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Das digital generierte Faultiermotiv zitiert Götz Schramm in seinem Bild aus der Werbung. FOTO: DKL

Café Deutschland im realen Leben

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Gießen(dkl). Es ist seine erste Einzelausstellung in einem Kunstverein. Götz Schramm lebt in Frankfurt, bringt zur Vernissage noch Künstlerfreunde mit, die ihre Art der Kunst präsentieren: das ist ein Musikvideo im Außenraum.

Schramm lässt sich nicht auf eine bestimmte Technik festlegen. Er kreiert raumgreifende Installationen, nutzt Malerei, Siebdruck und Plastik, ebenso digitale Medien. Seine Arbeit für den Kunstverein ist der Auftakt für sein umfassendes Kunstprojekt "Café Deutschland I.R.L.", in dem er Kunst, Gesellschaft und Politik zusammenbringt. Der Zusatz I.R.L. bedeutet: In real Life, im wirklichen Leben, gemeint im Gegensatz zum digitalen.

Doch auch das ist ambivalent, denn sein Gemälde, das erste von vieren, zitiert im Grunde Motive der digitalen Welt. Das Tiergesicht, ein digital erstelltes Faultier, ist ein Motiv aus der Werbung. Das Niedliche daran sieht er als Moment für gesellschaftlichen Zusammenhalt. Oben rechts prangt der Bundesadler in Rot, Element der staatstragenden Ordnung. Er selbst ist unten ganz klein dargestellt, unterhalb einer schwungvoll daherkommenden Welle in Purpur.

Überhaupt die Farben. Der ganze Kunstraum erscheint in Purpur, denn die Fenster sind mit entsprechender Folie beklebt. Der Raum wirkt kleiner, man ist mehr konzentriert auf die ausgewählten Kunstteile. Auch die Neonröhren außen haben eine entsprechende Hülle bekommen. Ja, es ist symbolisch gemeint, sagt er. Purpur als Farbe der Spiritualität, heutzutage auch Farbe für Gendergerechtigkeit. Und der Bildtitel "Scheinwerfer und Lautsprecher"? Davon ist nichts im Bild zu sehen. Nein, das erklärt er als zusätzliche Interpretationsebene. Er nutze dafür Songtitel von Deutschpopbands, die er gut findet.

Und was ist mit dem Projekttitel "Café Deutschland"? Da gibt es doch ein berühmtes Vorbild von Jörg Immendorf, ein Bild mit Gestalten der deutschen Geschichte. Damit verbinde ihn der Grundgedanke, Politik und Kunst zusammenzubringen.

Mindestens ebenso stark steckt auch seine eigene biografische Geschichte dahinter. Götz Schramm ist noch zu DDR-Zeit in Potsdam geboren, erste Schulerfahrungen waren nicht positiv, da die Mutter nicht Parteimitglied und der Vater schon 1984 in den Westen geflohen war. Nach der Wiedervereinigung zog die Schauspielerfamilie mit ihrem Kabarett "Götz-Gang" durch Deutschland, sei auch in Mittelhessen aufgetreten, erinnert er sich. Zwar habe er in Berlin-Weißensee Freie Kunst studiert, doch in Frankfurt (Main) sei er schon lange zu Hause.

Online kann man sein Werk in Progress besuchen auf www.cafe-deutschland.online, oder auf Instagram (@team.liebe) oder Twitter (@LiebeTeam) seine Memes betrachten. Memes sind zeitkritische Bild-Text-Kombinationen. Vier Motive daraus sind auch die Edition für den Kunstverein.

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