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Gunnar Seidel macht sich schon mal »zum Affen«, damit sich das Publikum in ihn verliebt.

Bühnenreifes Kribbeln im Bauch

  • Karola Schepp
    VonKarola Schepp
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Gießen (gl). Warum ziehen manche Menschen andere scheinbar magisch an? Was muss passieren, damit wir uns verlieben? Und kann man das auch als Schauspieler auf einer Bühne mit speziellen Techniken erreichen? Mit diesen Fragen beschäftigte sich das bislang leider nur einmalige Gastspiel »Verlieben« des Brachland-Ensembles in der taT-Studiobühne, das die Performerin und ATW-Absolventin Maria Isabel Hagen entwickelt und als One-Man-Show in Szene gesetzt hatte.

Den anderen umgarnen, ihn mit Aufmerksamkeit überschütten, ehrlich wirken und sich selbst ins beste Licht setzen - Gunnar Seidel zeigt, wie das geht. Als Schauspieler beherrscht er alle Tricks und Kniffe, um sich unwiderstehlich zu machen. Aber reicht das zum Verlieben?

»Am Ende des Abends werden sie sich in mich verlieben«, verspricht Seidel zu Beginn dem Publikum - und relativiert dieses leicht größenwahnsinnige Unterfangen auch gleich wieder. Diese Worte habe ihm seine Regisseurin ins Textbuch geschrieben, verrät er. Und holt gleich darauf aus einem Karton Erinnerungsstücke an seine verflossenen Liebschaften hervor und erzählt von seinen Jahren im Gießener Schauspielensemble, als er mit Kollegin Irina Ries immer wieder Liebesrollen übernahm. Aber kann sich ein so verkorkster Mensch wie »Wurm« aus »Kabale und Liebe« wirklich verlieben oder gar geliebt werden? Und was passiert, wenn man sich aus Liebe »zum Affen« macht? Immer wieder verzahnen sich Szenen des scheinbar privaten Gunnar Seidel mit den Bühnenrollen, die er einnimmt. Im fliegenden Wechsel tauscht er Gesichtsausdrücke und Kostüme, greift zur Gitarre und zum Recorder oder flirtet mit einer jungen Frau in der ersten Reihe mittels Schnur-Becher-Telefon.

Seidels Vorführung, dass das Gefühl des Verliebens eigentlich nur durch einen ganz besonderen »Hormoncocktail« ausgelöst wird, gerät zum Ereignis. Wegen der Corona-Beschränkungen kann Seidel nicht selbst zeigen, dass eine innige Umarmung das Kuschelhormon Serotonin ausschüttet. Hier braucht es Anschauuungshilfe eines Paares aus dem Zuschauerraum. Und wer sich eben noch gefreut hat, dass er selbst nicht so unvermittelt ins Rampenlicht gerückt wurde, dem schießt bei Seidels Durchschreiten der Zuschauerreihen auf der Suche nach weiteren Anschauungsobjekten dann doch noch Adrenalin ein - auch das eines der vielen für das Verlieben mitverantwortlichen Hormone. Als dann scheinbar gar nichts mehr hilft, die »Liebe« zu wecken, kommt Oxytocin-Spray zum Einsatz. Und spätestens dann hat sich das Publikum doch tatsächlich ein klein wenig verliebt.

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