristen reisen mit dem Wohnmobil nach Gießen, bekräftigt SWG-Sprecherin Weller. "Es kommt auch vor, dass ein Vater für seine in Gießen studierende Tochter eine Wohnung sucht und deshalb mehrere Tage an der Ringallee parkt."

Nichtsdestotrotz ist Gießen viel häufiger Start als Ziel von Wohnmobilreisen. Heike Berger und ihren Lebensgefährten Steffen Reucker zieht es zum Beispiel Richtung Süden. "Wenn es Corona zulässt, fahren wir nach Italien. Sonst bleiben wir im Allgäu", sagt Reucker, der schon häufiger mit dem Wohnmobil verreist ist. Für Berger ist diese Art des Urlaubs hingegen Neuland. "Normalerweise fahren wir immer im Mai und/oder im September in die Türkei. Aber das ist uns derzeit zu heikel."

Wenn der Urlaub so verläuft, wie es sich die beiden erhoffen, könnte aus der Alternative durchaus die Regel werden. "Wir überlegen, uns einen Wohnwagen zu kaufen"; sagt Berger. "Der Urlaub wird jetzt also zum Testlauf."

Jäger freuen solche Worte. Und sie stimmen ihn zuversichtlich. "Durch den Lockdown an Ostern haben wir 50 000 bis 60 000 Euro an Ertrag verloren", sagt der Geschäftsführer. Dank des Ansturms danach geht er jedoch davon aus, das Geld wieder reinholen zu können. Selbst eine Steigerung zum Vorjahr hält Jäger für möglich.

Das freut nicht nur ihn, sondern auch Kundin Berger. Sie sagt: "So viele Menschen verlieren durch Corona. Es ist doch schön, wenn es auch ein paar Gewinner gibt."

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