Ein Buch wie ein Horrorfilm

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Kukolka heißt Püppchen. In der Ukraine ist es ein Kosename für ein geliebtes Mädchen. "Kukolka" heißt auch der Debütroman von Lana Lux. Doch die Hauptfigur ist alles andere als das.

Mit gnadenlosem Realismus hat die Ukrainerin Lana Lux ihren ersten Roman vorgelegt, der die einen in den Bann zieht und die anderen verstört. Ihre Lesung im "Club der jungen Dichter" des Literarischen Zentrums war nichts für zartbesaitete Seelen. Gelacht wurde im Ulenspiegel dennoch viel.

"Ich habe das Gefühl, in meiner Kindheit war nur Winter!", beginnt Samira ihre Geschichte und es ist keine heile Puppenstubenwelt. Die Regeln im Kinderheim sind nicht nur streng, Misshandlungen stehen auf der Tagesordnung. Samira hat schnell gelernt Regeln zu befolgen und Schikanen der Aufseher zu ertragen. Ein Stück Vieh ist sie als Zigeunermädchen nicht nur diesen, sondern auch den anderen Kindern. Doch Samira hat Fantasie und die hilft ihr zu überleben, "Nachtsehen" etwa, wenn sie in der Nacht die wahre Seele der Gegenstände erkennen kann. Doch lange hilft die Freiheit der Fantasie nicht gegen die brutale Realität des Lebens. Samira flieht. Bis ins ersehnte Deutschland, das Land ihrer Träume, schafft sie es erst mal nicht. Wieder stehen Ausbeutung, Gewalt und sexueller Missbrauch auf dem Plan. In einer absurden WG lernt sie nicht nur, sich mit Betteln über Wasser zu halten. Als diese Quelle versiegt, nun nicht mehr das niedliche kleine Mädchen, sind es das "Taschenputzen" und der Inhalt fremder Handtaschen, der das Überleben sichert.

In einer nüchternen, knappen Sprache lässt Lux Samira ihr Leben erzählen. Mit naiver Mädchenstimme verleiht die ausgebildete Schauspielerin ihr eine Stimme. Aus der Perspektive des misshandelten Mädchens dringen Bilder schonungsloser Brutalität ungefiltert und ungeschönt zu den Zuhörern. Aber dennoch: Der Leser weiß mehr über das Leben in der Welt. Während man Samira einen guten Rat geben wolle, meint LZG-Moderatorin Anna-Lena Heid, entwickle der Roman eine Dynamik wie ein Horrorfilm. Samira ist geprägt von der Gespaltenheit eines Kindes, das keine Kindheit hatte. Mit einer Mischung aus erwachsener, abgebrühter Illusionslosigkeit und kindlicher Naivität zieht sie den Leser sofort in Bann.

Eigene Erfahrungen und Fantasie

Lana Lux ist nicht Samira. Doch wie diese ist die quirlige und lebenslustige Ukrainerin in Dnipopretrowsk in den 80er Jahren aufgewachsen. Samiras Leben, geboren in einem Schreibworkshop, ist gespeist aus den Erfahrungen ihres eigenen Lebens und Fantasie. Doch alles was man schreibt, sei in gewisser Weise selbst erlebt, meint Lux, die als Kontingentflüchtling mit ihren Eltern nach Deutschland kam. Bei aller Recherche setze sinnliches Schreiben sinnliches Erleben voraus. Aber auch der Kindergartenalltag in der Ukraine war kein Zuckerschlecken, noch weniger die Realität für ein junges Mädchen auf der Straße, am Rande der Gesellschaft. Beides bot Vorlagen für Samiras Geschichte. Die sei zu ihr gekommen, wie ein Klumpen Teig und habe ihre eigene Dynamik entwickelt. Und wie ein entgleister Zug rauscht das Mädchen unaufhaltsam durch die Abgründe der menschlichen Existenz.

Am Ende entrinnt Samira dem ukrainischen Schrecken, doch schon nach wenigen Metern ist Berlin so hässlich wie Dnipropetrowsk und das Leben alles andere als ein Kinderspiel. (Foto: dw)

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