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Besser Brückenschloss als Brückenlockdown.

Brückenschlösser und verschlüsselte Botschaften

  • Christine Steines
    VonChristine Steines
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Ob Karl und Anna noch zusammen sind? Immerhin trägt ihr Schloss das Datum 2. Dezember 2010. Vielleicht schauen sie manchmal nach, wie viel Gesellschaft ihr Liebesbekenntnis bekommen hat. Am schmiedeeisernen Geländer über die Wieseck nicht sehr viel. Zum Glück, denn über und über vollgehängte Brückengeländer waren ganz früher mal originell und sind heute nur selten eine Zierde.

Die Sonne scheint. Noch vor wenigen Minuten trieb ein heftiger Schneeschauer die wenigen Passanten in Lony- und Löberstraße zu mehr Tempo an. Fahrradstraße, steht auf der Fahrbahn- und auf Schildern. Auf einem weiteren Schild ist »Kfz Frei« zu lesen. »Und warum dürfen dann hier Autos fahren?«, fragt ein Jugendlicher seine Mutter. Die beiden sind auf dem Weg zu ihrem geparkten Wagen. Er ist nicht der erste, der das missverständlich findet. Die Fahrradstraßen sind eben nicht frei von Kfz, sondern auch frei für Kfz. Klingt kompliziert. »Halt’s Maul«, hat jemand ein Stück weiter auf eine Fassade geschmiert. Diese Botschaft ist gar nicht kompliziert, der Sinn erschließt sich trotzdem nicht. Im Wasser taucht ein Blässhuhn nach etwas Fressbarem, unermüdlich steckt es das Köpfchen in das Wasser, das Schwänzchen in die Höh’. Im Geäst hat sich Müll verfangen. Ein Milchkarton treibt einsam in der Strömung.

In den Blumenkästen der Brückengeländer hängt noch die struppige Winterbepflanzung. Wenn es endlich richtig Frühling wird, folgen sicher bunte Sommerblumen, engagierten Anwohnern sei Dank. »Diese Pflanzen wurden von Bürgerinnen und Bürgern für Bürgerinnen und Bürger unserer Stadt gepflanzt. Bitte nicht herausreißen - sich einfach daran erfreuen«, steht sicherheitshalber auf Zetteln daneben. Vielleicht hätte ein Bürgerinnen und Bürger auch gereicht, aber den eindringlichen Appell würde wohl jeder unterschreiben. Er hat offenbar seine Wirkung getan. Alles blieb unangetastet.

In den noch kahlen Bäumen zwitschern die Vögel. Zwischen den gepflegten Jugendstil- und Gründerzeitfassaden stechen die nagelneuen futuritischen Gebäudewürfel der THM hervor. Auch die vor einigen Jahren entstandene Wohnanlage hat das Bild dieses Quartiers verändert. Viele der früheren großen Gärten sind längst Geschichte, dennoch hat es sich seinen Charme bewahrt. Ein Hund erledigt auf dem Grünstreifen des Ufers sein Geschäft, seine Besitzerin zückt pflichtschuldig einen Kotbeutel. Den Vierbeinern des Viertels geht es nicht anders als den Zweibeinern: Sie müssen sich den knapper werdenden Raum teilen.

Hinter dem Rathaus plätschert das Flüsschen etwas ungestörter. Ein Reiher hat sich auf einem Stein niedergelassen. Statuengleich steht er da - fast so wie die Kranich-Skulpturen, die früher den Innenhof des Stadthauses schmückten und nun hinter dem Alten Schloss »wohnen«. Aber vermutlich hat der Vogel von der berühmten Verwandtschaft noch nie gehört. (cg)

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